Familientradition in der Sonnenalp "Unsere Werte sind unsere Fundamente"

Anna-Marie Fäßler, Sonnenalp (Bild: Sonnenalp)

In Vorbereitung des 100. Geburtstags entstanden in der Sonnenalp Ofterschwang (Allgäu) unter der Federführung des Ehepaars Fäßler maßgebliche Veränderungen. Wir sprachen mit Hoteldirektorin und Geschäftsführerin Anna-Maria Fäßler über das Erbe der vierten Generation, Historie und Moderne immer wieder aufs Neue behutsam zu vereinen.

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Tophotel: Frau Fäßler, Sie wurden mit Ihrem Ehemann Michael gerade mit der Bayerischen Staatsmedaille für besondere Verdienste um die bayerische Wirtschaft geehrt. Was bedeutet die Auszeichnung für Sie?

Anna-Maria Fäßler: Sie erfüllt uns mit großem Stolz und Dankbarkeit. Wir blicken auf ein Familienunternehmen zurück, das vor 100 Jahren seinen Anfang genommen hat. Unsere Werte, unser Familiengefühl, unser Service und unsere Tradition waren und sind seitdem unsere Fundamente.

Sie führen das Haus gemeinsam mit ihrem Mann in der vierten Generation. Worin liegt der Erfolg Ihres Traditionsbetriebs?

Das Wertvollste an unserem Hotel sind unsere Mitarbeiter und die Verantwortung, die wir füreinander übernehmen. Der Erfolg liegt darin, dass jede Generation über ihren eigenen Tellerrand geschaut hat und damit ihrer Zeit voraus war. Von Anfang an wurde stets die Frage gestellt, was in zehn Jahren ist. Es wurde ein Plan gemacht und dieser ehrgeizig und fleißig verfolgt. Das gehört dazu, sonst schafft man das nicht. So hat jede Generation ihren ganz persönlichen Beitrag zum Fortbestehen des Hotels beigetragen.

Wenn jede Generation ihre ganz eigene Handschrift hinterlassen hat, was ist die Signatur Ihrer Genera­tion?

Unser gemeinsames Ziel war, die Sonnenalp bis zu ihrem 100. Geburtstag in diesem Jahr innen und außen zu verschönern. Dafür haben wir unser Hotel in den letzten acht Jahren in ein neues Kleid gepackt, damit es zum Jubiläum 2019 rundherum strahlt. Mit der Weiterentwicklung vom reinen Spa- und Wellnesshotel zum Familienresort mit Kindergarten, Ferienprogramm, Reiterhof, Kinderskischule und vielem mehr hat mein Mann Michael zudem strategisch entscheidende Weichen gestellt.

Was sich unter anderem in rund 80 Prozent Stammgästen zeigt …

Die Sonnenalp ist ein Hotel von Generationen, für Generationen. Bei vielen unserer Gäste ist es inzwischen Familientradition, zu uns zu kommen. Das freut uns persönlich sehr. Es ist aber natürlich auch eine ganz große Erleichterung in der Vermarktung. Es wäre fast unmöglich, 120.000 Übernachtungen jährlich rein mit Marketingbudget zu generieren. Auch deshalb sind wir sehr dankbar, dass unsere Gäste über Generationen mit Gastlichkeit und Charme an das Haus gebunden wurden.

Welche Handschrift haben Sie persönlich dem Haus verliehen?

Ganz profan könnte man sagen, ich habe aus dunkel hell gemacht. Wir hatten einen renommierten Namen und ein überzeugendes Angebot, stilistisch waren wir jedoch innen wie außen nach wie vor stark geprägt von den 70er- und 80er-Jahren. Vor allem die dunkle Fassade war einfach nicht mehr zeitgemäß.

Bayerns Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger mit dem Ehepaar Fäßler.

Wie viel Überzeugungsarbeit mussten Sie in der Familie leisten?

