Exklusiv-Interview mit Reto Wittwer »Wir greifen voll an«

Reto Wittwer ist zurück (Foto: Smart Hospitality Solutions)

Zurück im internationalen Hotelgeschäft: Drei Jahre nach dem Streit mit Kempinski, der in Betrugsvorwürfen gipfelte und schließlich außergerichtlich beigelegt wurde, hat der bald 70-jährige Reto Wittwer wieder Fuß gefasst. Im Exklusiv-Interview erklärt er seine Pläne.

Mit voller Kraft und sehr viel Optimismus wirbelt Reto Wittwer wieder rund um den Globus. Neue Luxushotel-Managementverträge hier, neue kontemporäre Hotelprojekte da – alles schön gepaart mit Beratermandaten, wie kürzlich eben bei der Königin von Bhutan. Die drei Jahre Distanz zum Kempinski-Abschied haben ihm offensichtlich gut getan. Eine Prise Unaufgeregtheit begleitet ihn jetzt und das darf er sich nach 30 Jahren als CEO und Präsident von drei internationalen Luxushotelgruppen auch erlauben. Top hotel traf Reto Wittwer zum Gespräch und wollte zuerst noch einmal auf die Vergangenheit zu sprechen kommen.

Top hotel: Herr Wittwer, wie geht es Ihnen heute?
Reto Wittwer: Mir geht es besser denn je. Ich fühle mich nicht nur gesundheitlich sehr gut, sondern habe auch wieder Motivation und Leidenschaft für neue und große Aufgaben gefunden.

Top hotel: Und dies, nachdem das Ende bei Kempinski doch sehr intensiv war?
Wittwer: Stimmt. Der unglückliche Abgang hat mich zwar nicht demoralisiert, aber doch persönlich getroffen. Man weiß, was ich in den vergangenen 20 Jahren für Kempinski geleistet habe. Und ich denke, dass ich einen solchen Abschied nicht verdient habe.

Top hotel: Ist denn jetzt alles geklärt?
Wittwer: Es gibt keine rechtlichen Auseinandersetzungen mehr. Kempinski hat alle Strafanzeigen zurückgezogen und die angefallenen Gerichtskosten übernommen. Meine Rehabilitierung ist vollumfänglich.

Top hotel: Aber die Geschichte hat einen üblen Nachgeschmack hinterlassen?
Wittwer: Der Schaden, den die zwei Protagonisten in dieser Geschichte ausgelöst haben, ist in der Tat enorm. Dass dann sowohl der Aufsichtsratsvorsitzende wie auch der neue CEO ihres Amtes enthoben wurden, ändert nichts an der Tatsache, dass vor allem das Unternehmen und die Marke Kempinski die großen Verlierer sind.

Top hotel: Wie denken Sie heute über die Hotelgruppe Kempinski?
Wittwer: Für mich ist das Kapitel abgeschlossen und ich sehe heute meine 20 Jahre bei Kempinski einfach als Teil meiner gesamten Karriere. So wie ich vorher schon CEO und Präsident bei CIGA Hotels und der Swissôtel-Gruppe war. Wenn ich mich jetzt an Kempinski erinnere, dann eher an die große Zahl an Freundschaften, die ich über die Jahre schließen konnte. Und dann auch an bestimmte Projekte: So führten wir beispielsweise ein MBA-Programm für alle Senior Executives ein oder wir organisierten einen sogenannten ­»Karrieretag« für 1.000 junge Menschen aus ganz Europa. Über die Hälfte dieser Bewerberinnen und Bewerber reisten damals mit einer sofortigen Job-Offerte nach Hause.

 

 

Top hotel: Und jetzt? Was macht Reto Wittwer genau?
Wittwer: Nun, zuerst brauchte ich schon etwas Zeit für mich. Es war zwar nicht ein richtiges »Sabbatical«, aber ein wenig Pause war nötig. Ich engagierte mich beispielsweise mit Martin Barth als Chairman beim World Tourism Forum Lucerne (WTFL) oder diente diversen Kontakten rund um den Globus mit meiner Erfahrung. Diese Beratertätigkeiten führe ich weiterhin aus, aber gleichzeitig wird es jetzt wieder ernst. Zusammen mit einem anderen ehemaligen Kempinski-Manager, Ulrich Eckhardt, gründete ich im vergangenen Jahr die Management-Firma Smart Hospitality Solutions (SHS) mit Sitz in den Vereinigten Arabischen Emiraten.

Top hotel: Vermieten Sie »nur« Ihre Erfahrung oder bauen Sie wieder eine Hotelkette auf?
Wittwer: Wir greifen voll an. Einerseits mit einem Luxushotel-Konzept und andererseits mit einem neuen Hotelprojekt im Bereich der First-Class-Kategorie.

Top hotel: Bleiben wir bei der Luxushotellerie. Welchen Pfeil haben Sie im Köcher?
Wittwer: Wir sind bereits auf dem Markt. Am 1. Januar 2018 übernahmen wir das Management des Hotel Ajman, einem früheren Kempinski-Haus, und werden dies als eine Art Flagship-Hotel im Luxusbereich führen. Dazu haben wir den Brand Blazon kreiert, der aber im Markt nicht verwendet wird, sondern nur den Investoren als Orientierung gilt. Blazon soll wieder die wahre Luxushotellerie präsentieren und sich dabei gegen die immer strenger standardisierten Dienstleistungen auch im High-End-Segment wehren.

Top hotel: Der Kunde ist und bleibt König.
Wittwer: Ganz genau. Erstens wollen wir eine Gastfreundschaft bieten, die jeder Kunde rund um die Uhr nutzen kann. Lust auf einen kleinen Snack oder etwas Fitnesstraining nach einem langen Flug? Das soll durch die ganze Nacht möglich sein. Dafür zahlt das richtige Zielpublikum gerne und wird bei exzellenter Ausführung der Dienstleistungen dann auch fast automatisch zu wertvollen Stammkunden. Und zweitens setzen wir wieder auf die klassischen Concierges, die dem Gast als Gastgeber, Ratgeber und logistische Assistenten rund um die Uhr zur Verfügung stehen.

Top hotel: Was sind Ihre Pläne mit dem Blazon-Brand?
Wittwer: Es geht uns nicht um absolutes Wachstum. Wir suchen einzelne Häuser, die im wahrsten Sinne des Wortes eigenartig sind, individuell, authentisch und kulturell-historisch mit ihrem Standort und den Menschen dort verbunden. Deshalb ist der Brand Blazon auch nicht primär ein Marketing-Instrument, sondern dient den Besitzern und Investoren mit dem Management und Betreiben deren Hotels. Eckhardt und ich sehen uns dabei als Coaches für die Hotelbesitzer, um mit ihnen zusammen eine langfristig und erfolgreiche Zusammenarbeit auszulösen. Wie gesagt, ist unser erstes Hotel mit Management-Auftrag seit Anfang Jahr auf dem Markt; das Ajman direkt am Persischen Golf. Dort werden wir unsere Werte und Standards einführen, weiterentwickeln und das Haus quasi als Ausgangspunkt und Benchmark für unsere Blazon-Reise nehmen.

Das gesamte Interview mit Reto Wittwer lesen Sie in der März-Ausgabe von Top hotel bzw. der Top hotel – Ausgabe Schweiz