Anzeige
Anzeige
Anzeige
StartBusiness & ManagementHoteltestLuxushotel-Test in Andermatt :: Wie performt das erste europäische Chedi?

Luxushotel-Test in Andermatt  Wie performt das erste europäische Chedi?

 

 

19:30 – »The Restaurant«

Vor dem Besuch des Restaurants machen meine Begleitung und ich einen Abstecher in die Bar, um dort unseren »Willkommensaperitif mit Kanapees« einzunehmen. Der Barchef ist jedoch nicht informiert, entschuldigt sich und verspricht nachzuhören. Da wir schon spät dran sind, winken wir ab und gehen direkt zum Essen. Über sieben verschiedene F&B Outlets verfügt das Chedi – vom japanischen Gourmetrestaurant über das schweizerische »The Chalet« neben der hauseigenen Eislaufbahn bis hin zum »The Club House« auf dem Golfplatz. Hauptrestaurant ist das »The Restaurant« (bei der Namensgebung hätte man ruhig etwas kreativer sein können), ein beeindruckend großer und hoher Raum mit hölzerner Kassettendecke und wagenradähnlichen Kronleuchtern. Vier gläserne Showküchen sind auf der Fläche untergebracht, eine für die Schweizer Spezialitäten, eine für die asiatische Küche, in einer arbeiten die Gardemangers und in einer kann man die Patissiers beobachten. Zudem läuft der Gast geradewegs auf ein fünf Meter hohes Glashaus zu – den Käsekeller, in dem sehr dekorativ Käseköstlichkeiten aus der Region lagern. Wieder einmal Superlative, zu denen der überaus aufmerksame und herzliche Service gut passt. Sie haben das Package gebucht? Was hätten Sie denn gerne als Aperitif? Gin Tonic? Und welchen Gin bevorzugen Sie? Darf etwas Pfeffer und Gurke hinein? Schwupps, stehen auch schon die Gläser und vier Kanapees vor uns. Sie sind hübsch dekoriert – im Gegensatz zum Tisch, der ohne Tischdecke und Tischsets auskommt und als einzigen Schmuck ein Teelicht aufweist. Dafür sind das eingedeckte Besteck von Robbe & Berking, das Geschirr von Dibbern und die Gläser von Riedel. Das Studium der Karte kann also beginnen. Denn uns wird nicht etwa ein von der Küche vorgegebenes Drei-Gänge-Menü serviert, wir können uns die Gänge vielmehr völlig frei aus der Karte wählen. Der aufgeschlossen wirkende junge Ober kann, obwohl die Karte ganz neu zusammengestellt ist, gut beraten. Wir bleiben auf der linken Seite (Schweizer Küche – die rechte Seite nehmen asiatische Speisen ein) und wählen zur Vorspeise einmal Weißen Spargel und luftgetrockneten Berg-Yak (!) mit Alpenkräutermayonnaise sowie einmal Tatar vom Reh, luftgetrockneten Hirsch und gebeiztes Gemüse. In etwas zu rascher Folge kommen nach den Kanapees Brot (vier kleine unterschiedliche Stangen) und Butter, ein asiatisches Amuse-Gueule und dann auch schon die Vorspeisen, zu denen uns der schwedische Sommelier zwei unterschiedliche Weißweine empfohlen hat, die wir vorab probieren dürfen. Ausgeschenkt wird immer ein Deziliter. Wunderschön angerichtet sind beide Vorspeisen; das Rehtatar schmeckt kräftig, es ist auch reichlich mit Kapern bestückt. Yak und Hirsch erweisen sich als identische, in hauchdünn geschnittene und zur Blüte geformte Scheiben und erinnern vom Geschmack an Bündner Fleisch. Mein Spargel mit der Mayonnaise und den halbierten Wachteleiern schmeckt gut dazu, aber ein bisschen langweilig. »Möchten Sie mit dem Hauptgang warten, bis Sie Ihren Weißwein ausgetrunken haben?« Ja, bitte, denn zum Hauptgang haben wir einen Rotwein aus dem Trentino bestellt. Wieder sind die Hauptgänge wahre Prachtexemplare der Anrichtekunst. Meine Begleitung ist auch sehr glücklich über die Medaillons von der Berner Ziege mit Alpen-Eisenkraut, Spargel und Rahmpolenta. Ich habe mir ein Urner Kalbskotelett bestellt, mit Bärlauchblättern und Waldpilzrisotto. Zunächst erscheint das Kotelett perfekt rosa gebraten, doch je weiter ich mich zum Knochen vorarbeite, umso englischer und sehniger wird das Fleisch, sodass ich ziemlich viel davon liegen lasse. Der Ober nimmt dies bestürzt zur Kenntnis, ebenso, dass mir das Risotto zu salzig war. Darf es vielleicht ein Digestif auf Kosten des Hauses sein? Schon steht ein Grappa di Brunello vor mir, und auch die beiden doppelten Espressi finden wir auf der Rechnung nicht wieder. Um diese bitten wir, nachdem der Käsekuchen mit roten Früchten und Joghurteis uns den Magen definitiv geschlossen hat. Und zahlen 62 Schweizer Franken für die vier offenen Weine und eine Flasche Wasser.
Wertung: noch sehr gut

