Hoteltest im Waldorf Astoria BerlinBlick hinters Zoofenster


 

16:18 – Message-Transfer

 

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Während ich im Spa bin, wird an der Rezeption ein wichtiger Anruf für mich entgegengenommen. Der Mitarbeiter weigert sich zwar korrekterweise, dem Anrufer meine Zimmerdurchwahl zu nennen, verspricht ihm aber, die Nachricht schnellstmöglich weiterzuleiten. Das geschieht nicht.
Wertung: mangelhaft

Housekeeping – Turndownservice 2

Das eingeschaltete Do-not-disturb-Zeichen hat das Housekeeping konsequenterweise davon abgehalten, mein Zimmer zu betreten. Es fehlt jedoch ein Kärtchen, welches mir die Möglichkeit eines späteren Service anbietet. Denn dieser wird ja bis 21:30 Uhr angeboten.
Wertung: ungenügend

19:25 Uhr – »LES SOLISTES« by Pierre Gargnaire

Am ersten Tag nach Sternekoch Roel Lintermans offiziellem Weggang ist das »Les Solistes« gähnend leer. Außer mir sind nur sieben weitere Gäste da, zwei davon auf Einladung einer Hotel-PR-Frau, deren angeregtes Gespräch ich eins zu eins mitverfolgen kann. Fünf Mitarbeiter bietet der Service auf, was, rechnet man die Küchencrew hinzu, an diesem Abend ein defizitäres Loch in die Kasse des Gourmet-Restaurants reißen dürfte. Berlin scheint abzuwarten, was im »Les Solistes« passiert. Für November hat sich erst einmal Drei-Sterne-Koch Pierre Gargnaire höchstpersönlich angekündigt. Zehn Tage lang wird der Schirmherr Feinstes vom Wagyu-Rind anbieten. Wer Lintermans Nachfolge antritt, ist noch offen. Ich jedenfalls werde an diesem Abend ordentlich »betüddelt« und fühle mich deshalb durchaus wohl, auch wenn die Atmosphäre aufgrund der wenigen Gäste leidet. Dass es sich bei dem netten Sommelier um den Österreicher Matthias Weinbrandner handelt, erfahre ich nur durch einen Blick in die Weinkarte. Namensschilder sind leider auch hier verpönt. Weshalb ich die Dame im Kostüm, die an diesem Abend den Service leitet, nicht benennen kann. Schade, sie ist wie Weinbrandner sympathisch und kompetent. Beide suchen das Gespräch mit dem Gast, beantworten jede Frage, erfüllen jede Bitte und erfreuen sich an meiner Neugier. Die Karte offeriert ein Menü, aus dem man zwischen vier Gängen (115 Euro) und sieben Gängen (140 Euro) wählen kann. Mit Weinbegleitung 180 bzw. 250 Euro. A la carte gibt es drei Vorspeisen sowie drei Fisch- und drei Fleisch-Hauptgänge. Erst später verstehe ich, warum bei jeder Speise immer drei Dinge untereinanderstehen – es ist ein Prinzip des Meisters, den einzelnen Gang in »Untergänge« aufzuspalten. Während ich ein Glas Champagner genieße, studiere ich die Karte und entscheide mich in Abstimmung mit der Servicedame für zwei Gänge aus dem A-la-carte-Menü. Schon vor der ersten Vorspeise wird mein Gaumen in zwei Etappen erfreut mit kleinen Köstlichkeiten, deren Bezeichnung Herr W. leider so schnell herunterrattert, dass ich sie mir nicht merken kann. Aber sie sind genauso köstlich wie die hauchdünnen Knäckestreifen mit Pastinaken- und Sobrasada-Aufstrich und das knusprige Brot von Gourmetbäcker Gaues, das mit Varianten von der Rohmilchbutter serviert wird. Um eventueller Langeweile vorzubeugen, bringt mir Herr W. ein paar stylische Zeitschriften – und ein Arse­nal an Lesebrillen. Seiner Weinempfehlung folgend, starte ich zur Vorspeise mit einem 2013er Weißburgunder Mandelberg des Pfälzer Weinguts Siener. Er passt perfekt zu den drei Minigängen, die unter »Der Herbst in Berlin« subsummiert werden. Dabei handelt es sich um Wildterrine und mit getrockneten Feigen marmorierte Entenstopfleberterrine mit Artischockencreme und Senf; grüne Milch von Kürbiskernen, konfierte Steinpilze und rote Zwiebelblätter sowie geräucherter Rote Bete-Saft mit Kartoffeleis. Von der auf Teller, Schale und im Glas servierten Trilogie überrascht mich am meisten die letztgenannte Geschmackskombination. Auch der Hauptgang wird wieder als Dreierlei aufgetischt, hier gibt es Rochenflügel mit Mangoessig abgelöscht und Grenobloise, gepressten Taschenkrebs mit Mango, Avocado und grünem Apfel, sowie Einkorn mit gehackten Kräutern. Mag sein, dass andere sich für diesen Tapas Style begeistern, meine Sache ist er nicht. Und auch nicht der Rochen, der in seiner Mangosauce – fast hätte ich »Pampe« gesagt – untergeht. Das Taschenkrebstörtchen schmeckt frisch und fein. Das Einkorn wiederum, das als eine der ältesten Getreidearten gilt und sogar in Ötzis Proviant gefunden wurde, kommt als eine Art Brei daher, mit aufgebrochenen, noch hartschaligen Körnern. Matthias Gauls Pfälzer Riesling aus dem Jahr 2009 ist dagegen eine richtige Wuchtbrumme. Dass der Großteil meines Hauptganges liegen bleibt, animiert die abräumende Servicedame nicht zu einer Nachfrage. Aber sie hebt ihr Näs­chen eh recht hoch und sich damit von der ansonsten natürlich-netten Crew ab. Ich lasse mich zu einem Nachtisch überreden und bestelle Millefeuille mit Himbeeren, einen knusprigen Blätterteigtraum mit Eau-de-Vie-Schlagrahm, Mandeln und karamellisierten Haselnüssen. Weder das Burrata-Eis mit Sirup von roter Paprika und Safran noch das Muskatgelee mit Johannisbeere hätte ich dazu gebraucht. Gut, dass ich nicht Pierre Gagnaires Grand Dessert bestellt habe, das aus fünf verschiedenen Desserts, serviert in zwei Gängen, besteht. Die vier kleinen süßen Magenschließer, die es noch vor dem eigentlichen Nachtisch gibt, reichen mir völlig. Meine Rechnung beläuft sich auf 158 Euro. Meinem Empfinden nach ist das zu viel.
Wertung: gut

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