Konjunkturpaket: Tropfen auf den heißen Stein? – So reagieren Branchenvertreter

UPDATE: Man habe sich mehr erhofft – diese Reaktion auf das von der Koalition beschlossene Konkunkturpaket haben viele Vertreter der Hotellerie, Gastronomie und Tourismusindustrie gemein. So sei es laut Dehoga mehr als offen, ob die Überbrückungshilfen ausreichen werden, die Betriebe und die Arbeitsplätze zu retten. Aus Österreich kommt positives Feedback, Dirk Iserlohe (Dorint) ist fassungslos.

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Thomas Willms, Deutsche Hospitality: “Rettungsschirm ist nicht geöffnet worden”

Der CEO von Deutsche Hospitality ist der Meinung, dass die Bundesregierung mit dem Konjunkturpaket das richtige Instrument zum richtigen Zeitpunkt auf den Weg gebracht hat, um die Wirtschaft in Deutschland zu stabilisieren. “Der Weg für einen mittelfristigen Aufschwung ist nun vorbereitet. Viele der einzelnen Maßnahmen werden auch der Hotellerie und Gastronomie mittel- und langfristig helfen werden. Dabei ist gerade jetzt am wichtigsten, den kleinen und mittelständischen Betrieben, den Familienbetrieben, den Hoteliers, die seit teilweise Jahrzehnten ihre Häuser betreiben, schnelle und unbürokratische Unterstützung zu gewähren. Dies ist umso wichtiger, da der von vielen erhoffte Rettungsschirm für die Branche nicht geöffnet wurde.

In den vergangenen Wochen und Monaten hat die Branche täglich bewiesen, dass sie kreativ und schnell Lösungen und Maßnahmen findet, um Hygienekonzepte, Abstandsregelungen und Verordnungen teilweise innerhalb von Stunden umzusetzen. So wurden in kürzester Zeit neue Laufwege geschaffen, Gästezimmer neu bestückt und an komplett neue gastronomische Konzepte erarbeitet. Wir alle haben Maßnahmen durchgeführt, die auf den Fortbestand unserer Unternehmen und den Erhalt unserer Arbeitsplätze abzielen – das Kurzarbeitergeld der Bundesregierung war und ist hier ebenfalls eine Maßnahme, die für die ganze Branche im Sinne des Wortes überlebensnotwendig ist. (…) Es bleibt derzeit abzuwarten, ob die Überbrückungshilfen des Konjunkturpaketes ausreichen werden, die Betriebe und die Arbeitsplätze zu retten.”

Dirk Iserlohe, Dorint: “Auto- und Rüstungsindustrie erhalten Unterstützung unabhängig ihrer Größe, Hotel-Unternehmen mit über 249 Mitarbeitern gehen leer aus!“ 

Dorint-Aufsichtsratschef Dirk Iserlohe ist entsetzt, dass nur Unternehmen mit bis zu 249 Mitarbeitern unterstützt werden, nicht aber die traditionellen deutschen Hotelgesellschaften, die allesamt bei höheren Beschäftigungszahlen liegen. Denn Hotelketten wie die Dorint, Motel One, Maritim, H-Hotels u.a., werden Iserlohe zufolge nach dem aktuellen Konjunkturpaket keinerlei Unterstützung erhalten, da sie alle über der festgelegten Mitarbeiterzahl liegen. „Folglich wird es noch mehr Kurzarbeit und sogar Massenentlassungen in unserer Branche geben“, so der Familienunternehmer.

Iserlohe schreibt der Kanzlerin: „Sie und Ihre Minister haben mit Ihrem Programm ca. 15 Prozent der Arbeitnehmer der Branche des Tourismus schlichtweg vergessen.“ Er fordert von der Bundesregierung die faire Behandlung und umfassende Unterstützung der deutschen Hotelunternehmer.

Guido Zöllick, Dehoga: “Kritikpunkte und zahlreiche offene Fragen zum Rettungsfonds bleiben bestehen.“ 

„Wir haben immer wieder deutlich gemacht, dass alle Unternehmen direkte Finanzhilfen durch einen Rettungsfonds benötigen. Nicht die Größe, sondern der Grad der Betroffenheit der Betriebe ist dabei zu berücksichtigen.“ Ebenso sei es wichtig, dass alle Unternehmen und Betriebe eines Eigentümers von dem Rettungsfonds profitieren.

