Berufsbekleidung Her mit den Typen!

In der modernen Hotellerie sind Persönlichkeiten gesucht, die dem Haus Seele einhauchen und Individualität verleihen. Steife Uniformen und langweiliger Einheitslook sind da fehl am Platz. Zunehmend geben Hotels daher inzwischen den Angestellten selbst ein Mitspracherecht bei der Bekleidungswahl und greifen auch auf moderne Fashion-Label zurück.
Mit der verkrampften Uniformität von früher hat Berufsbekleidung inzwischen meist nicht mehr viel gemein. Moderne Outfits sind schick, ungezwungen und vor allem individuell. Sie sind Teil der Corporate Communications und machen die Philosophie und die »Story« eines Hotels sichtbar. »Die Kleidung ist also eine Botschaft, wie das Hotel verstanden werden will und mit dem Gast kommunizieren möchte«, weiß Hotelexperte Pierre Nierhaus.
Die jungen Lifestyle-Hotels wollen sich lässig und vor allem unkonventionell – und damit nicht zuletzt auch als attraktiver Arbeitgeber – präsentieren. »Individualisierung ist ein Mega-Trend in der Hotellerie und eine weltweit gleiche Uniform oder ein klassischer Hoteldress sind da für mich nicht mehr ganz zeitgemäß«, meint Philip Ibrahim, Direktor im Mercure Hotel Berlin City. »Ein modernes Produkt mit hippen, tätowierten und echten Persönlichkeiten braucht weniger Konformität und Gleichheit.« Denn so wie die Berufsbekleidung muss auch der Mitarbeiter – inklusive Outfit – zum Hotel passen, um ein glaubwürdiges Bild nach außen zu tragen. In dem Berliner Haus konnten alle Angestellten Ideen zur Berufsbekleidung einbringen. Vorgemacht hat es das Schwesterhotel in München. Dort hat Benedikt Heydweiller, inzwischen GM im Berliner Haus Checkpoint Charlie, gemeinsam mit einer interdsiziplinären Arbeitsgruppe und Change-Spezialist Pierre Nierhaus das Restaurant-Konzept »Relax« für die zwei Pilothotels in München und Eschborn entwickelt. Nach und nach wird das Programm in weitere Mercure-Häuser implementiert. Statt den Angestellten wie früher Uniformen vorzuschreiben, durften sie selbst über das Outfit entscheiden. »Wir vertreten die Ansicht, dass wir jeden unserer Mitarbeiter als Persönlichkeit erkennen und wertschätzen. Sehr vereinfacht gesagt wollen wir sie für unsere Konzepte begeistern! Das geschieht am besten durch eine frühe Einbindung in die Planung. ›Feel welcome – dieses Motto gilt sowohl für die Gäste als auch für die Mitarbeiter«, resümiert Heydweiller. Trotz aller Freiheiten war es dennoch eines der Hauptanliegen des Teams, auch als solches erkennbar zu sein. »In einem Shooting präsentierten sich unsere ›Stars‹ rund um Direktor Jörg Hansmann in ihren Lieblingsmomenten und Rollen in ihren gewünschten Outfits«, so Heydweiller (Fotos oben). Diese »Stars«, wie er die Mitarbeiter nennt, haben sich bei einer gemeinsamen Shoppingtour frei und herstellerunabhängig für ein Hemd bzw. Bluse (Olymp) entschieden, das zwar locker ist, aber trotzdem einem gewissen Vier-Sterne-Hotel-Anspruch genügt. Dazu tragen sie Jeans und Sneaker. Darüber hinaus gibt es – als einziges Erkennungszeichen – mindestens drei verschiedenfarbige Schürzen zur freien Kombination. »Tattoos und Piercings sind egal bis herzlich willkommen«, sagt Benedikt Heydweiller, »aber wir legen großen Wert auf eine gepflegte Erscheinung. Ungepflegt und ungewaschen zu sein hat nichts mit Individualität zu tun.«
Ähnlich sieht es Sven Pusch, Hotelmanager im jungen Lindner-Ableger me and all hotel Düsseldorf: »Die Angestellten sollen sich in ihrer Kleidung wohlfühlen – und nicht ›verkleidet‹, gleichzeitig soll den Gästen vermittelt werden, dass sich in unserem Hotel alle auf einer Augenhöhe befinden und unsere Mitarbeiter so sein dürfen, wie sie eben sind.« Das Boutique-Hotel ist mit der Bekleidungshauskette Peek & Cloppenburg mit Sitz in Düsseldorf eine Kooperation eingegangen: Das Team wählt zwischen fünf gebrandeten T-Shirts (Einstein & Newton) und drei Blusen bzw. Hemden sowie Jeans (Pepe, Levi‘s). Zudem tragen die Mitarbeiter Sneaker (Vans) sowie Caps eines Kölner Start-ups. »Aktuell halten wir schon wieder nach neuen Trends und Marken Ausschau«, verrät der GM.  Für die Zukunft sei eine Kooperation mit einem aufstrebenden Fashion-Label angestrebt, von dem die Kleidung direkt über einen Online-Shop bezogen werden könne. »Hierzu sind wir bereits in Verhandlungen mit mehreren möglichen Partnern.« Die Outfits kommen beim Team so gut an, dass sie selbst in der Freizeit gerne getragen werden. Dass ein solch lässiges Bekleidungskonzept für einige Hotelgäste allerdings (noch) ein ungewohnter Anblick ist, zeigt ein Kommentar auf tripadvisor.de: »Lockerer Umgang, aber ein sehr höflicher und hilfsbereiter Service macht das Konzept sehr sympathisch (...) Warum die Mitarbeiter aber Holzfäller-Hemden tragen, habe ich nicht verstanden.«
Trotz aller Lässigkeit und Mut zu Individualität – in erster Linie geht es dennoch darum, sich optisch von den Gästen abzuheben. »Individualisierung hat da ihre Grenzen, wo der Gast nicht mehr imstande ist, die Crew in ihrer Funktion zu erkennen. So gesehen im Andaz Hotel in Los Angeles, wo die Mitarbeiter genauso lässig gekleidet sind wie die Filmleute«, erinnert sich Pierre Nierhaus. »Der Gast ist gezwungen, in der Lobby die Menschen zu beobachten, um anhand der Tätigkeit die Gäste von Mitarbeitern zu unterscheiden. Das ist kontraproduktiv.«