22:30 – »The Bar and Living Room«

Zwei Kamine knistern, ein DJ legt Lounge-Musik auf, das Soundsystem ist toll, die Beleuchtung schummrig-angenehm. Beste Voraussetzungen also für gute Stimmung in der behaglichen Bar, die wie alle F&B Outlets im Chedi innenarchitektonisch sehr gelungen ist. Nur die Barkeeper tun mir ein wenig leid, müssen sie doch, um bestimmte Flaschen zu erreichen, eine Bibliotheksleiter nutzen, so hoch reicht das Flaschenregal hinter dem Bartresen. Das stumm laufende Fußballspiel auf dem großen Flatscreen empfinde ich als stilistisch unpassend und überflüssig. Es schaut nämlich keiner hin, denn außer uns nippt nur ein Pärchen gelangweilt an seinen Drinks. Die Barkarte listet eine eindrucksvolle Auswahl an Spirituosen, darunter auch einen Mezcal, die Urform des Agavenschnapses Tequila, und einen raren Scotch Single Malt von 1964, von dem vier Zentiliter 899 Franken kosten. Wir probieren lieber ein Schweizer »Stiär Biär«, schon weil es so nett klingt, und eine hauseigene Kreation, den Chedi Mountain Cocktail. Dieser wird aus Monkey 47 Sloe Gin, Lavendelsirup, Limettensaft und Sodawasser gemixt. Er kommt standesgemäß für seinen Preis (24 Franken) in einem hohen Tumbler aus Bleiglas, schön dekoriert mit einer Lavendelblüte und drei dicken Heidelbeeren auf einem Holzstäbchen. Das herb-blumige Aroma ist gewöhnungsbedürftig, aber ich komme schnell auf den Geschmack. Zu den Getränken werden zwei Schälchen mit Oliven und einer Nuss-Trockenfrucht-Mischung gereicht, korrekt mit Löffeln und Servietten. Der Service ist freundlich und aufmerksam, der Barchef erkundigt sich noch einmal wegen des kleinen Fauxpas zu Beginn des Abends, aber nun ist ja alles gut.
Wertung: sehr gut

SA. 26/03, 08:30 – Weckruf

»Guten Morgen, hier ist der Stefan von der Rezeption! Sie hatten einen Weckruf gewünscht. Soll ich noch einmal anrufen? Nein? Dann einen schönen Tag für Sie!« Gut gelaunt, schwungvoll und zudem pünktlich hat Stefan uns »geweckt«. Die herzliche Art macht wett, dass er mich nicht mit Namen angesprochen und auch nicht die Uhrzeit genannt hat.
Wertung: gut

