The Lovelace, München Das Hotel-Happening

Beim Barbier im Empfangsatrium können sich Hipster ganz entspannt bei Kaffeeduft den Bart stutzen lassen. © Steve Herud
Als temporäres Zwischennutzungsprojekt holt das Lovelace für die nächsten zwei Jahre nicht nur Hotelgäste, sondern ganz München in ein ehemaliges Bankgebäude im Herzen der Stadt – zum Übernachten, Essen und Feiern, oder um Events rund um Kultur, Politik, Mode und Design zu erleben.

Dieser Teil der Münchener Innenstadt ist voller behüteter Einkaufspassagen, schicker Designläden, nobler Hotels und geordneter Verhältnisse – also irgendwie genau das Gegenteil von The Lovelace. Das Lovelace ist provisorisch, subversiv, bunt, überraschend und steht überdies allen offen, die sich darauf einlassen wollen. Es ist weder hinsichtlich seiner Nutzung noch hinsichtlich seiner Nutzer eindeutig kategorisierbar, sondern vielmehr ein Stück Stadt, das seit September durch die stets offenen Türen ins Innere der ehemaligen Bayerischen Staatsbank fließt und dort lebhaft pulsiert. Besucher dürfen sich auf unterschiedlichste Veranstaltungsflächen freuen, auf drei Bars, ein Café, eine Streetkitchen, einen Barbier und mehrere Pop-up-Shops. Den Kern des auf zwei Jahre befristeten Zwischennutzungsprojekts bildet jedoch ein Hotel, dessen 30 Zimmer und Suiten die alten Büros der Bankvorstände belegen. 2019 soll das erst im Jahr 2005 entkernte und als Veranstaltungs- und Vorstandssitz der HypoVereinsbank umgeplante Gebäude abermals entkernt und schließlich von der Eigentümerin des Hauses, der Schörghuber Unternehmensgruppe, zum Luxushotel ausgebaut werden.

Hotel-Kultur-Gastronomie-Pop-up als Bühne für die Stadt

Hinter den Lovelace-Gründern Michi Kern, Lissie Kieser und Gregor Wöltje steht ein Partner-Team aus sieben Münchenern (Andreas Greite, Pete und Senta Hannewald, Wolfgang Huber, Alexander Lutz, Cambis Sharegh und Andreas Zapp), die sich mit insgesamt 1,5 Millionen Euro Privatkapital und ihrem Know-how der Bereiche Gastronomie, Kunst, Mode, Nachhaltigkeit, Design und Musik in das Projekt einbrachten. „Ein dem heutigen Lovelace ähnliches Konzept hatten wir gut ein Jahr zuvor für die ehemalige Likörfabrik Anton Riemerschmid auf der Münchener Praterinsel gemacht“, sagt Gregor Wöltje. „Auch dort waren Hotelnutzung, Gastronomie und Kultur eng verwoben.“ Als die Initiatoren die drei oberen Geschosse des denkmalgeschützten Bankgebäudes Anfang 2017 zur Zwischenmiete angeboten hatten (das Erdgeschoss war bereits an Funk Catering vergeben), stand daher ziemlich schnell fest, dass dies der richtige Ort für diese Art der unkonventionellen Gemischtnutzung war. Hier sollen Menschen nicht nur wohnen, sondern selbst aktiv werden können: in Ausstellungen, Performances, Konzerten, Lesungen und Filmvorführungen ebenso wie in Club-Nights, Partys oder Business Events. Das Lovelace hat „keine Gäste, sondern Kollaborateure“, verkündet dessen Website.

