Renovierung des Hotels Llevant an der Costa BravaGewagte Wogen

Die wellenförmige Decke des Restaurants lässt das Mittelmeer in den Raum einfließen. (Bild: Lorenzo Vecchia)

Nach großem Umbau präsentiert sich das Hotel im spanischen Llafranc völlig neu. Die Gäste blicken nicht nur auf das Meer – das kreative Interior-Design mit Mut zu starken Bildern macht die Nähe des Ozeans auch im Restaurant und in den Zimmern eindrucksvoll erlebbar.

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An der Felsküste rund um den kleinen Badeort Llafranc gut 100 Kilometer nördlich von Barcelona zeigt sich das Mittelmeer zumeist in ruhiger Harmonie: Das Wasser kommt und geht in einem immer gleichen, sich nie erschöpfenden Takt. Heftige Wellengänge sind dank der Lage an einer schützenden Bucht mit breitem Sandstrand eher selten. Nur manchmal, bei starkem Wind, klatschen die Wellen schäumend an den Strand. Hier, im Zentrum der Costa Brava, liegt das im Jahr 1935 eröffnete Hotel Llevant. Gegründet wurde es von Maria Gratacós Lluensí, der Urgroßmutter des jüngsten Sprosses der Familie Farrarons, die das Hotel noch immer führt. Zu Beginn gab es lediglich vier Zimmer. Im Laufe der Jahre wurde das Gebäude einige Male aufgestockt und ausgebaut, bis es schließlich über 26 Zimmer verfügte. In Llafranc nimmt es heute eine Sonderrolle ein. Zum einen bietet es höhere Standards als die Konkurrenz. Zum anderen hat es bis auf eine kurze Schließzeit um Weihnachten ganzjährig geöffnet, was dazu führte, dass sich insbesondere das Restaurant als Institution etablierte, während viele Nachbarorte im Winter wie ausgestorben sind.

Freie Hand für neue Konzepte

Wegen des zunehmenden Wettbewerbsdrucks nicht zuletzt von Airbnb-Anbietern, aber auch aufgrund der ohnehin nötigen Erneuerung des Eingangs- und Restaurantbereichs im Erdgeschoss beschloss die Familie vor drei Jahren, das Haus abermals zu adaptieren. Für die Hotelmanagerin Carme Farrarons stand von Anfang an fest, dass es sich dabei nicht um eine einfache Renovierung handeln würde: „Wir wollten das Hotel komplett neu denken – in Bezug auf die Qualität und den Service ebenso wie im Hinblick auf seine Gestaltung.“ Also beauftragte sie Pau Llimona vom Büro Nos-Altres Arquitectures, der in Barcelona gerade gemeinsam mit RCR Arquitectes das Restaurant Enigma des Sternekochs Albert Adriás umplante. Anstatt dem Architekten konkrete Vorgaben zu machen ließ sie ihm zunächst völlig freie Hand. So entstand ein Entwurf, der das bisher eher unscheinbare Erscheinungsbild des Hotels Llevant in mehreren Bauphasen grundlegend verändern soll. In einem ersten Schritt wurden bis Mitte des vergangenen Jahres insbesondere das Erd- und Dachgeschoss komplett erneuert.

Abstrahierte Reminiszenzen

Die Neuerungen sind auf den ersten Blick wahrnehmbar – egal, ob das Haus über den Haupteingang in der Carrer de Lluís Marquès Carbó oder durch das zur Promenade am Meer orientierte Restaurant betreten wird. Dort, wo sich früher ein eher gedrungener Eingangsbereich befand, präsentiert sich das Hotel nun mit einer teils zweigeschossigen Lobby in mediterran weißer Eleganz. Auf Straßenniveau prägen eine reduzierte Gestaltung sowie runde graue Polsterhocker, die an angespülte Kieselsteine erinnern, das Bild. Im Galeriegeschoss darüber, wo zuvor ein Gästezimmer war, stehen die bequemen Sessel des neuen Loungebereichs.

Durch das reduzierte Design wirkt der Empfangsbereich frisch und modern.

Im Fokus sowohl der ankommenden Gäste als auch des Hotelkonzepts steht das Meer: Da gibt es das blaue Mittelmeer, das sich durch die Fenster am anderen Ende des Hauses abzeichnet. Und es gibt – gleichsam als abstrahierte Reminiszenz desselben – die sanften Wogen an der Decke über der Rezeption. Auf dem Weg vom Empfangstresen zum Restaurant entwickeln sich diese Wogen über den Köpfen der Gäste zu schwungvollen Wellen, die im starken Kontrast zum eher ruhigen, geheimnisvoll schillernden Boden stehen. Das von Pau Llimona bildhaft inszenierte Nebeneinander des stillen und aufbrausenden Meeres schafft eindrucksvolle Räume, die sich dank der einheitlich weißen Farbe dennoch nicht unangenehm aufdrängen. Die Decke ist aus feinem Metallgewebe und dünn aufgetragenem Spritzputz geformt, der Boden besteht aus unregelmäßig verlegten Keramikplatten, die durch eingearbeitete Pigmente funkeln wie die glatte Meeresoberfläche.

