ESG Nachhaltigkeit bestimmt den Wert

In Bielefeld entsteht ein Intercity Hotel mit thermisch optimierter Gebäudehülle. © GBI Holding AG

Investoren achten verstärkt darauf, wie ESG-konform Hotelimmobilien gebaut wurden. Umwelt, Soziales und eine entsprechende Unternehmensführung werden zur wichtigen Währung. Doch über die Messbarkeit der Kriterien herrscht noch Uneinigkeit.

Trotz der anhaltenden Gesundheits­krise beschäftigen sich Entwick­lerinnen, Bestandshalter und Be­treibende von Hotelimmobilien bereits seit einigen Monaten ausführlich mit der Thematik ESG“, sagt Simon Manstein, Consultant bei der Unternehmsberatung Mrp Hotels. Ein maßgeblicher Grund für das Auseinandersetzen mit Environmental Social Governance (ESG) sei eine in Aus­arbeitung befindliche EU-Taxonomie, die der Freiwilligkeit von nachhaltigem Un­ternehmertum und Investment schritt­weise ein Ende bereite. „Beginnend mit dem Pariser Klimagipfel 2015 und inhalt­lich aufbauend auf diverse Aktionspläne wie die 17 SDG und die PRI der Vereinten Nationen, findet das Regelwerk mit dem Ziel der Klimaneutralität bis 2050 Umset­zung“, so Manstein (Anm. d. Red.: SDG = Sustainable Development Goals, also Ziele für nachhaltige Entwicklung; PRI = Principles for Responsible Investment, also Prinzipien für verantwortungs­bewusste Investitionen).

Den sprichwörtlichen Fuß in der Tür habe der Gesetzgeber über den Kapital­markt und durch die Lenkung von Finanz­strömen. Betroffen seien demnach vor­neh­mlich Unternehmen mit erheblichem Kapitalaufwand, also Investoren, Finanzierende und Immobilienunter­nehmen. Es sei zu erwarten, dass künftig auch immer mehr die Betreibenden und deren unternehmerisches Handeln in den Fokus geraten.

Aktuell spielten ESG-Fak­toren bei der Betreiberwahl jedoch nur eine untergeordnete Rolle. Für Investorin­nen und Investoren relevante ESG-Fakto­ren seien aktuell bautechnischer Natur. Eine digitale Talkrunde des Immobi­li­enberatungsunternehmens Drees & Som­­mer im Februar 2022 zum Thema ESG und Hotelimmobilien bestätigt diese Aus­sa­gen. „Das Thema ESG steht bei uns seit zwölf Monaten an oberster Stelle auf der Agenda“, betonte dort Adrian Flück, Direc­tor Hotel Asset Management Invesco Real Estate. ESG sei bei Invesco ein wichtiger Bestandteil jeder Ankaufprüfung, das Unternehmen habe eine spezielle „ESG Due Diligence“ entwickelt, mit der geprüft werde, ob die Immobilie in die Strategie des Fonds passe. Lars Wahnschaffe, Senior Manager CSR Deutsche Hospitality, unter­strich, dass die Deutsche Hospitality be­reits 2012 damit begonnen habe, Häuser nach ESG-Kriterien zertifizieren zu lassen. Heute sehe man, dass institutionelle In­ves­toren das Thema intensiver als bisher verfolgten. Beim Betrieb liege der Schwer­punkt bisher eher auf den klassischen The­men wie Energiekostensenkung und CO2-Bepreisung. Nun ziehe es weitere Kreise und man erstelle gemeinsam mit den Eigentümern sogenannte „Property-Improvement“-Pläne, das sind Pläne zur Gebäude­verbesserung.

Messbarkeit nicht immer gegeben

„Die EU-Taxonomie ent­wickelt sich wei­ter. Was heute gilt, kann morgen schon wie­der eine Basisanfor­derung sein,“ so Wahn­schaffe. Die Gäste­zufriedenheit hin­ge allerdings bisher noch nicht von ESG ab. „Die Regulierungen der Taxonomie­ver­ordnungen stellen insbesondere Projekt­entwicklerinnen, Bauträger und Bestands­haltende vor neue Herausfor­de­run­gen im Berichtswesen“, sagt Simon Manstein. Die Frage der Messbarkeit sei dabei noch nicht in allen Belangen geklärt. Die größte Maßeinheit des E (Environ­mental) sei CO2 – S (Social) und G (Gover­nance) seien wesentlich schwieriger zu bemessen. Manstein: „Ähnlich nehmen wir auch die aktuelle Landschaft der Anbieter von Zertifikaten und Scorings wahr. Trotzdem steht fest: ESG-Zertifikate wirken sich positiv auf Kaufpreise aus.“ Einige Zertifikate schlössen zwar bereits die Hoteloperative mit ein, die Vergleichbarkeit sei dabei bisher jedoch wegen der fehlenden Standardisierung von Leistungskennzahlen limitiert. „Auch eine gesetzlich regulierte Berichtspflicht von ESG-relevanten Performancedaten für Hotelbetreibende ist vorerst nicht zu erwarten,“ so Manstein. Die aktuell ver­pflichtende CSR-Richtlinie betreffe aus­schließlich große Unternehmen ab 500 Mitarbeitenden, eine neue Richtlinie zur Berichterstattung für Unternehmen ab 250 Beschäftigten werde frühestens 2023 rechtswirksam.

ESG-Konformität auch Kriterium bei der Kreditvergabe

Noch, so Mrp Hotels, erfolge die Kredit­vergabe an Hotels überwiegend nach den konventionellen Vergabe­kriterien der Ban­ken, wobei der Finanzierungsmarkt für Hotelinvestiti­onen ohnehin weiterhin als schwierig zu bewerten sei. Das Neugeschäft hingegen werde zunehmend nach ESG-Kriterien geprüft. Holger Kuball, Fachbereichsleiter Tourismus bei der DKB, die im Wesentlichen inhabergeführte Privathotels finanziert, bestätigt: „Der Mittelstand beschäftigt sich aktuell mehr mit dem Verdauen von Corona und versucht parallel, die Immobilie mit Geld, das er nicht hat, ESG-konform zu machen.“

Der Druck von Investorenseite werde sich jedoch erhöhen und die DKB Schritt für Schritt jeden Kunden einem ESG-Prozess unterziehen. Was das für die Betreiber bedeutet, liegt auf der Hand: Sie müssen Investoren mehr denn je in ihre Kennzahlen blicken lassen. Und das umfasst auch die Gästefrequenzen, da sich diese auf den Verbrauch von Energie und Wasser niederschlagen. „Idealerweise hat ein künftiger Pachtvertrag eine ESG-Klausel“, so Adrian Flück von Invesco. „Wir können die Ziele nur gemeinsam erreichen.“ Um die Betreiber nicht zusätzlich zu belasten, werde künftig auch das automatisierte Sammeln von Gebäude- und Verbrauchsdaten eine große Rolle spielen. |