Interview mit Designer Florian Kienast „Innovation darf nicht zu abstrakt werden“

Florian Kienast hat mit seinem Designbüro Formwaende in den letzten 17 Jahren über 300 Projekte realisiert. Wir sprachen mit ihm über zeitloses Design, die Angst vor Unbekanntem und die Sehnsucht nach dem Gefühl, zu Hause zu sein.

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Hotel+Technik: Herr Kienast, was ist für Sie modernes Design im Hotel? Und wie unterscheidet es sich von zeitlosem Design?

Florian Kienast: Für mich sind die Begriffe nicht unbedingt trennbar. Es gibt viele moderne Konzepte, die temporäre Trends und Strömungen aufnehmen, die gestalterisch in der Basis jedoch zeitlos sind. Oder Konzepte die zeitlos sind, fast schon seit Jahrhunderten funktionieren und wiederum moderne Gestaltungseinflüsse haben. Auch diese zeitlosen Konzepte werden in Zukunft Hotelgäste beherbergen, die genau das möchten. Stichworte wie die Renaissance des Grandhotels mit allen Annehmlichkeiten oder das Wiederaufleben der Landgasthöfe – allerdings in die moderne Zeit geführt – spiegeln das wider. Daher empfinde ich eine gute Mischung der beiden Stichworte modern und zeitlos als ein schlüssiges Konzept.

Wie hat sich die Vorstellung von modernem Hoteldesign in den letzten Jahren verändert?

Es gibt zusehends die Entwicklung, dass sich die eher futuristischen Konzepte in eine Richtung des „von früher“ Gewohnten entwickeln. Die Emotionalisierung von Standorten, Räumen, Einrichtungen und auch Dingen eines Hotelkonzeptes werden immer wichtiger. In Zeiten medialer Informationsflut benötigen die Gäste einen Anker. Immer wichtiger wird dabei auch der regionale Bezug des Standortes eines Hotels. Die Auseinandersetzung mit der Umgebung, Geschichte oder Herkunft von Einrichtung und Design eines Hotels ist wichtiger geworden. Letztlich geht es immer um das Erzählen von spannenden Geschichten, um Menschen zu begeistern.

Verschwimmen die Trennlinien zwischen Arbeit, Freizeit und Urlaub auch räumlich immer mehr?

Nicht nur die Freizeit nach der Arbeitszeit, sondern das ganze Leben mit allen Inhalten vermischt sich immer mehr mit der klassischen Arbeitszeit. Die immer größere Bereitschaft von Unternehmen, ein Homeoffice oder flexible Arbeitsplätze zu gewähren, ist nur der Vorläufer. Ich denke, dass zukünftig in vielen Branchen von überall aus der Welt zugearbeitet werden kann. Ob dies im Hotel, Ferienhaus oder bei Freunden auf der Terrasse sein wird, spielt dann keine Rolle mehr. Was allerdings immer Bestand haben wird, ist, dass Menschen zusammenkommen, um sich bei Gesprächen in direktem Kontakt auszutauschen.

Was bedeutet das für die Anforderungen an Technik und Ausstattung im Hotel?

Die mediale Vernetzung sämtlicher technischer Komponenten, die den Hotelaufenthalt angenehmer machen, den Gästen Aufgaben abzunehmen oder Abläufe zu vereinfachen, das wird immer wichtiger und auch selbstverständlicher. Die Entwicklung des Smart Home wird auch in Hotels immer mehr Einzug halten. Hier sehe ich noch viel Entwicklungspotenzial, aber gestalterisch sollten diese technischen Dinge in den Hintergrund treten. Besonders wichtig finde ich die vereinfachte und intuitive Bedienung der Komponenten. Kein Gast möchte sich durch lange Display-Menüs scrollen, um die Nachttisch-Beleuchtung auszuschalten. Was die Ausstattung angeht, wird es im Hotel immer mehr Bereiche für Kommunikation geben. Die Auflösung der klassischen Lobby hin zum Working Space mit Rezeption, einer Bar mit Restaurant, die auch für Meetings genutzt werden kann –auch für Nichthotelgäste –, lässt sich schon heute in vielen Projekten sehen.

Wie bewerten Sie als Designer das Cocooning-Revival, und was gehört für Sie zum modernen „Wohlfühlambiente“?

Trotz aller Trends und Strömungen sehnen sich alle Menschen letztlich nach Geborgenheit. Das Gefühl, sich mit geliebten Menschen und Freunden „zu Hause“ und angekommen zu fühlen. Dies kann im Innen- wie im Außenbereich der Fall sein. Die Einbindung authentischer, ehrlicher und unverfälschter Materialien ist für mich hierbei von großer Bedeutung. Auch die Imperfektion von Dingen mit einem eigenen Charakter können in Verbindung mit modernem Design dazu beitragen. Aus meiner Vergangenheit als gelernter Tischler weiß ich, wie emotional Materialien und deren Verarbeitung sein können. Hinzu kommt allerdings auch eine immer größere mediale Überforderung. Daher werden die Rückzugs- und Sehnsuchtsorte immer wichtiger. Die moderne Technik wird zwar immer selbstverständlicher, muss sich aber gestalterisch komplett im Hintergrund halten, idealerweise gar nicht in Erscheinung treten.

Was sind die größten Designfehler?

Allgemein Dinge, die nicht konsequent oder nur halbherzig gestaltet sind und bei denen die Grundlagen wie Proportionen, Symmetrie oder Rhythmus nicht oder nur ungenügend berücksichtigt wurden. Design-Fehler gibt es leider auf allen Gebieten, in denen Menschen Dinge gestalten, von Gebrauchsgegenständen über Automobil, Transport und Gebäude bis zur Mode und allen überflüssigen Dingen. Häufig nehmen sich die Verantwortlichen für die Entwicklung eines guten Designs zu wenig Zeit.

Was bedeutet für Sie Innovation?

Dinge und Konzepte zu denken und zu realisieren, die auf den ersten Blick als utopisch und nicht machbar verrissen werden, aber von einer Gruppe von Enthusiasten doch ausprobiert und letztlich realisiert werden. Auch die Weiterentwicklung jahrhundertealter Herstellungs- oder Bautechniken in Verbindung mit neuester Technik sehe ich als Innovation.

Kann Innovation im Design auch überfordern?

Ja, wenn die optische Herausarbeitung von technischen Innovationen die Menschen überfordert und das Design überdeckt wird. Sobald Innovationen zu abstrakt und nicht mehr nachvollziehbar werden, kommt die Angst ins Spiel. Ein gutes Beispiel ist die Entwicklung des Robotik-Designs: Eine für den Menschen bekannte und gewohnte Gestaltungs-Hülle wird über eine sehr innovationsorientierte Technik gestülpt, um diese akzeptabel zu machen.

Interview: Isabell Schreml

Weitere Infos: www.formwaende.de

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