Naturhotel Die Maise Von der Scheune zum Event-Spot

Ein Wasserbecken vor dem Hoteleingang greift die Idee eines plätschernden Troges auf, wie er vielfach in Österreich zu finden ist. © Naturhotel Die Maise/Matthias Just

Das Architekturkonzept des Naturhotels Die Maise in Hayingen wurde von einer Scheune inspiriert. Bei der Entwicklung des 32-Zimmer-Hauses setzten die Inhaber Anja und Markus Stoll gemeinsam mit dem Planungsbüro Walk Architekten auf ­natürliche Materialien und Multifunktionalität. Gäste-Zielgruppen sind vor allem Hochzeitsgesellschaften und Tagungsveranstaltungen.

Mehr Idylle geht kaum: Eine knappe Fahrstunde von Stuttgart entfernt lockt mit dem Großen Lautertal im Biosphärengebiet Schwäbische Alb ein wahres Natur- und Burgenparadies. Mittendrin das Hofgut Maisenburg, zu dem eine Burgruine, 120 Hektar Wiesen und Wälder sowie ein Wildgehege gehören – und seit Juni auch das Naturhotel Die Maise.

2003 war es, als das Reutlinger Unternehmerpaar Anja und Markus Stoll – sie aus dem Marketing, er aus dem Bankensektor – das historische Kleinod übernommen und es seither zur Ganzjahres-Event-Location mit Alleinstellungsmerkmal „Winterhochzeiten“ ausgebaut hat. Allein 150 Hochzeiten stehen 2022 im Buchungskalender der Stolls. Die Gäste kommen aus der Schweiz, München, Stuttgart und dem Umland. Zusätzliche Übernachtungskapazitäten zu den bereits vorhandenen vier Suiten wurden nun mit der Erweiterung um das Hotel geschaffen. „Hochzeitsgesellschaften mit bis zu 116 Personen können wir damit jetzt locker unterbringen“, sagt Anja Stoll.

Der Weg bis dahin war kein leichter: Sieben Jahre kämpften die Stolls für ihre Pläne eines Hotelneubaus. Eine alte Scheune auf dem Gelände sollte dafür weichen, jedoch wurde der Genehmigungsprozess durch hohe Denkmal- und Naturschutzauflagen erschwert. Ein architektonischer Brückenschlag brachte die Lösung: Die Scheune wurde durch ein Hotelgebäude ersetzt, das wiederum an eine Scheune erinnert, aber auch Anleihen der Burgruine aufgreift. Eine umlaufende Holzlamellen-Optik samt Natursteinbasis macht es möglich.

Individualprojekt für einen besonderen Ort

Befreundetes Duo: Hotelinhaberin Anja Stoll und Architekt Axel Walk haben das Hotelkonzept gemeinsam entwickelt. © Brit Glocke

Der Entwurf stammt von Architekt Axel Walk vom Reutlinger Büro Walk ­Architekten. Auf die erste Skizze folgte ein intensiver Entwicklungsprozess mit Anja und Markus Stoll. Für beide Seiten war es das erste Hotelprojekt: „Wir hatten nichts in der Schublade, mussten uns alles erarbeiten“, so Axel Walk. „Das Hotel ist ein reines Individualprojekt für diesen besonderen Ort.“

Entstanden ist ein nachhaltiger zweistöckiger Holzbau auf einem steinbekleideten Erdgeschoss. Eine der architektonischen Herausforderungen war, dass das Hotelgebäude nicht höher, nicht breiter und nicht länger als die benachbarte Festscheune sein durfte. Zugleich sollte der Bau Modernität ausstrahlen, dem historischen Hofgut aber nicht die Schau stellen.


Walk Architekten

Das Reutlinger Büro Walk Architekten + Generalplaner ist auf Bauten für die öffentliche Hand, Wohn- und Geschäftshäuser, Gewerbebauten sowie Sanierung und Denkmalschutz spezialisiert. 1962 von Peter Walk gegründet, wird das Unternehmen seit 2013 von Axel Walk geführt. Das Aufgabenspektrum umfasst Architekten- und Generalplanerleistungen in allen Leistungsphasen. Mit dem Naturhotel Die Maise hat das Büro sein erstes Hotelprojekt realisiert. www.walkarchitekten.de


Die Schlichtheit der Holzverkleidung trägt dem Rechnung. Diese ist der umlaufenden Balkonebene vorgelagert. Die Lamellen wurden verschwingt gedreht angeordnet, damit sie mehr Spiel bekommen. „Von außen sieht das, je nach Perspektive, ziemlich geschlossen aus, doch von innen ist der Eindruck komplett anderes“, so Axel Walk. „Die durchlaufenden Lamellen bieten angenehmen Sichtschutz, und die bodentiefen Fenster lassen viel Licht in die Zimmer.“

Einen modernen Touch bekam die Architektur zudem durch eine Drehung des Baukörpers im Bereich des Untergeschosses, hangseitig auf der Rückseite des Hotels gelegen – mit Blickachse ins Naturschutzgebiet. „Hier nahm die Planung ihren Anfang“, sagt Axel Walk. „Denn diesen einmaligen Ausblick ins Tal sollten Gäste künftig genießen können, wenn sie in der Sauna sitzen. So kam das Verdrehen zustande.“

Das Thema "Naturhotel" gab die Richtung vor

Außer dem Wellnessbereich verfügt das neue Hotel über 32 Zimmer, eine Lobby-Lounge, ein Restaurant, eine Bar und ein kleines Kino. Der Purismus der Außenfassade setzt sich im Inneren fort. Vorherrschende Materialien sind Jurakalk, Eiche, schwarzer Stahl und Beton. Letzterer dominiert im Erdgeschoss. „Das wirkt erst einmal kühl und rough, die Gäste fühlen sich aber sofort wohl“, sagt Anja Stoll, der es wichtig war, ein Gefühl von Nach-Hause-Kommen zu vermitteln.

