Toni Hinterstoisser im PorträtPrinz im Designer-Wunderland

Wie stark man von einer grundsoliden Ausbildung in der klassischen Hotellerie profitiert, gerade wenn es darum geht, ein lässiges Lifestyle-Hotel zu führen, beweist Toni Hinterstoisser im Andaz Amsterdam Prinsengracht. Hier treffen mutige Design-Elemente auf persönliche Gastlichkeit.

Anzeige

Als Toni Hinterstoisser vor gut vier Jahren nach Amsterdam kam, hatte er das Ziel, den Lifestyle-Brand der Hyatt-Gruppe auf dem kontinentaleuropäischen Markt zu positionieren. Im Gepäck hatte er die Erfahrung von Andaz: Er eröffnete das Andaz New York Wall Street, zuvor war er in West Hollywood. In einem Andaz soll gelingen, was sonst nur kleine Inns oder B&B’s schaffen: den Gast wie einen Freund zu empfangen, warmherzig, informell und mit einer gewissen Großzügigkeit. Kreiert wurde die spezielle Andaz-Hospitality vom früheren Hyatt-Präsidenten Bernd Chorengel nach einer weltweiten Befragung von 5.000 Vielreisenden und der Erkenntnis: »Wir stellen zu viele Regeln auf, dürfen den Gast nicht bevormunden.«

Toni Hinterstoisser, vor 44 Jahren in Bad Reichenhall geboren, ist schon phänotypisch bestens gerüstet, die Marke Andaz zu repräsentieren. Sportlicher Habitus, positive Körperspannung, kommunikativ. Dass es der vielgefeierte niederländische Design-Star Marcel Wanders war, der das Andaz Hotel komplett gestaltete, verschaffte dem 122-Zimmer-Haus an der feinen Amsterdamer Prinsengracht seit der Eröffnung im Oktober 2012 enorme Aufmerksamkeit.

Der Gast betritt das Hotel durch einen schmalen Korridor, bevor sich ihm die Marcel-Wanders-Wunderwelt in ihrer ganzen Überschwänglichkeit und Verspieltheit eröffnet. Markante rote Tulpensessel ragen in die Höhe, überdimensionierte weiß lackierte Glocken stülpen sich über Kronleuchter, über dem Atrium wölbt sich ein von Sternen beleuchtetes Universum, den Boden bedeckt ein Teppich mit einer Seefahrerkarte im Delfter Blau. Dies sind alles Anspielungen auf das Goldene Zeitalter, dem Amsterdam seine Bedeutung, vor allem aber auch seinen Reichtum verdankt. Im begrünten Innenhof grüßt überlebensgroß und sehr passend Alice im Wunderland von der Fassade. Überall begegnet man riesigen, sich neigenden Gestalten, den »Traumerzählern«. Ursprünglich sollten sie auf dem Dach ein starkes Signal setzen. Dem machte die UNESCO einen Strich durch die Rechnung, als sie die berühmten »Negen Straatjes« – neun malerische Straßen im Grachtengürtel – zum Weltkulturerbe ernannte. Folglich durfte an der Fassade des früheren Bibliotheksgebäudes nichts mehr verändert werden.

Angesichts dieses Feuerwerks an Ideen kann man sich lebhaft vorstellen, dass sich die Zusammenarbeit in der Pre-Opening-Phase zumindest herausfordernd gestaltete. Toni Hinterstoisser erinnert sich zum Beispiel an die Situation, als es darum ging, die Sammlung an Videokunst auszuwählen, die im Hotel zu sehen ist. Nach Stunden in einem kleinen Home-Filmstudio gemeinsam mit Marcel Wanders, der auch Anteile am Hotel besitzt, und einem weiteren Eigentümer entspannten sich interessante Diskussionen über die unzähligen Video-Kunsterke, die in Frage kamen.

Hinterstoisser hatte die Gästeklientel im Sinn, vertrat die Hotelseite angesichts der durchaus sehr speziellen Kunstwerke. Marcel Wanders, dem es »nicht edgy genug« sein konnte, sprach für die Künstlerseite. »Sei nicht so corporate, geh’ mal ein Risiko ein«, forderte ihn Wanders auf. Die Diskussion war fruchtbar, das Ergebnis kann sich sehen lassen. Das Andaz Amsterdam Prinsengracht ist das einzige Hotel weltweit, das eine Videokunstausstellung kuratiert, sich mit Museen und Galerien austauscht. »Die Videokunst ist ständig in Bewegung, wie auch unser Hotel. Das passt konzeptionell gut zu uns«, so Hinterstoisser. Bald nach der Eröffnung kamen die Auszeichnungen. »Was auch skeptischen Kollegen gezeigt hat, dass wir zwar verspielt und auch mal leger sind, aber sehr wohl in der Lage, den Service zu bringen, der im Luxussegment erwartet wird.«

Vielleicht gelingt diese Gratwanderung zwischen Leichtigkeit und Professionalität gerade einem, der tief in der klassischen Hotellerie verwurzelt ist, weil er das Business von der Pike auf gelernt hat. Alles begann im Intercontinental Berlin mit einer Lehre, bei der er sämtliche Hotel-Stationen durchlief, was ihn bis heute prägt. Besonders der Satz eines altgedienten Doorman, als er selbst Bell Boy mit roter Uniform und Mütze war: »Hinterstoisser, wir müssen immer gerade laufen, den Kopf oben tragen. Nicht arrogant gucken, aber lassen Sie sich von keinem unterbuttern. Das ist eine Profession, die wir hier betreiben und nicht einfach eine Hiwi-Arbeit.« Eine Haltung, die er bis heute seinen Kellnern zu vermitteln versucht. Dass es eben nicht einfach darum gehe, die Teller an den Tisch zu bringen, vielmehr wie das geschehe.

