Interview "Wir können uns weiterhin über den Mitarbeitermangel beklagen, oder wir öffnen uns für die Welt."

Um chinesischen Studierenden die Ausbildung in der deutschen Hotellerie vorzustellen und näherzubringen, besuchte Alexander Aisenbrey mehrmals Universitäten und Schulen im Reich der Mitte. (Bild: Öschberghof)

An chinesischen Hotelfachschulen und Universitäten werden Studenten mit der Perspektive auf ein duales Studium oder eine Ausbildung zum IST-Hotelökonom (FH) angeworben. Zu den Initiatoren gehört Alexander Aisenbrey: Der Geschäftsführer traf in China auf engagierten Nachwuchs und wird bald selbst Studenten aus der Volksrepublik im Öschberghof-Team begrüßen.

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Tophotel: Herr Aisenbrey, im Öschberghof werden in diesem Jahr erstmals Studenten aus China beschäftigt. Ein mutiger Schritt, Mitarbeiter aus dem Reich der Mitte nach Donaueschingen zu holen.
Alexander Aisenbrey: Wir können uns weiterhin über den Mitarbeitermangel beklagen, oder wir öffnen uns für die Welt. Die Chinesen sind wissbegierig und verfolgen klar ihre Ziele. Diese Einstellung passt sehr gut zu unseren Werten.

Sind die sprachlichen Hürden nicht enorm?
Die chinesischen Studenten, die zu uns kommen, haben im Deutschen das Sprachniveau B2. Dieses erlernen sie innerhalb eines Jahres auf einer Sprachenschule in der Bundesrepublik. Darüber hinaus sprechen sie fließend Englisch. Im Auswahlverfahren haben sie sich zudem klar dazu bekannt, dreieinhalb Jahre in die Welt hinauszugehen. Natürlich ist ihre Kultur anders, was eine Herausforderung sein wird. Ich bin aber vom Erfolg dieses Programms absolut überzeugt. Es übertrifft meiner Ansicht nach sogar jene Programme, die wir in Osteuropa haben.

Welche Kosten müssen Sie dabei für den Öschberghof veranschlagen, gibt es Unterschiede im Vergleich mit deutschen Studenten?
Alle Auszubildenden und Studenten erhalten bei uns die gleiche Vergütung: zwischen 800 und 1.000 Euro. Darüber hinaus ist das Essen im Öschberghof inklusive, und die Studiengebühren werden bezahlt. Allerdings: Die chinesischen Studenten bekommen von uns auch eine Wohnung gestellt. Das erhalten unsere deutschen Studenten nicht. Das ist der einzige Unterschied.

“Ich erwarte von der Politik gar nichts, sondern sage: Wir müssen es selbst machen.“

Alexander Aisenbrey

Die Studenten können sich zwischen einem klassischen dualen Studium oder einer Vorausbildung zum IST-Hotelökonom (FH) mit anschließendem Studium entscheiden. Was präferieren die Studenten aus Fernost, und worauf legen Sie selbst den Fokus?
Es kommt darauf an, auf welcher Schule sie sind. Wenn wir auf das duale Studium schauen, sprechen wir von dreieinhalb Jahren mit Abschluss Bachelor. In diesem Fall haben die Studenten alle schon einen Abschluss in China gemacht. Das ist das eine Modell. Und dann haben wir andere Universitäten und Schulen, wo die Studenten in China mit dem IST-Hotelökonom (FH) beginnen und das Studium in Deutschland beenden. Es kommt also immer auf die Vorbildung an (sh. Kasten unten, Anm. d. Red.).

Wie kam der Kontakt mit den Hotelfachschulen und Universitäten in China zustande?
Hauptimpulsgeber ist die IST-Hochschule, die ursprünglich Sportstudenten in China ansprach. Ich habe daraufhin vorgeschlagen, die Hotellerie nicht außen vor zu lassen. Nach der zweiten Vorstellungsrunde vor Ort haben wir die ersten Bewerbungen bekommen. Und jetzt läuft das Programm eher durch die Nachfrage aus China.

Wenn Hoteliers zwecks Rekrutierung um den halben Erdball fliegen müssen, zeigt dies einmal mehr die dramatische Lage beim Fachkräftemangel auf. Was macht die Politik aus Ihrer Sicht verkehrt?
Dem Tourismus wird in Deutschland nach wie vor nicht die Wertigkeit zugesprochen, die ihm gebührt. Hinzu kommt: Die Branche ist gespalten, wir haben keine Einigkeit und keine Macht, um uns wie eine Automobil- oder Chemieindustrie zu positionieren. Im Endeffekt ist das Hauptproblem die Trägheit, mit der Dinge verändert werden. Auch gegenüber der Politik. Insofern erwarte ich von der Politik gar nichts, sondern sage: Wir müssen es selbst machen.

“Das Problem: Ich möchte gern gute Mitarbeiter rekrutieren, darf diese aber nur dann einstellen, wenn sie über eine in Deutschland anerkannte Ausbildung verfügen.”
Alexander Aisenbrey

Nichtsdestotrotz ist Deutschland auf ausländische Fachkräfte angewiesen. Müsste es der Branche nicht leichter gemacht werden, ausländische Ausbildungen anzuerkennen?
In meiner Funktion als stellvertretender Ausschussvorsitzender der Deutschen Handelskammer durften wir zum Fachkräfteeinwanderungsgesetz Stellung nehmen und haben darauf hingewiesen, dass das Verfahren alles andere als zielführend ist. Die einzigen Länder mit einer richtigen Ausbildung für Restaurants, Hotels und Küche sind Deutschland, Österreich und die Schweiz, Frankreich mit Abstrichen. In Asien gibt es beispielsweise keine duale Ausbildung für das Restaurantfach. Das Problem: Ich möchte gern gute Mitarbeiter rekrutieren, darf diese aber nur dann einstellen, wenn sie über eine in Deutschland anerkannte Ausbildung verfügen. Diese Ausbildung gibt es anderswo in unserem Bereich schlichtweg nicht. Die Aussage, die ein Politiker getroffen hat, mit dem wir sehr intensiv diskutiert haben, war: „Wir wollen keine Sozialschmarotzer in Deutschland haben.“ Ist das die Wertigkeit, mit der unsere Branche in der Politik gesehen wird? Dass unsere Servicemitarbeiter und Köche als Sozialschmarotzer angesehen werden?

