HDV-Chef Jürgen Gangl im Interview Der Hoteldirektor als Allround-Talent

HDV-Vorstandschef Jürgen Gangl

Was sind die großen Herausforderungen, denen sich ein General Manager heute stellen muss? Darüber sprachen wir mit Jürgen Gangl, der das Park Inn by Radisson Berlin Alexanderplatz führt und als Vorstand den Kurs der ­Hoteldirektorenvereinigung Deutschland maßgeblich mitgestaltet.

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Top hotel:  Herr Gangl, die Wiederwahl des gesamten HDV-Vorstands bestätigt Sie darin, den 2017 eingeschlagenen Kurs weiterzuverfolgen. Was waren Ihre wichtigsten Themen?
Jürgen Gangl: Auf unserer Agenda stehen unter anderem das realitätsferne Arbeitszeitgesetz, der halbherzige Einsatz unserer politischen Branchenvertreter für die Belange der Hotellerie und Gastronomie sowie der Fachkräfte- und Nachwuchsmangel. In der besonders dringlichen Förderung des Branchennachwuchses engagieren wir uns bereits seit vielen Jahren.

Top hotel: Welchen Aufgaben müssen Sie sich 2018 besonders stellen?
Jürgen Gangl: Wir sehen keinen Fortschritt bei den drängenden Fragen und werden uns weiterhin dafür stark machen, dass die Hospitality-Branche endlich von der Politik ernstgenommen wird. Schließlich zählt das Gastgewerbe zu den wichtigsten Wirtschaftsfaktoren in Deutschland, bekommt aber nach wie vor nicht die ihm gebührende Anerkennung. Auch seitens des Dehoga erwarten wir mehr Unterstützung. Dazu zählt auch, dass die Versprechungen der Politiker und des Dehoga zum Arbeitszeitgesetz Wirklichkeit werden. Was ist aus den PR-Veranstaltungen des Dehoga zum Arbeitszeitgesetz geworden? Was wird gegen den Nachwuchs- und Fachkräftemangel unternommen? Werden die für die Hotellerie geschäftsschädigenden Angebote der Sharing Economy weiter in ihre Schranken verwiesen? Die Branche steht vor großen Herausforderungen und braucht Unterstützung seitens der Verbände. Wir setzen uns dafür ein, dass die Branchenverbände enger zusammenarbeiten und gegenüber der Politik mit einer Stimme sprechen.

Top hotel: Das klingt kämpferisch. Worin liegt Ihre Motivation für das Amt?
Jürgen Gangl: Ich lebe seit über 30 Jahren leidenschaftlich für die Hotellerie. Wenn man mit diesem Beruf verwachsen ist, möchte man sein Wissen und Engagement auch zum Wohle der Branche einbringen. Mir liegt sehr viel daran, das Image unseres Wirtschaftszweigs zu verbessern und junge Menschen zu motivieren, in unseren Berufen Karriere zu machen und sie auf diesem Weg zu begleiten.

Top hotel: Für das HDV-Gütesiegel »Exzellente Ausbildung« wurde eine neue Website gelauncht. Wie entwickelt sich die Initiative qualitativ und quantitativ?
Jürgen Gangl: Wir haben das Gütesiegel ‚Exzellente Ausbildung’ 2013 ins Leben gerufen, um der Ausbildung in der Hotellerie einen neuen, höheren Stellenwert zu geben. Das Gütesiegel trennt die Spreu vom Weizen: Die zertifizierten Betriebe bieten eine erstklassige Ausbildung. Das Gütesiegel macht sie kenntlich. Die Kriterien sind streng und werden von DEKRA Assurance Services geprüft. Wir stellen fest, dass das Zertifikat für junge Leute auf Ausbildungsplatzsuche, aber auch für deren Eltern eine wichtige Rolle bei der Entscheidung spielt. Wir arbeiten intensiv daran, das Siegel noch weiter in die Branche zu tragen und Hotelbetriebe zu motivieren, sich zertifizieren zu lassen. Jeder Betrieb hat nach dem Zertifizierungsprozess gesagt, dass der Aufwand sich lohnt, da Strukturen und Prozesse auf den Prüfstand gestellt werden. Das Gütesiegel ist wie der ‚Deutsche Hotelnachwuchs-Preis’ und der ‚Exzellente Ausbildungsbetrieb’ eine unserer wichtigen Aktivitäten zur Nachwuchsförderung in der Hotellerie.