Ein Meilenstein seiner Karriere war, als er stellvertretender F&B Manager im Grand Hyatt Berlin wurde und dort seinem langjährigen Mentor Fred Hürst begegnete, GM am Potsdamer Platz, Schweizer und Gastronom der alten Schule. Der öffnete ihm die Augen für Details, nahm ihn mit auf stundenlange Hoteltouren, zeigte ihm, wie sehr es auf vermeintliche Kleinigkeiten ankommt. »Davon profitiere ich bis heute. Ob das jetzt die Äpfel in der Schale sind, die glänzend poliert sind. Oder der Spot, der ein Kunstwerk ausleuchtet. Wenn man solche Details im Blick hat, hilft das, die Qualität zu halten.« Mit Fred Hürst verbindet ihn auch ein persönliches Band. Hürst war es, der ihn nach China und schließlich nach Japan ins Park Hyatt Tokio schickte, wo Hinterstoisser seine japanische Frau Yoko kennenlernte, mit der er eine Tochter hat.

Keine »klinische Trennung«

Toni Hinterstoisser ist dankbar, dass er mit solchen Schwergewichten der klassischen Hotellerie arbeiten durfte, die ihm ein starkes Fundament vermittelt haben. Er selbst pflegt einen modernen, stark kommunikativen, geradezu familiären Führungsstil. Das beginnt damit, dass ihn seine 135 Mitarbeiter mit Vornamen ansprechen. »Ich verbringe so viel Zeit im Hotel; am frühen Morgen, wenn das Hotel erwacht, aber besonders gerne am Abend, wenn es brodelt. Deshalb beziehe ich meine Familie ins Hotel mit ein. Ich trenne das nicht klinisch, wie viele Kollegen das tun. Genauso sind meine Mitarbeiter Teil meiner Familie, ich kenne viele Angehörigen, kümmere mich, weiß von ihren Hobbys, gehe auch mal zu einem ihrer sportlichen Events.« Er ist überzeugt, »wenn ich möchte, dass sich meine Mitarbeiter sehr offen mit dem Gast auseinandersetzen, dem Gast die Möglichkeit geben, sich persönlich mitzuteilen, diese emotional connection herzustellen, dann muss ich das auch vorleben.« Am Freitag ab dem frühen Nachmittag ist er nur noch im Hotel unterwegs, nicht mehr im Büro. »Ich will Kontakt zum Gast haben. Ich brauche das. Das ist so eine Art Nahrung für mich.«

Menschen in ihrer Entwicklung zu unterstützen, erachtet er als die Aufgabe, die ihm am wichtigsten ist, in die er die meisten Ressourcen an Zeit und Hingabe investiert. Mitarbeitern den Raum zu verschaffen, dass sie ihr Potenzial ausschöpfen können, ihnen dabei zu helfen, dass sie das realisieren können, was sie wollen, liegt ihm am Herzen. Auch wenn das im Einzelfall bedeutet, jemanden weiterziehen zu lassen, weil etwa die gewünschte Position im eigenen Unternehmen nicht vakant ist, »dem trage ich die Koffer«.

Wie gut es für ihn persönlich läuft, zeigt, dass er in die Entwicklung des zweiten Hauses der Gruppe in Amsterdam involviert ist, einem Hyatt Regency, das in knapp zehn Monaten eröffnen soll – in einem Hotelmarkt, der derzeit nachhaltig aufgemischt wird. Das begann im Luxussegment durch die Eröffnung des Conservatorium Hotels der Set Gruppe, des Waldorf Astoria und im letzten Oktober des W Hotels. Amsterdam sei perfekt zu erreichen und profitiere ganzjährig von einem starken Leisure-Markt. Dass 2019 ein Rosewood eröffnet wird, gleich gegenüber dem Andaz im ehemaligen Justizpalast, begreift er als Ansporn. Schon heute schickt die Hyatt-Gruppe jeden neuen Developer zu ihm an die Prinsengracht. Das Konzept Andaz passe ideal zu Amsterdam, gerade in Kombination mit Marcel Wanders Design-Idee und ihrer Verbindung zur Lokalität. Der Sprung zum Flagship-Property für den Brand ist definitiv gelungen.

Andaz Amsterdam Prinsengracht

Prinsengracht 587
Amsterdam,  Niederlande,
1016 HT
Telefon: +31-20-5231234
www.amsterdamprinsengracht.andaz.hyatt.com
Kategorie: Boutique-Hotel
Direktor: Toni Hinterstoisser
Logis: 117 Zimmer, 5 Suiten
Preise: Observatory Room ab 335 Euro Prinsengracht Suite ab 3.460 Euro

 

BÄRBEL HOLZBERG
Autorin, redaktion@tophotel.de

Anzeige