Hotelmarkt GeorgienHotelboom im ehemaligen Sowjet-Paradies

STAMBA

Auf der touristischen Landkarte zählt Georgien zu den weniger bekannten Zielen. Doch die Hotellerie in dem kleinen Land, das zwischen Schwarzem und Kaspischen Meer am Schnittpunkt von Europa und Asien liegt, boomt in diesen Tagen. Der internationale Durchbruch steht kurz bevor. Dschungelpflanzen, unbearbeitete Betonsäulen, Eisenträger, Panoramafenster und meterhohe Bücherregale in der Lobby: Der Blick schweift automatisch nach oben und bleibt sieben Stockwerke höher am gläsernen Boden des Rooftop-Pools hängen. Architektur und Design des Atriums des im Mai neu eröffneten Stamba Hotels in der georgischen Hauptstadt Tiflis bringen jeden Gast zum Staunen. Selbst die Hotelbesitzer, die einheimische Ajara Group, waren überrascht, als sie das 110 Jahre alte, ehemalige sowjetische Verlagshaus von der Regierung abkauften. »Niemand wusste genau, was alles in dem verlassenen Gebäude steckt und so staunten wir nicht schlecht, als wir die drei Innenhöfe entdeckten«, sagt Valeri Chekheria, der 33-jährige CEO des landesweit größten Hotelunternehmens. In dem zentrumsnahen Gebäudekomplex eröffnete Ajara im Jahr 2014 zuerst das Rooms Hotel, ein Vier-Sterne-Haus mit 125 Zimmern im eleganten New Yorker Vintage-Stil der 1930er-Jahre. Mit dem Fünf-Sterne-Hotel Stamba im Luxus-Loft-Stil gibt es nun zwei Hotels in Tiflis, die zu den Design Hotels gehören und stellvertretend für den Boom der gastlichen Branche in Georgien stehen.

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130 Hoteleröffnungen in nur drei Jahren

Der Tourismus in dem Land am Kaukasus, das von den Nachbarn Türkei, Armenien, Aserbaidschan und Russland umgeben ist, entwickelte sich in den vergangenen zwei Jahren explosionsartig. Nicht zuletzt, weil Georgien als Geheimtipp in der Reisebranche gilt und in diesem Jahr auf Hitlisten internationaler Medien steht wie im »Guardian«, dem »Lonely Planet« oder im Magazin »National Geographic«, das Tiflis zu den »Best Trips« zählt. Aktuelle Zahlen aus dem nationalen Statistikbüro unterstreichen dies: Im vergangenen Jahr wurde mit einer Wachstumsrate von 17 Prozent die Rekordmarke von sieben Millionen Touristen übertroffen. Mehr als 80 neue Unterkünfte mit 5.000 Betten eröffneten alleine in der Hauptstadt. 2018 und 2019 sollen nochmals 50 neue Hotels mit knapp 8.000 Betten hinzukommen – darunter Ableger internationaler Ketten wie Hilton, Marriott, Radisson, Pullman und Ramada. Sie alle wollen sich ein Stück von dem Kuchen sichern, der in den kommenden Jahren erst so richtig aufgehen soll. Das Ziel liegt nach Auskunft des Tourismusministeriums bei elf Millionen Touristen im Jahr 2025 – angesichts der Einwohnerzahl Georgiens von nur 3,8 Millionen eine beachtliche Größe.

