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StartBusiness & ManagementNachhaltigkeitszertifizierung::Contra: "Häufig fehlt die Transparenz"

NachhaltigkeitszertifizierungContra: "Häufig fehlt die Transparenz"

Kerstin Brenner, Inhaberin der Münchner Nachhaltigkeitsberatung Ecomood, begleitet Hoteliers auf ihrem Weg zu ganzheitlichen Strategien. Nachhaltigkeitslabels steht sie dabei zwiespältig gegenüber. Ihre Argumente contra Zertifizierung nennt sie hier.

Tophotel: Frau Brenner, woher rührt Ihre Skepsis?

Kerstin Brenner: Es gibt in den verschiedensten Lebensbereichen – ob Ernährung, Kosmetik oder Kleidung – eine sehr große Anzahl an „grünen Zertifikaten“, und es ist für die Verbraucherinnen und Verbraucher sehr schwer, seriöse Zertifizierungen von Greenwashing zu unterscheiden. Häufig bedarf es eines großen Rechercheaufwands, oder es fehlt an Transparenz. So ähnlich ist es auch in der Hotellerie.


Über Kerstin ­Brenner

Die Hotelfachfrau und Hotelbetriebswirtin Kerstin Brenner hat sich nach zehn Jahren Berufserfahrung noch einmal neu orientiert, einen Bachelor-Abschluss in Umweltökonomie absolviert und 2020 die ganzheitliche Nachhaltigkeitsberatung Ecomood für die Hotellerie und Gastronomie gegründet.


 

>> Nachhaltigkeitssiegel: Welche Zertifizierungen sind sinnvoll?

Wie lautet Ihre Alternative?

Ich halte es für weitaus wichtiger, wirklich ins Handeln zu kommen und damit tatsächlich etwas an der Wirtschaftsweise zu ändern, als sich mit Zertifikaten zu schmücken. Im allerersten Schritt sollte sich der Hotelier überlegen, wohin die Reise für seinen Betrieb im weiten Feld der Nachhaltigkeit gehen soll. Welche Aspekte sind für das Unternehmen besonders wichtig, passen zum Konzept, der Region oder sind eine Herzensangelegenheit? Die Hoteliers finden meist schnell selbst für sich heraus, auf welche Ziele sie sich jeweils konzentrieren möchten.

Ich orientiere mich in meiner Beratung beispielsweise sehr stark an den Sustainable Development Goals (SDGs) der Vereinten Nationen (UN). Das sind 17 Ziele für eine nachhaltige Entwicklung, die alle diesbezüglichen Aspekte sehr umfassend einbeziehen.

Eine erste Priorisierung von bestimmten Entwicklungszielen findet dabei etwa in abteilungs- und positionsübergreifenden Teamworkshops statt, welche in Zusammenarbeit mit den Verantwortlichen genauer untersucht werden. Die Mitarbeitenden werden also von Beginn an miteinbezogen, was ich für elementar wichtig halte.

Nach der Ist-Analyse geht es in die Potenzialermittlung, in der konkrete Maßnahmen zur Umsetzung definiert werden. Oftmals unterstütze ich auch in der Umsetzungsphase, helfe bei der Auswahl neuer Lieferanten oder der Schulung der Mitarbeitenden.

Kommunikation spielt in allen Phasen eine wichtige Rolle. Zu Beginn des Projekts liegt der Fokus vor allem auf der internen Kommunikation, gegen Ende kommt die externe Kommunikation gegenüber Geschäftspartnern und natürlich Gästen hinzu. Nach Abschluss des Prozesses ist künftig ein dreistufiges Ecomood-Zertifikat geplant.

Also doch ein Zertifikat …

Ja, dieses ist jedoch mit keinerlei Extrakosten verbunden. Es bescheinigt dem Hotel in erster Linie eine aktive Auseinandersetzung mit dem Thema Nachhaltigkeit, den SDGs, Transparenz und eine offene Kommunikation. Meiner Meinung nach ist es zweitrangig, ob ein Betrieb ein Zertifikat hat oder nicht, sondern vielmehr entscheidend, ob eine transparente und ehrliche Kommunikation über die eigene Nachhaltigkeitsstrategie stattfindet. Mit dieser kann ein Hotel auch sehr erfolgreich ohne Zertifizierung überzeugen.

Wenn es ein Zertifikat gibt, muss für den Gast offensichtlich sein, welche Bedingungen daran geknüpft sind, ohne dass dies mit einer mehrstündigen Recherchearbeit verknüpft ist. Ich rate ganz klar davon ab, sich von einem Zertifikat blenden zu lassen und am Ende sehr viel Geld in den Zertifizierungsprozess zu investieren, ohne gleichzeitig einen Mehrwert durch eine wirklich nachhaltige Ausrichtung des Betriebs zu schaffen.

Hoteliers sollten sich immer die Frage stellen, wer von einer Zertifizierung profitiert, und sich sehr genau über die Vorgehensweise informieren. Geht es um ein Zertifikat oder um eine wirkliche Veränderung und nachhaltige Ausrichtung des Betriebs? Auf Letzteres kommt es an, und spätestens bei ihrem Aufenthalt merken die Gäste, wie ernst es dem Hotel mit der Nachhaltigkeit wirklich ist.

Meine Empfehlung lautet daher, das Geld im Zweifel lieber in die aktive Umsetzung im eigenen Betrieb als in die Zertifizierung oder in Projekte zur Klimaneutralität auf anderen Kontinenten zu stecken. Wobei ich damit ausdrücklich nicht sage, dass es nicht auch gute und sinnhafte Zertifizierungen gibt, die – wenn sie transparent sind – einen großen Nutzen für die Gäste, aber auch Geschäftspartner bieten.

Mehr Nachhaltigkeit in der Hotellerie: Wo liegen Ihres Erachtens die größten Hebel und Herausforderungen?

Ein Hotel kann meiner Erfahrung nach gleich an einigen Stellen recht schnell und ohne großen Aufwand viel erreichen. Das betrifft vor allem Bereiche wie Food & Beverage, Housekeeping und Zimmerausstattung. Größere Herausforderungen stehen an, wenn es etwa im Bereich Energie um mehr als den Wechsel zu Ökostrom oder die Anschaffung effizienterer Geräte gehen soll.

Gänzlich neue Energiekonzepte beziehungsweise die Modernisierung von gebäudetechnischen Anlagen bringen bauliche Veränderungen und oftmals große Investitionen mit sich. Das gleiche trifft auf den verantwortungsbewussten Umgang mit Wasser zu: Wassersparende Armaturen sind ein erster Schritt. Es gibt aber weitaus effektivere Methoden wie die Verwendung von Regenwasser oder das Grauwasserrecycling. Grauwasser kommt aus Dusche, Waschbecken oder Waschmaschine und kann mit recht geringem Aufwand aufbereitet und zum Beispiel für die Toilettenspülung wiederverwendet werden.

Im sozialen Bereich zählt das Thema Mitarbeiterbindung zu den größten Herausforderungen, bietet aber auch enorme Chancen – zugleich ein weiteres wichtiges Kapitel!

Stefanie Hütz


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