Ausbildung für »schwer vermittelbare« JugendlicheMut machen

Viele Hoteliers scheuen die Ausbildung von »Problem-Bewerbern«. Dabei kann die Arbeit mit benachteiligten Jugendlichen beide Seiten zu Gewinnern machen. Zwei Beispiele aus Frankfurt zeigen, wie’s geht.

Keiner der Jugendlichen startet unbelastet in eine Ausbildung im Best Western Premier IB-Hotel / Friedberger Warte in Frankfurt. Jeder kommt mit einem »Rucksack voller Steine«, wie Sozialarbeiterin Ute Schmidtke berichtet. Kleine Kiesel sind darunter, aber auch richtig dicke Brocken: Schulden, Strafverfahren, drohende Obdachlosigkeit, ein Kind zu Hause und keine Perspektive – die Gründe sind vielfältig, warum junge Menschen besonderer Betreuung bedürfen. »Nach und nach nehmen wir ihnen diese Steine aus dem Rucksack, bis die jungen Menschen wieder aufrecht durchs Leben gehen können.«
30 Jungen und Mädchen absolvieren in dem Ausbildungshotel des Internationalen Bundes (IB) eine außerbetriebliche Lehre in verschiedenen gastgewerblichen Berufen. Außerbetrieblich heißt: die Ausbildungen sind überwiegend öffentlich finanziert und dienen der Versorgung von Jugendlichen mit Marktbenachteiligungen, mit sozialen Benachteiligungen, mit Lernschwächen bzw. mit Behinderungen (mehr Infos: www.bibb.de). Das Besondere: Das Vier-Sterne-Hotel ist seit Eröffnung im Jahr 2005 auch ein gewerblicher Betrieb und bietet zehn reguläre Ausbildungsplätze. So lernen trotz unterschiedlicher Vergütungssysteme außerbetriebliche und betriebliche Azubis unter einem Dach echtes Gastgewerbe.

Überforderung vermeiden

Wer zum Beispiel eine (außerbetriebliche) Koch-Ausbildung antritt, arbeitet die ersten 18 Monate nur in der Schulungsküche. Neben der Berufsschule findet einmal wöchentlich interner Förderunterricht statt. »Wir wollen die Jugendlichen integrieren, aber nicht als feste Mitarbeiter ins Tagesgeschäft einplanen«, erläutert Michael Mauersberger, Geschäftsführender Direktor. »So haben die Azubis Zeit, sich zu entwickeln.« Das System entlaste auch die Ausbilder, denn ohne Erwartungsdruck gibt es weniger Enttäuschung und Frust. Nach drei Monaten hätten die meisten Azubis Softskills wie Pünktlichkeit und Hygiene inne und dürfen an kleineren Buffets sowie an der Zubereitung der Personalessen mitwirken. In der zweiten Hälfte ihrer Ausbildung wechseln die Jugendlichen in die Hotelküche und kochen für den Gast. Jugendliche, die in den Serviceberufen ausgebildet werden, haben ebenfalls erst in der zweiten Hälfte ihrer Ausbildung regelmäßigen Gästekontakt, um Überforderung zu vermeiden. Die jährlich sechs- bis achtwöchigen Praktika in anderen Hotelbetrieben runden die Ausbildung ab. Fast immer, so Mauersberger, würde sich die Übertragung von Verantwortung als wirksame Motivationsspritze erweisen. Ideale Übungsfelder sind neben dem hoteleigenen »Bier- und Apfelweinlokal Friedberger Warte« auch Aktionen wie der Rekord-Erdbeerkuchen, der von den Auszubildenden im Mai 2010 in Eigen­regie gebacken und verkauft wurde. Konsequent und mit straffer Hand geführt, dabei partnerschaftlich im Umgang – so beschreibt der Direktor die Arbeit mit den Jugendlichen. Feste Regeln würden ihnen Struktur und Sicherheit geben. Für Mauersberger gibt es keine hoffnungslosen Fälle: »Wenn man sich um die Jugendlichen kümmert und sie diese Wertschätzung spüren, kann man Leistungsbereitschaft und Motivation wecken.« So wie bei Jurij Kolesnikov. Der 21-Jährige kam im Mai 2006 aus Russland nach Deutschland und absolvierte nach einem Deutsch-Intensivkurs seinen qualifizierenden Hauptschulabschluss. Über Umwege kam er zum IB: Nach einer zweijährigen Ausbildung zur Fachkraft im Gastgewerbe – die er trotz Sprachbarriere mit der Note 3 bis 4 abschliesen konnte – qualifiziert er sich nun in einer weiteren, eineinhalbjährige Ausbildung zur Hotelfachkraft weiter.

Nach dem von der Agentur für Arbeit vorgegebenen Schlüssel stehen dem IB für 24 Auszubildende ein Sozialarbeiter sowie ein Fachtheorielehrer zur Verfügung. Auf zwölf Jugendliche kommt ein Ausbilder. Zwischen 60 und 80 Prozent aller Auszubildenden schaffen ihre Prüfung. Vor drei Jahren wurde ein IB-Azubi bei den Dehoga-Jugendmeisterschaften sogar Hessischer Meister in der Kategorie »Restaurantfachmann/-frau«. 70 bis 75 Prozent finden im Anschluss sofort eine Stelle auf dem Arbeitsmarkt, die sie auch noch sechs Monate nach bestandener Prüfung besetzen.

Das Frankfurter IB Hotel verpflichtet sich gegenüber der Arbeitsagentur nachzuweisen, was aus den ehemaligen Azubis geworden ist. »Unser Engagement beinhaltet auch eine Nachbetreuung. Wir vermitteln an andere Hotelbetriebe oder geben Hilfestellung bei der Bewerbung«, betonen die Ausbilder Rainer Wasser und Horst Kerber. »Einige werden von uns in ein Arbeitsverhältnis übernommen.«

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