Das multifunktional konzipierte, in diverse Zonen unterteilte Erdgeschoss trägt seinen Teil dazu bei: Die Bar mit ihren verschieden großen Pendelleuchten (Foto Seite 39) nehmen die Gäste beim Betreten des Hotels als erstes wahr. Sie dient zugleich als Rezeption. Das Restaurant wiederum wird bei Bedarf zum Tagungs- und Veranstaltungsraum, das Frühstücksbuffet mit Front-Cooking-Station und freistehendem Tischblock wandelt sich zur Eventfläche für die Wild-Kochkurse von Markus Stoll. Hinzu kommt eine Lounge- und Kamin-Ecke vis-à-vis der Bar, Büro und Küche befinden sich rückwärtig zur selben. „Alles wirkt überschaubar und eng beieinander“, erläutert Anja Stoll. „Das sorgt für Gemütlichkeit, sodass die Gäste hier tagsüber wie abends gern Zeit verbringen.“


Naturhotel Die Maise

Inhaber/Bauherren: Anja & Markus Stoll, Hofgut Maisenburg
Architektur: Walk Architekten, Reutlingen – Axel Walk mit Janine Stehlig
Innenarchitektur: Walk Architekten, Axel Walk; ­­Anja Stoll; Kersting Objekteinrichtungen
Landschaftsarchitektur: Annette Sinz-Beerstecher, Freiraum Conzept, Rottenburg
Bauzeit: 10/2021 bis 05/2022
Eröffnungsdatum: Juni 2022
Nutzfläche nach DIN 277: 1.463 m²
Bruttorauminhalt: 8.160 m³
Zimmer: 32
Zimmergröße: 17,5/26,5/33 m²
Zimmerpreise: ab 168 Euro DZ/Nacht inklusive Wellnessnutzung
Investitionssumme: keine Angabe
Adresse: Maisenburg 1, 72534 Hayingen
Kontakt: www.maisenburg.de


Auf das Erdgeschoss folgen zwei Stockwerke mit 32 zumeist Doppelzimmern, alle mit Balkon. Die Zimmertypen – eine schmalere und eine breite Variante – ergaben sich aus der Gebäudestruktur. Der Look: reduziert, cosy, mit skandinavischen Anleihen. Das Thema „Naturhotel“ gab beim Interior die Richtung vor: echte Juraböden, Ausblendungen mit Eichenholz, Leder, Felle und Leinenüberwürfe sorgen für Behaglichkeit.

Die schmalen, 17,5 Quadratmeter großen Zimmer erforderten zudem durchdachte platzsparende Gestaltungslösungen: Statt breiter Kopfteile tat es bei den Boxspringbetten auch ein mit Stoff bezogenes Wandpaneel, statt tiefer Schränke eine Regallösung. In den 26,5 bis 33 Quadratmeter großen Zimmern gab es mehr Spielraum. Hier wurden die Kopfteile der freistehenden Betten als Block gestaltet, der zugleich als Schreibtisch genutzt werden kann, mit Würfelhockern als Sitzmöglichkeit. Eichenschränke im Leistenlook sorgen für japanisches Flair und Transparenz.

Durchdacht bis in die Außenbereiche

Viel Liebe hat Anja Stoll ins Detail investiert: Von den Bitte-nicht-Stören-Schildern aus Leder über stilisierte Holznägel als Aufhäng-Elemente bis hin zum Logo, das sowohl eine Meise kopfüber symbolisiert, als auch eine Blüte und ein Herz – „für die vielen Hochzeiten, die wir hier ausrichten“. Schwarz-Weiß-Fotografien von Waldtieren nehmen Bezug auf die Zimmernamen wie „Biberburg“, „Fuchsbau“ oder „Eichhörnchenkobel“, die nach den Bauten der Tiere ausgewählt wurden.

Dazu zieht sich ein wiederkehrendes Pattern – sprich Muster – durchs gesamte Haus, das stark vergrößert und eher abstrakt Zweige eines Nestes darstellt. Es findet sich auf den Glastrennelementen in den Zimmern, am Bartresen und an der Aufzugsdecke, auf dem Briefpapier und als dreidimensionale Regalform im Wellnessbereich.

Für die Gestaltung der Gartenanlage rund um das Hotel wurde eine Landschaftsarchitektin zu Rate gezogen. „Dadurch blüht es das ganze Jahr über“, so Stoll. „Der Fokus liegt auf heimischen Gehölzen wie Säuleneichen, Eiben, Limelight Hortensien.“ Zusätzlich wurden kleine Sitz- und Lounge-Inseln angelegt, die bei Tagungen gern für Gruppenarbeiten im Freien genutzt werden. Verzinktes Metall und massive Vollholzbretter machen die eigens gefertigten Outdoor-Bänke winterfest. Ein Wasserbecken vor dem Hoteleingang greift die Idee eines plätschernden Troges auf, wie er vielfach in Österreich zu finden ist. Und auch der Nachhaltigkeitsgedanke wird bereits weitergesponnen: Als nächstes wollen die Hotelinhaber eine Holzhackschnitzelheizanlage installieren.

Mit der Hoteleröffnung hat das Firmenkundengeschäft des Hofguts Maisenburg nochmals angezogen, Anfragen für Teambuildings und Retreats sind hinzugekommen. Die Reaktionen auf das schlichte Gebäude sind durchweg positiv: Erst die Bauarbeiter, jetzt die Gäste – alle finden es schön“, sagt Axel Walk. „Vermutlich, weil es die Urform eines Hauses zeigt – einfach, klar und nachvollziehbar. Das spricht viele Menschen an.“

Brit Glocke