Story Dinner Die Ohren essen mit

Gutes Essen, Weinprobe, Whisky-Tasting – wenn es etwas zu feiern gibt, denkt man zuerst ans leibliche Wohl. Das ist gut so! Doch häufig möchten die Gastgeber mehr. Viele haben unterdessen die Erzählkunst als Mittel entdeckt, das gemeinsame Essen aufzuwerten. Geschichtenerzählerinnen und -erzähler sind überall aktiv: vom rustikalen Picknick über die mittelalterliche Tafeley bis zum Gala-Dinner. Warum eigentlich? Und wie wird aus Essen und Erzählen ein Gesamtkunstwerk?

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 »Sie haben richtig Glück gehabt, dass unser Fischer heute ganz normale Forellen gefangen hat«, sagt die Erzählerin. »Nicht jeder Fisch lässt so etwas mit sich machen. Da war zum Beispiel …« Und schon sind die Zuhörer mitten in der Geschichte vom Fischer und seiner Frau.
Normalerweise läuft ein Essen ungefähr so ab: Der erste Gang wird serviert, die Gespräche verstummen. Das Auge erfreut sich am Anblick der gekonnt arrangierten Speisen, die Nase schwelgt in feinen Aromen, der Gaumen verliert sich in den Geschmacksnuancen. Und das Ohr? Es ertrinkt im Durcheinander der Tischgespräche, noch bevor die Suppentassen abgeräumt sind. Was eben noch Augen, Nase und Gaumen angeregt hat, gerät bei Sportergebnissen, Urlaubszielen, Umsatzzahlen und politischen Krisen schnell in Vergessenheit.

Frei erzählte Geschichten wirken hier fast schon Wunder. Zum einen gewährt der Hörgenuss den übrigen Sinnen eine Pause. Man kann dem kulinarischen Erlebnis nachhängen und muss nicht gleich mit möglichst intelligenten oder originellen Gesprächsbeiträgen glänzen. Zum Zweiten können passende Geschichten die Eindrücke des Essens vertiefen. Und da ja – nicht nur in der Märchenwelt – aller guten Dinge drei sind, entsteht zum Gaumenschmaus ein Zauber, der schwer in Worte zu fassen ist, doch dem sich niemand entziehen kann: Wer das Ohr aus der Kakofonie der Gespräche ringsum rettet, der beschenkt in gewisser Weise auch die Seele seiner Gäste.

Eine passende Geschichte kann die Gäste auch auf den folgenden Gang vorbereiten: »Der Jüngling Paris starrte die Göttinnen mit offenem Mund an: Hera, Athene und Aphrodite waren alle drei so wunderschön. Wem gebührte der Apfel? Wer war die Schönste? Damit Sie, verehrte Gäste, Raum haben, diese Frage zu beantworten, hat unser Koch den Apfel für die Schönste in ein Apfel-Amarettini mit Karamellnote verwandelt. Nach diesem Gaumengenuss hören Sie, wie der Jüngling Paris sich entscheidet. Ich wünsche guten Appetit.«

Alt und neu, aus der Heimat, aus der Fremde

»Märchenmenü, Krimi-Dinner, Whisky-Weisheiten – die Vielfalt der Themen für eine gelungene Verbindung von Kulinarik und Storytelling ist fast unendlich«, erklärt Christa Schmollgruber vom Verband der Erzählerinnen und Erzähler e.V. Und eine nicht repräsentative Umfrage bei Erzählkünstlerinnen und -künstlern von Ostholstein bis Südtirol, von der Westschweiz bis zur polnischen Grenze bestätigt: Erzählkunst ist schon heute ein wichtiger Teil der Erlebnisgastronomie. So wie ein guter Koch sein Menü aus vielfältigen Zutaten harmonisch komponiert, so komponieren Erzählerinnen und Erzähler Märchen, Modernes, Magisches und Mörderisches, um Würze, Schärfe oder Süße der Speisen zu unterstreichen.
Die Wünsche des Veranstalters stehen dabei allerdings im Mittelpunkt – auch, was Garderobe und musikalische Umrahmung angeht. Die Geschichten starten nach dem Amuse-Bouche als anregendes »Amuse-Oreille« – ein Häppchen für die Ohren. In der weiteren Menüfolge sind sie Zwischengänge, appetitanregend und sinnlich.

Hand in Hand: Erzähler, Küche, Service

Was aber ist nötig, damit das Erzählen zum Erlebnis wird? »Genaue Absprachen«, erklärt Svenja Krüger aus Bad Segeberg. Sie wählt in der Regel einen festen Platz im Raum, wo sie alle Gäste gut sehen können. Andere Künstler wiederum gehen erzählend durch den Raum von Tisch zu Tisch. Das Publikum genießt die Nähe zu den Künstlern, die – wenn es passt – wiederum die Zuhörer während des Erzählens mit Fragen oder Bemerkungen einbeziehen. Oft nehmen die Erzähler auch am Essen teil und ermöglichen so persönliche Kontakte; manche wechseln sogar bei jedem Gang den Tisch. Die Erzählerinnen und Erzähler brauchen keinen Sessel oder Leselampe; sie tragen ihre Geschichten in Kopf und Herz – niemand liest ab oder rezitiert, was in einem Buch steht. Chnutz vom Hopfen aus der Pfalz  ergänzt: »Das Erzählen ist ein Zwischengang und wird auch genauso aufgetragen: Der vorige Gang wird komplett abgeräumt; während des Erzählens wird nicht serviert. Umgekehrt wartet auch der Erzähler, bis das Serviceteam fertig ist.« Die Künstler müssen die Dauer ihrer Geschichten genau einhalten, denn die Küche muss sich auf die Zeitangaben verlassen können, damit keine Suppe kalt wird und kein Eis schmilzt.

Eine Liste mit den Kontaktdaten von rund 70 professionellen Erzählerinnen und Erzählern aus Deutschland, Österreich, der Schweiz und Südtirol gibt es beim Verband der Erzählerinnen und Erzähler e.V. unter  www.erzaehlerverband.org

 

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