Hoteltest im Bülow Palais Dresden: Schmuckstück mit genug Brillanz?

08:38
Zimmerfrühstück

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Die vorgeschlagenen Zimmerfrühstücksoptionen sprechen mich nicht wirklich an, die Einzelpreise empfinde ich als ziemlich happig. Ich beschränke mich deshalb auf eine individuelle Bestellung, die ich handschriftlich auf dem Rand des Frühstückstürhängers vermerkt habe: einen Milchkaffee, ein Porridge, ebenfalls mit Milch zubereitet, sowie „Melone, Mango, Papaya“. Als Servierzeitraum kreuze ich 08:30 bis 08:45 Uhr an. Um 08:38 Uhr klopft es und ein ausgesprochen freundlicher junger Mann schiebt einen Servierwagen ins Zimmer und vors Bett. Der Beleg, den ich unterzeichne, listet 20,50 Euro einschließlich des obligatorischen Fünf-Euro-Zimmerservicezuschlags. Das Porridge schmeckt sehr gut, und der Früchteteller ist nicht nur hübsch arrangiert, sondern auch gut bestückt. Der Servierwagen präsentiert sich sauber eingedeckt und mit einer kleinen Blumenvase dekoriert. Einzig der Abräumhinweis fehlt. „Ich wünsche Ihnen ein schönes Frühstück“, sagt der junge Mann lächelnd und verlässt den Raum.
Wertung: sehr gut

10:15
Check-out

Mein Check-out bei Herrn H. verläuft so, wie ich es mir in einem Luxushotel vorstelle. Konzentriert, zuvorkommend und äußerst charmant erstellt mir der Empfangschef die Rechnung, geht diese auf meinen Wunsch hin geduldig Punkt für Punkt mit mir durch, streicht das nicht servierte Glas Champagner und bedankt sich, als ich ihn auf das auf der Rechnung fehlende Opernmenü aufmerksam mache. Eine gute Gelegenheit, um meinen Frust der letzten beiden Tage loszuwerden.

Herr H. wirkt ehrlich erschüttert, entschuldigt sich und besteht darauf, das Opernmenü „als kleine Wiedergutmachung“ nicht zu berechnen. Er gibt mir noch ein Mineralwasser mit auf die Reise und drückt seine Hoffnung aus, ich möge dem Hotel bei einem erneuten Besuch noch eine Chance geben. Der Hoteldirektor, den ich während meines Aufenthaltes nur einmal – in Privatkleidung und nicht grüßend – durch die Hotelhalle eilen sah, hält sich gerade am Empfang auf und hört unseren Wortwechsel mit. Die Gelegenheit, sich als Gastgeber vorzustellen und ein paar passende Worte zu sagen, ergreift er nicht.
Wertung: gut

Lost & Found

Mein „versehentlich“ liegengebliebenes Schmuckstück ist gefunden worden und wird mir ohne Berechnung der Portokosten zugesandt – hübsch in einen kleinen Beutel verpackt und von einem etwas holprigen, aber gutgemeinten Gedicht begleitet.
Wertung: sehr gut

Fazit

Dresdens Schatzkästlein – so wird das Barockviertel nördlich der Elbe auch genannt. In diesem Schatzkästlein darf das Relais & Chateaux Bülow Palais durchaus als Schmuckstück gelten, wenngleich es sich beim Testbesuch nicht überall von seiner glänzendsten Seite zeigte. Wirklich hell funkelte die Leistung der Küchencrew, beim Abendessen im Gourmetrestaurant wie auch beim Frühstück, durch die Bank blitzte auch das Housekeeping, auf der Etage wie in den öffentlichen Bereichen und im Spa. Und als Solitäre leuchteten Empfangschef, Küchenchef, Restaurantleiterin, Barkeeper und Concierge.

Augenfällig traten bei meinem Besuch jedoch auch viele matte Stellen zutage, die einem Fünfsterne-Superior-Hotel ganz und gar nicht gut zu Gesicht stehen: das in die Länge gezogene Reservierungshandling, die mangelnde Kommunikation – intern wie extern – im Hinblick auf die gebuchten Leistungen des Opernpackages, die Abwesenheit der Concierge an einem voll gebuchten Wochenendtag, das Fehlen jeglicher Spa-Behandlungsmöglichkeit an einem ebensolchen Tag sowie das Fehlen eines hausinternen Wäscherei- und Bügelservices. Außerdem: Wenn die Hotelmannschaft feiert, muss dennoch jemand die Stellung halten, auch an der Bar, notfalls eine externe Aushilfe. Das Bülow Palais schmückt sich schließlich mit fünf Sternen und einem „Superior“, was nichts anderes heißt als: „Da geht nichts mehr drüber.“ Daran muss man sich messen lassen. Sonst läuft man Gefahr, dass es der Gast mit Erich Kästner hält: „Der verborgene Sinn allen Reisens ist es, Heimweh zu haben.“

Testurteil: 60 Prozent, befriedigend

100-81 sehr gut; 80-61 gut; 60-41 befriedigend; 40-21 mangelhaft; 20-0 ungenügend. Der Gesamteindruck ist nicht das arithmetische Mittel; die Check-Bereiche sind unterschiedlich gewertet!


Hinweis: Die Erstveröffentlichung des Hoteltests erfolgte in der Tophotel-Ausgabe März 2019. 

Eine Übsicht zu weiteren Hoteltests finden Sie hier.

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