Es sei laut Zöllick mehr als offen, ob diese Überbrückungshilfen ausreichen werden, die Betriebe und die Arbeitsplätze zu retten. „Die geplanten Summen sind zu gering. Überbrückungshilfen für drei Monate greifen zudem in unserer besonders betroffenen Branche deutlich zu kurz. Hier ist eine Ausweitung auf sieben Monate zwingend notwendig“, so Zöllick. Jetzt käme es maßgeblich auf die Ausgestaltung der Detailfragen an, zum Beispiel, welche Fixkosten erstattungsfähig seien. „Es bleibt zu hoffen, dass dabei der in der Vereinbarung betonten besonderen Betroffenheit des Hotel- und Gaststättengewerbes Rechnung getragen wird.“

Norbert Fiebig, DRV: “Ein Tropfen auf den heißen Stein.”

“Drei Monate Laufzeit sind zu kurz, die Krise der Reisewirtschaft wird im August definitiv nicht überwunden sein. Maximal 9.000 Euro für kleinere Unternehmen sind ein Tropfen auf den heißen Stein, maximal 50.000 Euro pro Monat für einen größeren Mittelständler nicht ausreichend. Darüber hinaus wird die Deckelung der insgesamt zur Verfügung stehenden Mittel dazu führen, dass nur ein Teil der Anträge bedient werden kann.”

Besonders enttäuschend ist laut Fiebig, dass die durch die notwendigen Stornierungen unverschuldet hervorgerufene Liquiditätsproblem nicht einmal adressiert werden! “Es hilft nicht, dem Ertrinkenden ein Glas Wasser zu reichen. Die politisch Verantwortlichen haben offenkundig noch immer nicht Ausmaß und Dramatik der Krise in der Reisewirtschaft verstanden.”

Marcel Klinge, FDP: “Der so dringend benötigte Rettungsfonds bleibt aus.”

Der Tourismuspolitische Sprecher der FDP, Marcel Klinge, bewertet das Konjunkturpaket für unzureichend – speziell mit Blick auf das Gastgewerbe: “Die schwarz-rote Koalition hat in ihren Plänen zum Konjunkturpaket leider keine nachhaltig wirksamen Rettungsmaßnahmen für die vielen kleinen und mittelständischen Unternehmen im Tourismus und Gastgewerbe gefunden. Der so dringend benötigte Rettungsfonds bleibt aus. Die sogenannten Überbrückungshilfen werden lediglich bis August gewährt und stoppen nicht den Liquiditätsabfluss.

Hotelfachschule München:Es darf basierend auf dem reduzierten USt-Satz kein Preiskampf aufkommen!”

Die Hotelfachschule München schreibt auf dem Facebook-Kanal von Tophotel: “Wenn weiter konsequent gelockert wird und nicht die Branchen gestützt werden, die am lautesten jammern, sondern Branchen, wie die Hotellerie und Gastronomie, die wirklich mit dem Rücken zur Wand stehen, könnte es klappen. Es darf aber basierend auf dem reduzierten USt-Satz kein Preiskampf aufkommen. Da gibt es nur Verlierer.”

Michaela Reitterer, ÖHV: “Deutschland macht es uns vor.”

Deutsches Vorzeigepaket nicht kopieren, sondern adaptieren – so lautet die Losung der Österreichische Hoteliervereinigung (ÖHV). War Österreich bei der Bekämpfung von Covid-19 vielen Ländern um Wochen voraus, wird es jetzt von Deutschland bei der Bekämpfung der wirtschaftlichen Auswirkungen überholt, heißt es aus Wien. Präsidentin Michaela Reitterer: “Die ÖHV hat der Regierung schon im April vorgeschlagen, Lohn- und Umsatzsteuer über alle Branchen befristet, aber merklich zu senken: Das schafft Arbeitsplätze und kurbelt so den Wirtschaftskreislauf nachhaltig an. Deutschland macht es uns vor.” Natürlich könne das Paket nicht 1:1 kopiert werden: „Wir haben viel mehr KMU und Familienbetriebe, sind viel tourismusintensiver. Darauf nicht Rücksicht zu nehmen wäre ein Fehler“, so Reitterer.


Lesehinweis:
Corona-Konjunkturpaket der Bundesregierung:
So will die Politik dem Gastgewerbe unter die Arme greifen
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