Marmor, Glas und Schallschutz wie im Tonstudio

Von außen ist vom Lovelace zunächst nicht viel zu sehen. Im altehrwürdigen Eingangsportal in der Kardinal-Faulhaber-Straße lehnen einige minimalistisch schwarz-weiße Schilder wie zufällig an den Wänden. Aufschriften wie „no one belongs here more than you“ oder „all places are temporary places“ lotsen Besucher in ein prächtiges altes Marmortreppenhaus. Von dort führt der Weg ins erste Obergeschoss zum Empfangsbereich des Hotels, wo sich die gut 5.000 Quadratmeter große, auf drei Ebenen verteilte Welt des Lovelace eröffnet. Räumlich prägend sind die beiden glasgedeckten Atrien mit umlaufenden Galerien, die einen riesigen Innenraum mit vielfältigen Blickbezügen schaffen. Diese Raumkonfiguration, die überall im Gebäude weitgehend dem Originalzustand von 2005 entspricht, bot optimale räumliche Voraussetzungen. Einerseits gab es im dritten Obergeschoss viele kleinteilige Raumeinheiten mit Glaswänden zu den Galerien, die sich ideal als separate Bars, Studios, Shops und Veranstaltungsflächen eigneten. Andererseits verfügten die großen, vier Meter hohen Büros im ersten und zweiten Stock allesamt über einzigartige Blickbezüge auf die prunkvollen Fassaden der Nachbargebäude. Eine weitere wesentliche Eigenschaft der Zimmer betrifft den Schallschutz. Weil es sich hier um Vorstandsbüros handelte, weisen Wände und Türen sehr hohe Schalldämmmaße auf, die effektiv jegliche Lärmbelästigung, z.B. von den nachts im Lovelace stattfindenden Konzerten, von den Hotelgästen fernhalten. „In den Zimmern herrscht die Ruhe eines Tonstudios, sodass unsere Gäste immer wieder davon berichten, hier außerordentlich gut zu schlafen“, so Gregor Wöltje.

Ohne diese Voraussetzungen wäre das Zwischennutzungsprojekt wohl kaum möglich gewesen, schlicht weil für aufwendige Um- oder Ausbauten nicht das Geld und durch den befristeten Mietvertrag auch nur begrenzt Zeit zur Verfügung stand. Mit Blick auf die Zeitschiene herausfordernd war einerseits, dass die Gebäudeausrüstung so hochwertig war, dass jede Veränderung oder Umprogrammierung sehr teuer geworden wäre – deshalb wurden teilweise komplett neue Stromkreise verlegt. Andererseits verlangten die Baubehörden nach einem ordentlichen Genehmigungsverfahren mit mehrmonatiger Bearbeitungszeit, obwohl nur minimale Eingriffe innerhalb eines völlig intakten Gebäudes geplant waren.

Die Hotelzimmer: minimale Eingriffe, maximale Gestaltung

Waren im ehemaligen Bankgebäude vor allem flächige Beige- und Grautöne vorherrschend, wird das Empfangsatrium heute insbesondere von bunten Leuchtschriften hinter einem weißen Fadenvorhang sowie eigens angefertigten Tapeten mit kraftvollen Pflanzenmotiven geprägt. Letztere beziehen sich konzeptionell auf die im dritten Obergeschoss schon vorhandenen Pflanzenwände. „Insgesamt wirkt die Gestaltung vielleicht deshalb so stimmig, weil wir uns immer auf etwas bezogen haben, was schon da war. Bei den Tapeten haben wir etwa die im Gebäude bereits vorhandenen dunklen Farben aufgenommen und weitergesponnen“, so Gregor Wöltje.

In den 21 bis 52 Quadratmeter großen Zimmern gelingt es vor allem durch eine neue umlaufende Wandschicht aus Vorhangstoff von Kvadrat, den ehemaligen Büros mit relativ einfachen Mitteln eine neue Identität und zudem viel Wohnlichkeit zu verleihen. Die Stoffwand trug außerdem dazu bei, den Umbauaufwand in den Zimmern zu minimieren: Wände und Einbau-Wandschränke blieben unangetastet, und auch die notwendigen neuen Leitungen ließen sich – für Hotelgäste nicht sichtbar – problemlos auf Putz verlegen. Unterbrochen oder wohlinszeniert beiseite geschoben ist die Stoffwand lediglich an den Fenstern und Türen sowie in Bereichen, in denen die alten Schranktüren entfernt und neue Regalböden ergänzt wurden. Zum hochwertigen Ambiente in den Zimmern und zur Rechtfertigung von Zimmerpreisen zwischen 150 und 600 Euro tragen neben raumhohen Werken des Münchener Künstlers Florian Süssmayr auch eine hochwertige Möblierung bei: z.B. Naturbetten von COCO-MAT, Stühle von Vitra, Sofas und Side-Tables von Bolia, Sound-Systeme von Sonos und eigens angefertigte Lovelace-Lampen von Andreas Martin-Löf. Die massiven Eichenholzparkettböden, schalldämmende Fenster und das Klimasystem mit Kühldecken und Lüftung stammen noch aus der Zeit des letzten Umbaus.