Geht die Branche daran kaputt?
Wenn man auch die antiquarischen Strukturen der Ausbildung miteinbezieht – ja! Mit der Bezeichnung Restaurantfachmann gewinne ich niemanden mehr. Das diskutieren wir seit über zehn Jahren und bekommen es trotzdem nicht geändert.

Im Jahr 2016 haben Sie mit der Aussage aufhorchen lassen: „Der Restaurantfachmann ist tot.“
Und es hat sich seither nichts getan. Von den Verbänden hagelte es Kritik, und dann wurde das Thema ad acta gelegt. Nichtsdestotrotz arbeiten wir an Alternativen. Mit der IST-Hochschule haben wir eine Ausbildung konzipiert, die Folgendes vorsieht: Der Auszubildende absolviert seine dreijährige Lehre bei uns und in Villingen an der Berufsfachschule als Hotelfachmann beziehungsweise Hotelfachfrau. Parallel macht er in diesen drei Jahren seinen Betriebsökonom und kann dann – wenn er sowohl die Lehre als auch den Betriebsökonom abgeschlossen hat – in eineinhalb Jahren noch den Bachelor machen. Das bedeutet: In viereinhalb Jahren gibt es gleich drei Abschlüsse. Das ist es, was die jungen Leute wollen.

In der Zukunft könnten somit ganz neue Studienmodelle angeboten werden?
Richtig. Wir brauchen die Azubis, da wir ihnen das Fachwissen beibringen wollen. Die jungen Menschen möchten ihrerseits den Bachelor mit Wissen haben. Jetzt kombinieren wir beides.

Zum Schluss ein Blick in die Kristallkugel. Dass chinesische Firmen derzeit in Hotellerie und Tourismus gewaltig investieren, ist unübersehbar. Der Verkauf von Steigenberger ist ein aktuelles Beispiel. Gleichzeitig wandert Know-how nach China ab. Mit Blick auf die chinesischen Studierenden in Deutschland: Werden diese das Know-how dann später nutzen, um die Hotellerie in China voranzubringen, oder bleiben sie in Europa, um hier Hotels zu führen?
Ich denke sowohl als auch. Nicht von ungefähr beobachten wir doch, dass kontinuierlich Fachfirmen aufgekauft werden. Einerseits, da man in China das Wissen haben will, zum anderen, um sich in Deutschland zu etablieren. Ich bin überzeugt, dass die chinesischen Studenten beide Möglichkeiten haben – auch seitens der Verantwortlichen in China. Dort möchte man natürlich GMs in Europa und auf internationaler Ebene platzieren. Was aber im Reich der Mitte nicht vorhanden ist, ist unser Ausbildungsniveau. Dies können wir mit Stolz oder mit Arroganz behaupten – oder wir sagen einfach: Die Welt dreht sich weiter, und wir müssen die Chance jetzt nutzen. Ob sie nun positiv oder negativ ausgeht.
Interview: Mathias Hansen


Zum Ablauf des China-Programms

Peking, Wuhan, Chongqin, Yangzhou, Chengdu: Bereits im Sommer 2019 waren Thomas Corinth, Lehrverantwortlicher für Hotelmanagement an der IST-Hochschule für Management, und Vizepräsident Martin Sommer zusammen mit Alexander Aisenbrey, Dominic Müller (Hotel Ritter Durbach) und David Depenau (Weissenhäuser Strand) für eine Woche in China unterwegs. Dort stellten sie die Studiengänge der IST-Hochschule vor.
Der Ablauf für das reguläre duale Studium ist laut Thomas Corinth folgender: Bereits in China wird das Bewerbungsverfahren gestartet und eine Vorauswahl der Bewerber getroffen. Die nach Interviews ausgewählten chinesischen Studenten schließen einen Vertrag mit einem hiesigen Hotel ab und kommen nach Deutschland. Dort lernen sie an einem Studienkolleg die deutsche Sprache. Nach einem Jahr absolvieren sie die Deutschprüfung, mit deren Bestehen sie gleichzeitig einen dem hiesigen Abitur gleichgestellten Abschluss erlangen. Dann starten sie in das duale Studium: Sie arbeiten dreieinhalb Jahre lang im Hotel und studieren zeitgleich Bachelor Hotelmanagement an der IST-Hochschule in Düsseldorf. Die Studieninhalte können flexibel und ortsungebunden mittels Online-Vorlesungen, Webinaren und Studienheften erarbeitet werden, für ergänzende Präsenz-Seminare in Düsseldorf und Prüfungen werden sie vom Betrieb freigestellt.

Das verkürzte duale Studium kann aktuell nur Schülern aus Chengdu angeboten werden, da sie bereits auf ihrer chinesischen Schule Deutsch lernen. Quasi in der Oberstufe können sie die Fortbildung zum IST-Hotelökonom (FH) absolvieren. Diese Vorbildung kann ihnen später in Deutschland auf das IST-Bachelorstudium Hotelmanagement angerechnet werden und verkürzt das Reststudium auf zweieinhalb Jahre.

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