Meer, Berge, Weinanbau, Unesco-Stätten, Seidenstraße

Die Destination hat auf einer mit Bayern vergleichbaren Landesfläche Vielfältiges zu bieten: Unberührte Landschaften im Kaukasus mit bis zu 5.000 Meter hohen Bergen und Gletschern. Badestrände an der Küste des Schwarzen Meeres. Weinanbaugebiete, die sich mit ihrer 8.000 Jahre alten Tradition als die ältesten der Welt rühmen. Pittoreske Klosteranlagen und Kirchenkunst – Georgien gilt als Wiege der christlichen Religion. Drei Unesco-Weltkulturerbestätten, in den Fels getriebene Höhlenstädte, archäologische Ausgrabungen, ein Teil der alten Seidenstraße sowie eine ausgeprägte Ess- und Trinkkultur mit dem berühmten Tamada, jenem Tischmeister, der für Trinksprüche zuständig ist. Die große Mehrheit der ausländischen Besucher sind Leisure-Touristen, nur zehn Prozent kommen nach Angaben des nationalen Statistikbüros mit geschäftlichem Hintergrund nach Georgien. Der Tourismusboom hat auch mit der Sicherheitslage im Land zu tun, die sich nach dem Zerfall der Sowjetunion und dem Unabhängigkeitskampf Anfang der 1990er-Jahre langsam stabilisierte. Im August 2008 fand die letzte militärische Auseinandersetzung mit Russland um die abtrünnigen Landesteile Abchasien und Südossetien statt. Die Regierung des ehemaligen Präsidenten Micheil Saakaschwili unternahm danach enorme Anstrengungen, um den Tourismus wieder auf die Beine zu bringen. Denn in der 70 Jahre währenden Sowjetzeit genoss Georgien als südlichste Republik den Ruf als Paradies für Erholungssuchende und Kulturinteressierte.

Neues Konzept mit jungen Kreativen

Was es mit seiner reichhaltigen Kultur auf sich hat, darf Georgien auf der Frankfurter Buchmesse vom 10. bis 14. Oktober als Ehrengast 2018 vorstellen. Die Vorbereitungen für diesen großen Auftritt in Europa laufen seit acht Jahren. Genau zu dieser Zeit sperrte die Ajara Group ihr erstes Hotel in Tiflis auf, ein Franchise-Betrieb mit Holiday Inn als Partner. Schnell erkannte das junge Unternehmen, dass es der Hauptstadt an Design- und Boutiquehotels mangelt und setzte mit dem stylischen Rooms ein Ausrufezeichen. »Lange Zeit war es uncool, im Service zu arbeiten. Wir wollten diese Mentalität ändern und ein neues Konzept ausprobieren, indem wir junge Georgier von Filmhochschulen und Kunstakademien abwarben. Kreativ und offen für Neues sollten sie sein, Tattoos, Piercings und wilde Frisuren haben«, erklärt Ajara-CEO Valeri Chekheria. Er schickte die jungen Menschen an seinen Studienort New York, wo sie in Hotels und Restaurants wie dem Ludlow, dem Gramercy Park oder dem Waverly Inn hospitierten, »um zu verstehen, was wir wollen«. Das Ergebnis kann sich sehen lassen: Das Personal in den Designhotels Rooms und Stamba ist herzlich und authentisch, aber nicht devot, und versprüht die überschwängliche georgische Gastfreundlichkeit, wodurch eine lockere Atmosphäre herrscht.

Durchschnittspreise von 90 Euro im Vier-Sterne-Hotel

»Wir wollen persönlich sein und uns mit georgischen Elementen präsentieren«, sagt auch Mariam Tevzadze, die junge Direktorin des im vergangenen Jahr eröffneten Boutiquehotels Shota Rustaveli, das nach dem berühmten Dichter aus dem 13. Jahrhundert benannt ist. Mit Preisen ab rund 110 Euro für das Doppelzimmer mit Frühstück liegt das Shota etwas höher als der Durchschnittspreis für First-Class-Hotels in Tiflis, der sich um die 90 Euro bewegt. Für ein Zimmer in einem Luxushotel bezahlt man laut PMCG-Research im Durchschnitt 180 Euro. Verglichen damit ist eine Nacht im Stamba aktuell noch günstig, denn diese schägt derzeit mit 140 Euro zu Buche. Nach Ende der Soft-Opening-Phase im März 2019, wenn alle 160 Zimmer sowie die Etage für Künstler und das Fotomuseum fertig gestellt sind, dürften die Preise steigen – zumal das Hotel auch schon bei den »Ahead Awards« in der Kategorie »urban hotel-conversion« nominiert ist. 

 

 

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