Jean-Georges Ploner im Interview: “Das Beste wäre eine komplette Zwangsschließung.”

Jean-Georges Ploner

Spätestens Ende des Monats werden viele Gastronomen in ihrer Existenz bedroht sein – was können Gastgeber, Regierung oder sogar Gäste dagegen tun? Ein Gespräch mit Branchenexperte Jean-Georges Ploner.  

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Dieser Artikel ist Teil unserer umfassenden Berichterstattung über die Coronakrise. >>> zur Übersicht

Die Gastronomie ist sehr facettenreich, gibt es in der derzeitigen Situation allgemeingültige Ratschläge, um die Krise zu meistern?

Mir fallen keine Ratschläge ein, die sich gut anhören, außer seinen Betrieb soweit es geht zurückzufahren. Ich halte in diesem Zusammenhang auch die Teilöffnungszeiten der Bundesregierung für nicht hilfreich. Die Bürger haben Angst, bleiben zu Hause, da lässt sich als Gastronomiebetrieb kein Umsatz erwirtschaften. Das Beste wäre eine komplette Zwangsschließung aller Restaurants, damit in vielen Fällen der Weg zu einer Versicherungshaftung geebnet würde.

Sie spielen auf die Zusatzklausel „Betriebsunterbrechung durch Infektionserreger“ an. Gerade ging die Nachricht einer Wirtin durchs Netz, die diese Zusatzklausel im Vertrag hat, aber die Versicherungsgesellschaft schickte ihr prompt eine Absage, dass Corona nicht darunterfiele.

Versicherungen sind bekannt dafür, dass sie immer nur gut sind, wenn sie nicht gebraucht werden. Die Unternehmen versuchen sich jetzt aus der Affäre zu ziehen, ob sie damit durchkommen ist die Frage. Die Gastronomen müssen im Zweifel vor Gericht ziehen, vielleicht spekulieren manche Versicherungen darauf: Zeitverzögerung.

Wie schnell kann ein Restaurant finanziell ausbluten?

Die Bundesregierung hat zwar die Insolvenzanzeige aufgehoben, aber das ändert nichts daran, dass – wenn bis zum Ende diesen Monat nichts geregelt ist –, viele Gastronomen zahlungsunfähig sein werden. Diejenigen, die gut gewirtschaftet haben, überstehen vielleicht bis übernächsten Monat, aber dann ist Schluss. Aus diesem Szenario kommen vielleicht die großen Systemgastronomen noch heraus, der typische deutsche Unternehmer geht früher oder später unter.

Welches Maßnahmenpaket muss die Regierung verabschieden?

Die Steuern werden gestundet, da hat die Regierung gut reagiert. Es braucht aber gezielte Liquiditätshilfe, um die Miete zu bezahlen. Und was mache ich mit den 20.000 Euro, die ich gerade an den Großhändler bezahlt habe? Die Ware ist spätestens in vier Wochen hinüber.

Es gibt ja viele Aufrufe, dass Bürger ihr lokales Restaurant unterstützen können, indem sie dort Verzehrgutscheine kaufen – echte Hilfe oder Bärendienst?  

Ich finde, das ist eine gute Idee. Alles was die Liquidität derzeit erhöht, verlängert die Lebenszeit eines gastronomischen Betriebs.

Wenn der Betrieb in die Insolvenz geht, ist der Gutschein weg …

… ja, aber das ist vielleicht ein Risiko, das man eingehen sollte, wenn einem etwas an der Restaurantkultur und seinem Stammlokal liegt.

Gibt es in diesem Wust aus Schreckensszenarien auch Chancen?

Die Schattenwirtschaft wird keine Hilfe bekommen, weil sie Umsätze nicht nachweisen kann und Schwarzarbeiter sich nicht arbeitslos melden können. Das wird Gastronomen guttun, die ihr Leben lang ehrlich gewirtschaftet haben, wenn so endlich einmal die Spreu vom Weizen getrennt wird. Eine Chance ist sicherlich auch – für diejenigen, die das in dieser Lage können – einen Moment innezuhalten und sein Geschäftsmodell zu überdenken, weiterzuentwickeln, vielleicht schon Pläne zu schmieden, wie man sein Unternehmen weiterführt, wenn die Krise vorbei ist.

Interview: Hannes Finkbeiner


Zur Person: Jean-Georges Ploner ist Gründer und Koordinator der F&B Heroes, ein internationales Netzwerk an Experten für leistungsstarke Konzepte und Systeme in Hotellerie und Gastronomie. Der Gastronomensohn aus dem Elsass ist Berater, Trainer, Buchautor und gehört zu den Vordenkern der Branche.

 

 

 

 

 

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