„Luxus und Liebe“ Wie Gregor Gerlach die Seaside Gruppe weiterentwickelt

Auf dem Baa-Atoll der Malediven übernahm die Seaside Collection von Gregor Gerlach im Mai ihr erstes Fünfsterne-Resort außerhalb Europas. (Bild: Bilder: Seaside Hotels, Ulrich Helweg)

Die Hamburger Seaside-Gruppe hat ihr Portfolio um ein Fünfsterne-Resort auf der ­Malediveninsel Finolhu erweitert. Nach Hotels auf den Kanaren und in Deutschland nimmt Familienunternehmer Gregor Gerlach damit eine neue Herausforderung an.

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Eine Sandbank im Indischen Ozean. Glasklares Wasser, das im Sonnenlicht in einer Vielzahl von Blautönen schimmert, schattenspendende Kokospalmen, Liegestühle auf weißem Sandstrand und farbenprächtige Korallenriffe. „Man sieht Rochen und Babyhaie vor seiner Wasservilla vorbeischwimmen, große Fische, riesige Schildkröten, die auf Finolhu auch ihre Eier legen, sodass die kleinen Schildkröten dann über den Strand ins Wasser laufen. Es gibt so viel Natur zu erleben, und ganz andere als wir sie kennen.“ Gregor Gerlach beschreibt seine faszinierenden ersten Eindrücke von Finolhu, was in der Sprache der Malediven „Sandbank“ bedeutet. So heißt auch das Fünfsterneresort, das zu den Inseln des Baa-Atolls gehört, und seit Mai 2019 zur Seaside Collection der Familie Gerlach. Der Kontrast zwischen dem Hotel im Indischen Ozean und dem Unternehmenssitz an der Elbe könnte an diesem Tag kaum größer sein: Graue Wolken ziehen über der Fensterfront im sechsten Stock des Hamburger Bürogebäudes vorbei, kühler Wind drückt Regentropfen gegen die Scheiben. Das Bild der Finolhu-Live-Webcam zeigt strahlenden Sonnenschein.

Gregor Gerlach betritt schwungvoll das Büro seines Vaters Theo und nimmt Platz auf einem braunen Ledersofa, dem die vergangenen Jahre eine urige Patina verliehen haben. Es ist Montag, in Hamburg beginnt die Woche – im islamischen Land Malediven ist nicht Sonntag, sondern Freitag der Ruhetag. „Dadurch hat meine Woche eigentlich keinen freien Tag mehr, weil aus Finolhu am Wochenende sehr viele E-Mails kommen.“ Er lacht: „Aber das kennt man in der Hotellerie ja.“ Die Gerlachs – Sohn Gregor, seine Schwester Anouchka und der 90-jährige Vater Theo – zählen elf Hotels zu ihrer Seaside Collection, deren Signet das blaue Seepferdchen ist. Neben Luxusresorts auf den Kanarischen Inseln sind sie Inhaber von Stadthotels und nun auch von Finolhu – dem ersten Malediven-Resort in deutscher Hand. „Wir wollten etwas ganz Neues machen, die Kriterien waren schnell definiert: Hauptsaison im Winter, viele Europäer als Gästezielgruppe, eine Vertriebsstruktur wie auf den Kanaren mit hohem Wholesale-Anteil. Und es sollte etwas Besonderes sein.“ Die Suche führte die Familienunternehmer nach Venedig, Marokko, Mauritius und schließlich Finolhu, wo eine einheimische Familie das Hotel verkaufen wollte. „Wir waren so begeistert, dass wir im März 2019 den Vertrag unterschrieben haben, und mussten dann das Resort bereits im Mai übernehmen.“ Es sei wie eine Neueröffnung ohne Vorbereitungszeit gewesen, so Gregor Gerlach.

„Wir hatten kein Sales-Team, keine Reservierung …“

Neue Mitarbeiter wurden eingestellt, die Küchenführung ausgetauscht, das Budget für den F&B-Wareneinsatz erhöht. Gerlach: „Ich glaube, dass Produktqualität heute in der Gastronomie das Allerwichtigste ist.“ Der australische GM blieb, neue Positionen im Frontoffice wurden geschaffen, Stoffe erneuert, Details ergänzt. Er zitiert die verantwortliche Londoner Innenarchitektin: „We add another layer of luxury and love.“ („Wir fügen eine Lage Luxus und Liebe hinzu.“) Als herausfordernd beschreibt der 50-Jährige nun die Aufgabe, ein internationales Publikum zu bedienen. „Es ist für uns ein spannendes neues Business. Mit den europäischen Gästen kennen wir uns gut aus, aber auf die Malediven reisen viele Australier, auch China und Indien sind wachsende Märkte, und natürlich Middle East. Mit 125 Gästevillen ist unser Resort größer als viele andere, erstreckt sich 3,3 Kilometer über vier Inseln, was uns erlaubt, auch ein jüngeres, aktiveres Publikum anzusprechen.“ Eine Versicherung gegen das Risiko einer Überflutung der Sandbank in Folge des Klimawandels kann der Hotelier nicht abschließen. „Ich hoffe, dass die Menschheit bei diesem Thema die Kurve kriegt. Wir nehmen unsere Verantwortung ernst und haben beispielsweise eine Abfüllanlage für Trinkwasser, um Plastikflaschen zu vermeiden.“