10:00 – Frühstücksbuffet

Wir werden am Eingang zum »The Restaurant« nach der Zimmernummer gefragt und zu einem Tisch begleitet. Am Morgen wirkt der große Raum fast wie ein Speisesaal. Trotz der vielen Gäste und der glatten, keinen Schall schluckenden Oberflächen bleibt der Geräuschpegel erträglich. Es laufen etliche Servicekräfte herum, die teilweise etwas fahrig und teilweise etwas muffig wirken – kein Vergleich zum fixen und fitten Service vom Vorabend. Der bestellte Kaffee ist, auch nachdem wir vom Buffet zurückgekommen sind, noch nicht serviert, meine versuchte Zeichengebung an den für uns zuständigen Kellner läuft ins Leere. Endlich kommt die Serviceleiterin und entschuldigt sich – die Maschine habe gestreikt, jetzt gebe es aber sofort Kaffee. Ob Milchkaffee in der Schweiz etwas anderes ist als in Deutschland? Das, was den Kaffee in der kleinen Tasse bedeckt, würde ich jedenfalls nicht Milchschaum nennen. Aber vielleicht liegt das ja an der defekten Maschine. Im Verlauf des Frühstücks laufen zwar nach wie vor etliche Mitarbeiter umher, das schmutzige Geschirr auf unserem Tisch bleibt jedoch stehen oder wird nur zum Teil abgeräumt. Das Frühstücksbuffet ist an den vier Showküchen aufgebaut, sodass man erst einmal herumlaufen muss, um sich zu orientieren. Ich laufe sogar zweimal rundherum, weil ich irgendwie nicht glauben kann, dass das, was ich gesehen habe, alles sein soll. Bei der Patisserie gibt es Cerealien und Trockenobst, ein hausgemachtes Birchermüsli, Naturjoghurt, Fruchtjoghurt in Bechern und dreierlei Milch (normale, laktosefreie und Sojamilch). Außerdem Obst, das von einer Mitarbeiterin in der Küche ständig nachgefüllt bzw. frisch aufgeschnitten wird. Die Auswahl ist gut, es gibt diverse Beeren, Melone, Kiwi und Weintrauben. An der Gardemanger-Station stehen Karaffen mit verschiedenen Säften, darunter frischer Orangen- und Grapefruitsaft, und einer Erdbeermilch, kleine abgepackte Actimel-Drinks, Räucherlachs und Forellenfilets mit Sahnemeerrettich, Hüttenkäse und ein bisschen Gemüse. In einem zweiten mit Eis gekühlten Fach finden sich kleine Schalen mit Oliven, Mixed Pickles und Antipasti sowie fünf schwarze runde Teller mit zweierlei Aufschnitt, gerollter Putenbrust, Schinken und Salami. An der dritten Showküche stehen Brot und Brötchenauswahl, an der vierten braten zwei Köche Eier nach Wunsch und bereiten Crêpes und Pfannkuchen zu. In Chafing Dishes werden gegrillte Tomaten, Pilze, dreierlei Würstchen, Speck, Rührei und Baked Beans offeriert. Irgendwo zwischen den Stationen stehen noch die hausgemachten Marmeladen, eine Honigwabe, Nutella und eine kleine Auswahl glutenfreier Produkte – und das war’s. Halt: Den Käseturm habe ich vergessen, in dessen Innerem mich um 10:30 Uhr (Frühstück gibt es bis 11 Uhr) ein abgegessenes Käsebrett angähnt. Keine Frühstückskarte mit zusätzlichen Offerten, keine über den Standard hinausgehenden Speisen oder Getränke, und das einzig Asiatische – wohlgemerkt in einem Hotel, das über ein japanisches Gourmetrestaurant verfügt – ist ein Schüsselchen mit Lychees. Das überrascht und verwundert gleichermaßen. Zwar sind alle verkosteten Speisen von guter Qualität, vieles hausgemacht, das Obst frisch, aber ein so dürftiges Bild, wie es die Aufschnittstation bietet, mit ihrem mageren Angebot an Wurstwaren auf nicht ausgarnierten, zu kleinen Tellern, auf denen die entnommenen Waren bereits fettige Spuren hinterlassen haben, das ist eines Fünf-Sterne-Superior-Hotels nicht würdig. Gleiches gilt für das mickrige Schüsselchen, in dem ein paar Pilze und Paprikastreifen vor sich hin dümpeln und das mit »Antipasti« beschriftet ist. Die Marmeladen stehen in großen Weckgläsern auf einem tiefen Fensterbrett, ohne Unterteller und Serviette, was unsauber wirkt, zumal die Kleckerspuren dazwischen nicht beseitigt werden. Lange Wege, lieblose Präsentation der Speisen und ein nicht dem Standard des Hauses entsprechendes Angebot. Nur die Qualität der einzelnen Offerten schützt da vor einem »Mangelhaft« in der Wertung.
Wertung: gerade noch befriedigend

Newsletter-Registrierung

Topaktuell auf den Punkt gebracht!
Werktäglich berichtet der kostenlose Tophotel-Newsletter über aktuelle Ereignisse in der nationalen und internationalen Hotelwelt. Profitieren Sie von journalistisch hochwertiger Information und Inspiration für das tägliche Business.
ANMELDEN
Sie interessieren sich für Produktnews und technische Innovationen in der Hotellerie? Testen Sie auch unseren kostenfreien HOTEL+TECHNIK-Newsletter​
close-link