Aufwendigere Umbauten im Bereich der Zimmer erfolgten vor allem, um Bäder zu ergänzen. Diese befinden sich in einem Flurbereich zwischen Galerie und Zimmer, der früher als Garderobe und parallel zur Galerie verlaufender Rettungsweg diente. Hier gab es abgehängte Decken, die sich wunderbar zur Unterbringung neuer Leitungen eigneten. Da jedoch durch die neuen Bäder zugleich der geschützte Rettungsweg entfiel, musste die offene Galerie zum Atrium in den Bereichen vor den Hotelzimmern mit einer zweigeschossig hohen Wand geschlossen werden. Diese Wand bietet den Hotelgästen auf der einen Seite zusätzliche Privatsphäre, während sie auf der anderen Seite, wie im Empfangsatrium, die Möglichkeit der künstlerischen Bespielung eröffnet. Michi Kern, Lissie Kieser und Gregor Wöltje, die das Lovelace operativ betreiben und maßgeblich auch für dessen Gestaltung verantwortlich sind, verfolgten nicht den Anspruch eines perfekten neuen Looks, der sich anderswo wiederholen ließe. „Und so brauchten wir keinen bestimmenden Architekten, der uns seinen Stempel aufdrückt, sondern Partner, die uns in einem gemeinsamen Prozess mit ihrem Know-how unterstützen. Am Ende entstand eine Art Puzzlespiel, dessen Teile sich so zusammenfügen, dass es zu uns allen passt.“

Ein Hybrid mit Raum für eigene Interpretationen

Angebote des Hotels, die über das einzelne Zimmer hinausgehen, finden durchwegs im öffentlichen Teil des Hotel-Happenings statt. Das Frühstück steht im Café des Empfangsatriums im ersten Obergeschoss bereit, weitere Speisen werden von der Streetkitchen überall im Haus geliefert, Spa-Bereiche und andere Extras gibt es nicht. Dafür residieren die Gäste in einem raumgewordenen Experiment, das die unterschiedlichsten Menschen auf eine Weise ins Hotel holt, wie es früher vielleicht den großen Grand Hotels gelungen ist. The Lovelace entzieht sich den üblichen Definitionsversuchen. Das zeigt sich nicht zuletzt auch im Namen, der sich auf zwei prominente Frauen bezieht: Ada Lovelace, eine britische Mathematikerin aus dem 19. Jahrhundert, und Linda Lovelace, eine berühmte amerikanische Pornodarstellerin der 1970er-Jahre. Für die einen ist das Lovelace ein Hotel mit ausgedehnten Gastronomie- und Eventbereichen, während andere eher eine Event-Location sehen, in der man auch übernachten kann. Beides ist richtig.

Autor: Roland Pawlitschko

Steckbrief

  • The Lovelace
    Kardinal-Faulhaber-Straße 1
    80333 München
    www.thelovelace.com
  • Eröffnung:
    September 2017
  • Konzept und gestalterische Leitung:
    Michi Kern, Lissie Kieser, Gregor Wöltje
  • Zimmer-Design:
    RBS Group (Alexander Strub, Jennifer Brunn, Jonas Gorke)
  • Technische Ingenieure:
    Tucher&Partner (Peter Trießl)
  • Gestaltung Medienwand Lobby:
    Double Standards (Chris Rehberger)
    Gestaltung Tapete: A Kind of Guise
  • Kunstwerke in den Räumen:
    Florian Süssmayr
  • Zimmer: 30
  • Zimmerpreis: ab 150 Euro