Mehrmals war er auf dem für 50 Jahre gepachteten Eiland, um Bewerbungsgespräche zu führen und sicherzustellen, dass das Luxushotel in kurzer Zeit den Qualitätsansprüchen der Seaside-Gruppe entspricht. „Eine unserer größten Ängste war, kein vernünftiges Management zu finden, aber das lief gut. Die Insel ist für die knapp 400 Mitarbeiter, 50 Prozent müssen Einheimische sein – wie ein eigenes Dorf, alle leben dort. Wir haben Personalwohnungen, eine Moschee, ein Restaurant für sie, eine Bar. Für viele, vor allem auch jüngere Leute, sind wir ein attraktiver Arbeitgeber: Auf den Malediven ist es möglich, den einen oder anderen Schritt auf der Karriereleiter zu überspringen, anders als in Europa.“

„Ich habe immer gesagt, ich will nicht mit meinem Vater am gleichen Schreibtisch sitzen und das Gleiche machen.”
Gregor Gerlach

Sein eigener Berufsweg wurde geprägt durch den Vater Theo, der in den 1960ern ein Wohnungsbauunternehmen gegründet hatte und seit den 1970ern auch Hotels betrieb. Seit Mitte der 1990er-Jahre ist Sohn Gregor Geschäftsführer der Seaside Hotels Gesellschaft. Nach dem Abitur zog er zum BWL-Studium nach München und arbeitete als Berater bei McKinsey. „Ich habe immer gesagt, ich will nicht mit meinem Vater am gleichen Schreibtisch sitzen und das Gleiche machen. Als er 1995 die ersten Hotels in Deutschland gekauft hat, ergab sich die Gelegenheit, unsere Aufgabengebiete zu trennen.“ Theo Gerlach war für die Häuser auf den Kanaren verantwortlich, sein Sohn für die deutschen, angefangen in Leipzig bis zum Hamburger Side Hotel.

„Das Thema gehörte immer zu meinem Leben, das erste Hotel hatten wir, als ich fünf Jahre alt war – und es ist ja ein sehr greifbares, spannendes Thema. Es gibt ein Restaurant, eine Wäscherei, eine Bäckerei, eine Sales-Organisation. Ein Hotel ist so vieles gleichzeitig.“ Nach der Jahrtausendwende verlagerte er seinen Schwerpunkt auf ein eigenes Projekt – „auch um etwas Abstand zu bekommen“ – und gründete das Systemgastronomie-Konzept Vapiano. Heute sitzt er bei der Restaurantkette nur noch im Aufsichtsrat und fokussiert sich auf das Familienunternehmen. „Im Studium und bei McKinsey habe ich gelernt, sehr systematisch zu arbeiten. Für mich ist Hotellerie Teamwork, man muss auch delegieren und Leute machen lassen können. Gemeinsam kann man dann das Beste rausholen. Am Ende des Tages reduzieren sich die Gästewünsche immer auf die gleichen Themen: Essen, Spa, Rezeption – wir sind Wunscherfüller und Verpfleger.“

Er lacht viel, während er mit hohem Energielevel von seiner Arbeit, seiner Frau und den drei Kindern spricht. Am Wochenende begeistert ihn, Polo zu spielen und zu segeln. „Da kann ich mich auspowern und abschalten. Und ich liebe Wasser.“ Schnell sind seine Gedanken wieder in Finolhu, für ihn ein „Wassersportparadies“. Inwiefern beschäftigt den Unternehmer dort der Islam als Staatsreligion? „Schwierigkeiten gibt es damit gar keine. Die Hotels sind ihre eigene Insel, da gibt es klare Regeln: Jedes muss seine eigene Moschee haben. Im Back of House müssen während des Ramadan Regeln eingehalten werden, aber der Gästebereich, das Front of House, ist freie Zone. Die Malediver, die ich kennengelernt habe, sind alle sehr pragmatisch. Ihnen ist bewusst, dass Tourismus wichtig ist für das Land, nicht nur wirtschaftlich, sondern auch für die Entwicklung. Ohne Tourismus gäbe es dort beispielsweise auch keinen Umweltschutz. Auf manchen Atollen wird der Müll von den Bewohnern ins Meer gekippt. Es gelten für alle strenge Auflagen, aber die Hotels sorgen – auch mit finanzieller Unterstützung – dafür, dass sie eingehalten werden. Auf viele hat der Tourismus eine erziehende Wirkung, was das Umweltbewusstsein betrifft, weil Aufklärung stattfindet.“

Für Gregor Gerlach sind die nächsten Ziele klar: „Wir arbeiten am Management des Gästemix und versuchen, mehr Europäer, auch unsere deutschen Seaside-Stammgäste, zu erreichen. Das Schöne ist ja, dass wir kein riesiger Konzern sind und keinen Fünfjahresplan haben müssen, sondern relativ flexibel das machen können, was uns gerade begeistert: Finolhu ist für jetzt unser großes Projekt, und 2020 können wir hoffentlich mit unserem Neubau auf den Kanaren starten.“

Katharina Pütter


Dieser Beitrag gehört zu den Top-Themen der Ausgabe 11/19 von Tophotel. Weitere Informationen zum November-Heft finden Sie hier.

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