Schwimmende Örtchen

Der Gastronomiebereich an der Promenade dient morgens als Frühstücksraum und abends als Restaurant mit Bar. Seitlich, vom Hauptraum durch eine Glasfront getrennt, befindet sich ein kleiner Fine-Dining-Bereich. Dass Fenster und Türen sowie die Bodenanschlüsse der Wände rechtwinklig, die Deckenkanten aber ausschließlich abgerundet sind, lässt die Wellen umso authentischer erscheinen, als würden sie gerade die Decke fluten. Zugleich verschleiern die Rundungen die tatsächlichen Raumgrenzen, weshalb der Raum größer wirkt, als er in Wirklichkeit ist. Diesen Effekt nutzte Pau Llimona auch bei der Neugestaltung der Toiletten im Untergeschoss. Am Ende des Treppenabgangs gelangen die Gäste nicht in einen kellerartigen Flur, sondern in einen offenen Vorraum. Von dort aus geht es ohne Türen direkt weiter zu den tropfenförmig im Herren- und Damenbereich schwimmenden Rauminseln der eigentlichen Toiletten. Auch hier dient das Meer als gestalterische Inspirationsquelle: Dünne, raumhohe Edelstahlrohre zeichnen die wellenförmigen Toilettenwände nach, und indem sie das Licht reflektieren, erinnern auch sie an das Funkeln des Meeres und lassen die Raumgrenzen verschwimmen. Geheimnisvoll wirken selbst die Bereiche zum Händewaschen. Statt aus gewöhnlichen Armaturen fließt das Wasser aus von der Decke abgehängten Edelstahlrohren in halbrunde Metallbecken.

In den öffentlichen Toiletten im Untergeschoss waschen sich die Gäste ihre Hände nicht an gewöhnlichen Armaturen. Das Wasser fließt aus Rohren von der Decke.

Fließende Raumübergänge, abgerundete Ecken, raumhohe Edelstahlrohre, wellenförmige Decken und ein unregelmäßiger Keramikboden sorgen auch in den neu gestalteten, 25 bis 28 Quadratmeter großen Zimmern im Dachgeschoss für eine außergewöhnliche Atmosphäre. Anstelle eines konventionell abgeschlossenen Badezimmers gibt es tropfenförmige offene Bereiche für Dusche und Waschbecken sowie eine in die schwungvoll abgerundete Wand integrierte Toilette. Hinzu kommt ein kreisrundes Bett, das keine Schlafrichtung vorgibt und den Gästen dadurch erlaubt, so zu liegen, wie sie wollen: mit Blick ins Zimmer, an die Seitenwand oder aus dem Fenster. Am attraktivsten ist zweifellos der Blick aus dem Fenster auf die Dachterrasse. Jedes der vier Zimmer verfügt über einen eigenen Minipool, von dem aus entweder das Meer oder die Felsküste Llafrancs zu sehen sind. Unabhängig von der Gebäudeseite verfügen die mit Salzwasser gefüllten Becken jeweils über einen dem Sandstrand nachempfundenen welligen Boden, sodass das Meer darin im Wortsinn spürbar ist.

Weniger Zimmer, mehr Charakter

Mit dem ersten Umbauabschnitt hat sich das Hotel Llevant bereits grundlegend verändert: Es hat durch die Einrichtung der zweigeschossigen Lobby und eines Gemeinschaftsraums im Obergeschoss nicht nur zwei Zimmer weniger als zuvor, also nunmehr 24, sondern auch einen völlig neuen Charakter, ein neues Zielpublikum und – zumindest in den neuen Zimmern – deutlich höhere Zimmerpreise erhalten. Auf die Frage, ob der Umbau nicht extrem teuer gewesen sei, antwortet Carme Farrarons schmunzelnd: „Natürlich war es das. Schließlich ist alles maßgeschneidert, und die Zimmer sind alle unterschiedlich.“ Zugleich sei die Familie mit der Zimmerbelegung und der Tatsache, dass das Hotel erneut Maßstäbe im Ort setze, sehr zufrieden. Und die Familie sei fest entschlossen, peu à peu auch die anderen Zimmer umzubauen.

Nach Umsetzung der letzten Bauphase wird das Hotel dann nur noch 20 Zimmer, dafür aber einen kleinen Spa-Bereich haben. Die Frage nach den voraussichtlichen Kosten bleibt unbeantwortet: „Für uns ist es wichtiger, mit Überzeugung hinter einer Idee zu stehen und etwas zu haben, worauf wir stolz sein können. Man kann kein Hotelier sein, wenn man vor allem ans Geldverdienen denkt.“ Vielleicht liegt es an dieser authentischen Leidenschaft, dass das Hotel in Llafranc seit über 80 Jahren den Takt angibt. Roland Pawlitschko

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