Industrietalk Zutrittslösungen: „Sicherheit ständig hinterfragen“

Komplettpaket: Beim The Niu Star Sindelfingen ist das Schließsystem „Dialock“ im Einsatz. © Novum Hospitality Group

Johannes Butz betreut beim Beschlägespezialisten Häfele Architekten, Betreiber und Investoren. Im Gespräch mit Hotel+Technik sagt der Experte, wie Hoteliers ihre Gebäude bestmöglich absichern, mit neuer Technik Mitarbeiter entlasten und sich gleichzeitig nachhaltiger aufstellen können.

Hotel+Technik: Der Häfele-Kosmos ist komplex: Das Unternehmen ist Beschlägespezialist, Experte im Bereich elektronischer Schließsysteme und bietet individuelle Lösungen für Licht und Akustik. Welche Bereiche fragt die Hotellerie am stärksten nach?

Johannes Butz: Betreiber, Generalunternehmen, Investoren und Objektausstatter bekommen bei uns alles aus einer Hand und können so umfassende Konzepte entwickeln. Gerade das Zusammenspiel von Schließanlage, Beleuchtung und Raumsteuerung wird aufgrund steigender Kosten und aus Nachhaltigkeitsgründen vermehrt nachgefragt. Immer wichtiger wird für Hotels auch die digitale Gebäudekonnektivität, weil sie eine höhere Transparenz schafft. Sie gibt Einblicke in Leistungsdaten und bildet Zustände in Echtzeit ab. Darin steckt großes Potenzial!

Ein Megatrend unserer Zeit ist unbestritten die Digitalisierung. Was sind hier die spannendsten Entwicklungen beim Thema Zutrittslösungen?

Größte Anforderungen im Hotelsegment sind vernetzte, cloudbasierte Anwendungen. Hoteliers sehen in der Schließanlage eines ihrer wichtigsten Sicherheitsmerkmale. Diese hätten sie gern von überall auf der Welt unter Kontrolle. Weiteres wichtiges Thema: Der Fachkräftemangel. Noch vor wenigen Jahren waren Self-Check-in-Terminals, die Türöffnung via Smartphone oder predictive Maintenance ein Thema der Budget-Hotellerie. Heute sind selbst Vier- oder Fünf-Sterne-Häuser auf der Suche nach digitalen Lösungen, um Mitarbeitenden zu entlasten. Zudem bewegen sich Gäste immer mehr in der digitalen Welt und nehmen dieses Angebot gern an.

Die zunehmende Digitalisierung birgt auch Gefahren. Häfele selbst ist Anfang des Jahres Opfer einer Cyberattacke geworden. Wie können Hotels ihre Zutrittssysteme absichern?

Zutrittssysteme dienen neben dem Komfort für den Gast primär der Gebäudesicherheit. Da die Vergabe und der Entzug von Rechten, beispielsweise per Smartphone-Key oder Progressive Web-App, auch aus der Ferne möglich sind, sind auch sie vernetzt. Die Absicherung kann dabei immer nur so gut sein, wie die aktuellen Sicherheitsstandards, die sich fortlaufend ändern. Optimale Sicherheit kann nur erreicht werden, wenn man sie ständig hinterfragt, kontrolliert und überwacht. Dabei ist es unerheblich, ob es um die elektronische Zutrittskontrolle oder das komplette Betriebssystem geht.

Durch regelmäßige Software-Updates profitiert man von den neuesten Erkenntnissen hinsichtlich der IT-Sicherheit. Der wichtigste Aspekt bei der Cybersicherheit ist die Absicherung nach außen. Sogenannte VPNs – Virtual Private Networks – können bei der Absicherung helfen. Viele vergessen, dass in der Sicherheitskette oft der Mensch das schwächste Glied bildet. Daher sollten Mitarbeiter für das Thema Sicherheit regelmäßig sensibilisiert werden. Eine Absicherung gegen Stromausfälle bieten etwa Lösungen zur Notbestromung oder unterbrechungsfreien Stromversorgung (USV). An Gastzimmertüren kommen überwiegend batteriebetriebene, elektronische Zutrittskomponenten zum Einsatz, die den Zutritt für den Gast per RFID-Medien oder Smartphone-Wallet ermöglichen.

"Momentan ist es vor allem der Kostendruck im Bereich Energie, der Betreiber zu nachhaltigen Lösungen animiert.“

Johannes Butz, Häfele

Meldescheine sollen bald wegfallen. Welche Chancen sehen Sie darin? 

Die Änderung bietet Chancen und Risiken zugleich. Die Bürokratie wird abgebaut, das Personal profitiert davon. Zugleich steigt aber das Risiko, dass Gäste ohne zu zahlen abreisen und nicht mehr so einfach nachverfolgt werden können.Allerdings entfällt der Meldeschein nur bei der deutschen Staatsbürgerschaft. Ausländische Gäste müssen den Meldeschein nach wie vor ausfüllen.

Der Pächterwechsel beim Ibis Styles in Nagold bot Ihnen jetzt die Gelegenheit, enger mit dem Hotel zu kooperieren. Sie bezeichnen es quasi als Zukunftslabor für die Hospitality-Branche. Was probieren Sie dort gerade Neues?

Die Kooperation zwischen Häfele und dem Ibis Styles Nagold bietet die Möglichkeit, das Hotel als Live-Showroom zu betrachten. Wir können hier Produkte und Lösungen in einem laufenden Betrieb testen. Auf diese Weise sind wir einen Schritt näher beim Kunden und gewinnen wertvolle Daten aus den Rückmeldungen von Gästen, aber auch aus der Betreibersicht. Diese Daten fließen wieder in unsere Entwicklungsprozesse ein, um bestehende Produkte zu verbessern, aber auch um neue Lösungen und Produkte für unsere Kunden und den Markt zu entwickeln.

Wie unterstützten Sie die Hotellerie darin, nachhaltiger zu werden? 

Wir sind in vielen Netzwerken, die sich mit Environmental, Social and Corporate Governance (ESG) und anderen Themen beschäftigen. Selbst die Stakeholder der Hotellerie kennen oft die genauen Anforderungen nicht, da es kein politisches Gremium gibt, das diese Regeln konkret vorgibt. Momentan ist es vor allem der Kostendruck im Bereich Energie, der die Betreibenden zu nachhaltigen Lösungen animiert. Wir nehmen diese von unseren Kunden auf und versuchen, als Lösungsanbieter zu fungieren. Deshalb beschäftigen wir uns bei Häfele in unterschiedlichen Arbeitsgruppen mit dem Themenfeld Nachhaltigkeit. Zum Beispiel im Kontext Supply Chain und Environmental Product Description (EPD). Ziel dieser nachhaltigen Produktbeschreibungen ist es, sie dem Planer digital zur Verfügung zu stellen.

Zum 100. Geburtstag hat die langjährige Firmenchefin Sibylle Thierer die Führung an Marketingchef Gregor Riekena abgegeben. Wie will sich das Unternehmen weiterentwickeln?

Die Stärken, die uns so weit gebracht haben, wollen wir behutsam weiterentwickeln. Wir haben für den Aufbruch ins zweite Unternehmensjahrhundert ein Leitmotiv entwickelt, dass uns als Kompass dienen soll: „Maximising the value of space. Together.“ Dies drückt aus, dass wir den größtmöglichen Wert in Räumen und durch Räume schaffen wollen. Und das wird nicht isoliert passieren, sondern über starke Partnerschaften und Netzwerke.