Hoteltest Adlon Kempinski BerlinNicht voll auf Kurs

Lobby

In der Lobby geht es stets munter zu, hier beziehen viele Gäste ihre Beobachtungsposten. Der Service arbeitet freundlich und aufmerksam. Der bestellte Cappuccino wird mit einem halben Dutzend Keksen serviert. Er ist leider von eher schwacher Qualität, der Schaum ist porös und hat keinen guten Stand. Zu allem Überfluss wurde auch noch Schokopulver darüber gestreut.
Wertung: unbefriedigend

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Flure, Aufzüge, Treppen

Das Hotel präsentiert sich in diesen Bereichen picobello. Die breiten Flure haben in jeder Hinsicht Format, die Treppen muten durchaus wie Showtreppen an. Die adretten Aufzüge werden zum Glück nicht durch Eigenwerbung oder anderes verschandelt.
Wertung: sehr gut

Sicherheitsaspekte

Die Fluchtwege sind gut erkennbar, auch abends. Bei Stichproben ist keine der Fluchttüren verschlossen oder durch Gegenstände versperrt. Das Housekeeping arbeitet nicht sichtbar mit Gästelisten. Versuche, an meine Zimmernummer zu kommen, scheitern am guten Sicherheitsverständnis des Personals.
Wertung: sehr gut

Location

Das Hotel ist mit seiner Lage am Brandenburger Tor privilegiert. Vom Gourmetrestaurant »Esszimmer Lorenz Adlon« hat man als Gast einen dramatisch schönen Blick auf dieses historische Denkmal. Alle Touristen zieht es dorthin, aber auch Demonstrationen und andere öffentliche Ereignisse finden an dieser Stelle bevorzugt statt. Der Boulevard Unter den Linden gehört zu den besonders frequentierten Straßen der Stadt. Als ankommender Gast muss man sich mitunter den Weg durch die Massen bahnen. Die freundlichen und livrierten Doormen haben den Außenbereich fest im Blick und halten ihn in einem sehr ordentlichen Zustand.
Wertung: sehr gut

Bankett

Die schriftlichen und telefonischen Kontakte mit der Abteilung verlaufen sehr freundlich und professionell. Bereits der informative Internetauftritt mit Bildern und Fakten zu den Veranstaltungsräumen gibt viele Antworten. Anfragen werden zügig beantwortet und mit detaillierten Angeboten animierend unterstützt. Mitarbeiterin W. lässt keinen Zweifel daran, dass man mit Veranstaltungen bei ihr und dem Adlon genau an der richtigen Adresse ist. Sie bedankt sich am Ende des Gesprächs für das Interesse und wünscht noch einen schönen Tag.
Wertung: sehr gut

19:12 – »Esszimmer Lorenz Adlon«

Der Begriff »Esszimmer« soll das Private und Intime betonen, das Möblierung und Atmosphäre ausstrahlen. Nur 20 Gäste finden hier Platz, der Blick auf das allabendlich illuminierte Brandenburger Tor ist spektakulär. Das Restaurant »Lorenz Adlon« besteht allerdings auch noch aus der angrenzenden Bibliothek mit nochmals 20 Plätzen. Doch hat man wegen der hoch angebrachten Fenster hier nur im Stehen eine Aussicht auf das Brandenburger Tor, was diesen an sich schönen Raum weniger attraktiv macht. Man sollte also unbedingt bei der Reservierung auf diese Teilung hinweisen, was bei mir leider nicht der Fall war, weshalb ich nun in der Bibliothek sitze.

Die Gäste werden sehr freundlich am Eingang begrüßt, sogar der Küchenchef steht in der Parade mit dabei. Hendrik Otto ist sehr gut bewertet: Zwei Sterne im »Michelin« und 17 Punkte im »Gault Millau« wecken hohe Erwartungen. Die Menüpreise liegen zwischen 130 und 160 Euro, wer nur drei Gänge à la carte bestellt, liegt rein rechnerisch schlechter. Ähnlich verhält es sich bei den Weinen: Auch glasweise wird man bestens beraten und hat auf der Rechnung eher weniger, als wenn man zur Flasche greift, da es zu einem Menü nicht bei einer bleiben würde.
Der Reigen beginnt mit äußerst feinen und ausgefeilten Amuse-Bouches. Außerdem werden Brötchen gereicht, wobei unter den sonst blassen das sehr gute dunkle mit Malz und Honig heraussticht. Die Küche arbeitet stellenweise sehr verspielt und mit bis zu 15 Komponenten auf dem Teller, schafft es aber, diese komplexen Zusammenstellungen zu einer großen Harmonie zu führen.

Der Thunfisch mit geliertem Pilzsaft, Bratkartoffel-Praline, Crispy Garnele sowie Grapefruit-Ingwer-Granité flirrt fürs Auge nervös, ist unglaublich vielschichtig und bringt all seine ungewöhnlichen Aromen und Texturen bravourös auf eine geschmackliche Reihe. Die auf den Punkt gegarte Taube in schöner Olivensauce mit Knoblauchcreme und Pistou zeigt, wie hochsolides Handwerk und sehr gute Produkte auch mit wenigen Komponenten ein Glanzstück hervorbringen können.
Der saftige Zander mit wunderbar intensivem Kalbsfuß-Lorbeerextrakt, cremiger Blutwurst im Teigmantel, Sauerkraut sowie Apfel und Stockkartoffeln als Mousse und Applikationen ist ein bravouröser und leicht modern ausgelegter Klassiker. Manche Gerichte werden noch von einer Überraschung auf einem Extrateller begleitet, etwa einer ausgezeichneten luftigen Gnocchi-Komposition, wie man sie bei keinem Italiener bekommt. Als Pre-Dessert werden gut gemachte Pralinen gereicht, bis dann mit Zwetschge, gefrorenem Sauerrahm, Kaffeeschaum, Walnuss und Blutorange ein exzellentes Naschkunstwerk das Menü abrundet. Die stets spannenden Kompositionen der Küche sind herausragend und teilweise ungewöhnlich, basieren jedoch auf der klassischen Haute-Cuisine, wie allein die famosen Saucen belegen.

Zu einem großen Dinner gehören aber immer vier Grundpfeiler: Essen, Weine, Ambiente und Service. Im Restaurant »Lorenz Adlon« stimmt das ganze Paket. Der Service arbeitet vorbildlich, wobei Maître B.H. mit wachem Blick das gesamte Geschehen verfolgt. Der Mitarbeiter aus Österreich ist mit einem heiteren Naturell gesegnet, das den Abend nicht zu formell werden lässt, schließlich speist man ja auch wie bei Freunden in einem Esszimmer, was durch den Westen-Dress des Personals noch unterstrichen wird. Großes Lob gebührt auch den jungen Damen, die mit viel Charme und Einsatzfreude dabei sind – auch jene Tapfere, die stets das riesige schwere Tablett halten muss. Zu besonders großer Freude der Gäste (und des Hotels) trägt jedoch der enorm engagierte Sommelier S.J. bei, der so fundiert und mit spürbarem Spaß berät, dass man ihm sogar alkoholfreien Wein abkaufen würde. Auf diese Weise werden die Gäste mit besten Flaschen versorgt und bei Laune gehalten, während sich das Hotel freuen kann, dass diese etwas mehr trinken, als sie sich vielleicht vorgenommen hatten. Ein Abend im Restaurant »Esszimmer Lorenz Adlon« ist ein selten großes Erlebnis.
Wertung: ausgezeichnet

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