Top hotel: Was sind die Voraussetzungen für eine exzellente Ausbildung in der Hotellerie?
Jürgen Gangl: Professionelle Ausbildungsstrukturen im Hotel, ­qualifizierte Ausbildungsverantwortliche, persönliche Betreuung der Azubis mit der Förderung von Stärken und speziellem Training bei Schwächen, Vertrauen und schon früh eigenverantwortliches Arbeiten.

Top hotel: Sie sehen die Rolle des Hoteldirektors im Wandel. Welche Entwicklungen wirken sich am stärksten auf Ihre Aufgaben heute aus?
Jürgen Gangl: Wesentliche Faktoren, die seit Jahren die Rolle des General Managers beeinflussen, sind die Digitalisierung, Anforderungen von Eigentümern und Investoren, der Fachkräftemangel, innovative Hotelkonzepte, die ein neues Rollenverständnis erfordern, und die Erwartungen junger Mitarbeiter an Führung.

Top hotel: Was heißt das in der Praxis?
Jürgen Gangl: Eine wesentliche Aufgabe des Hoteldirektors besteht darin, sich um die Mitarbeiter zu kümmern, sie zu führen und zu motivieren. Das zählte früher nicht in dem Maße zu den Pflichten eines Direktors, der oft eher als autoritärer Patriarch auftrat. Heute ist der General Manager ein Allrounder. Er muss nicht nur die digitale Welt verstehen und als Hauptansprechpartner von häufig branchenfremden Eigentümern fungieren – er agiert bei Renovierungen, Um- und Anbauten als Baumanager, und ist natürlich wichtiger Ansprechpartner für die Gäste: Er oder sie ist das Gesicht des Hotels.

Top hotel: Was bedeutet das für die Berufsausbildung und konkret für die Vorbereitung auf eine Führungsaufgabe?
Jürgen Gangl: Wir beobachten eine zunehmende Akademisierung in der Hotellerie, zum Beispiel durch die duale Ausbildung. Fachleute sind allerdings der Meinung, dass auch künftig für die Position des General Managers ein Studium nicht zwingend notwendig ist. Diese Meinung teile ich. Dennoch ist es natürlich im Laufe der Zeit immer wichtiger geworden, Managementfähigkeiten zu erwerben, um ein Hotel profitabel zu führen. Ein Hotel ist ein kleiner Konzern, der entsprechend menschlich gelenkt werden muss.

Top hotel: Wie kann die HDV dabei unterstützen?
Jürgen Gangl: Die HDV ist ein Networking-Verband. Uns sind die persönlichen Begegnungen zwischen Hoteldirektoren sehr wichtig. Wir sehen an der großen Resonanz auf unsere beiden Jahrestagungen mit jeweils bis zu 200 Teilnehmern, wie willkommen der direkte Austausch ist. Darüber hinaus veranstalten wir vier Regionaltreffen im Jahr, ein Golf-Turnier und ein Ski-Wochenende. Jüngere General Manager treffen bei uns auf erfahrenere Kollegen, und beide lernen voneinander. Darüber hinaus thematisiert die HDV immer wieder aktuelle Branchenthemen, die für die Arbeit von Direktoren relevant sind.

Top hotel: Der Führungsnachwuchs sammelt zunehmend weniger Erfahrungen im Ausland. Wie beurteilen Sie diesen Trend?
Jürgen Gangl: Ich halte es für wichtig, über den eigenen Tellerrand zu blicken. Die Hotellerie ist international und wird immer Mitarbeiter brauchen, die Erfahrungen im Ausland gemacht haben. Kaum eine Branche bietet eine solche Möglichkeit, andere Länder und Kulturen kennenzulernen und Sprachen zu lernen. Das ist ein unschätzbarer Benefit und wichtig für die Karriere. Ausbildungsstätten und hotelfachliche Schulen sollten deshalb aktiv motivieren, für eine gewisse Zeit ins Ausland zu gehen.

Top hotel: Was wünschen Sie sich persönlich für die Hotelbranche hierzulande?
Jürgen Gangl: Dass die Hotellerie den Stellenwert einnimmt, den sie in unserer Wirtschaft verdient hat. Hotellerie und Gastronomie sind in unserer Gesellschaft tagtäglich zu erleben und haben ein wesentlich besseres Renommee, als es landläufig dargestellt wird. Als Verband werden wir die Belange unserer Branche immer wieder deutlich zur Sprache bringen, damit Arbeitsbedingungen und gesetzliche Regelungen im Sinne unserer Gäste und Mitarbeiter umgesetzt werden.

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