So wie sich die Sonnenalp heute präsentiert, habe ich sie mir schon lange vorgestellt. Ich bin meinem Mann Michael sehr dankbar, dass wir diesen Weg gemeinsam gegangen sind. Aber ich musste schon eine gewisse Hartnäckigkeit für meine Ideen entwickeln. Wenn man etwas selbst geschaffen hat, sieht man nicht immer, wenn es ‚alt‘ geworden ist. Letztlich war es nicht nur eine Frage der Überzeugung, sondern es brauchte auch den Mut, ein Hotel wie die Sonnenalp, das beinahe 100 Jahre alt ist, zu renovieren. Und die finanziellen Mittel: Allein
7.000 Quadratmeter neue Fassade bedeuteten eine große Investition. Damit die Sonnenalp in neuem Glanz erstrahlt, haben wir uns schließlich vorgenommen, jedes Jahr etwa drei Millionen Euro zu investieren. Da das Geld jedes Jahr verdient werden musste, konnten wir auch nur in bestimmten Zeiträumen renovieren. So entstand dann der Plan der Bauzeiten, in denen wir 18 bis 20 Wochen jährlich mit weniger Belegung für den Umbau nutzten.

Wie weit im Voraus haben Sie geplant?

Nicht im Detail, es wurde Schritt für Schritt renoviert – von innen nach außen. Wir haben keinen Generalunternehmer beauftragt, um jeden Euro direkt in die Renovierungen stecken zu können. Es half uns, dass die Familie traditionell eng mit den Unternehmern in der Region zusammenarbeitet. Und dass unsere zehnköpfige Technik­abteilung über viele langjährige Mitarbeiter verfügt, die nahezu jeden Winkel im Haus kennen. Wichtig war auch, von Anfang an unseren Empfangs- und Reservierungsdirektor in die Planung einzubinden. Auch er ist bereits über 40 Jahre im Betrieb, kennt die meisten Gäste und ihre Bedürfnisse. Mit seinem Wissen wussten wir anhand der Reservierungen ziemlich genau, wann wir welches Zimmer sperren konnten, ohne jemanden zu verärgern. Das hat sich als diplomatischer Schachzug erwiesen, es gab über all die Jahre nur sehr wenige Beschwerden.

Mit welchem Credo sind Sie an den Umbau heran­getreten?

Die Leistungen der Generationen vor uns zu würdigen und diese mit Fingerspitzengefühl und am Puls der Zeit nachhaltig und sanft zu verändern, das ist unser Credo. Wir wollten Neues schaffen und gleichzeitig Altes bewahren. Die Herausforderung lag darin, dem Traditionshotel innen und außen ein zeitgemäßes Gesicht zu geben und dabei die wesentlichen Bauelemente zu bewahren. Unsere Gäste schätzen den unverwechselbaren Bezug zur Familie und zum Ort unserer Vorfahren. Es war wichtig, ihnen die Sicherheit zu vermitteln, dass die Sonnenalp sich nicht einem modischen Raumdesign unterwirft, sondern der Geschichte und Tradition treu bleibt.

Auch der Kulinarik-Bereich ist bereit für das einhundertjährige Bestehen im Jahr 2019. So freuen sich Familien über die neue Bergfeuer-Stube, die durch eine weitläufige Sonnenterrasse mit Blick auf die Allgäuer Bergwelt und große Tische überzeugt.

Wie gelingt die Balance zwischen Tradition und Moderne?

Natürlich ist man beim Neubau eines Hotels frei und ungebunden und kann seinen Stil verwirklichen. Dadurch ist es immer wichtiger, ein Alleinstellungsmerkmal zu haben – und das hat die Sonnenalp. Eine 100-jährige Geschichte ist nicht austauschbar. Wenn diese gut erzählt wird, dann ist das einmalig! Ich habe mich dafür tief in die Familiengeschichte eingelesen, unzählige alte Bilder angesehen und viele Gespräche mit Angehörigen, langjährigen Freunden des Hauses und Mitarbeitern geführt. Nur so erfährt und erkennt man, was wirklich Tradition ist: Welches Möbelstück lohnt es sich aufzuheben, wie sah der Raum früher aus? So bekam beispielsweise die nach dem Opa benannte Ludwigstube wieder einen weiß-blauen Anstrich. Oder ich bin auf über 20 Berge gekraxelt und habe Landschaften fotografiert. So sind die Farb- und Dekowelten unserer traditionell nach den Allgäuer Bergen benannten Zimmer entstanden.

Welche Learnings haben Sie aus der generationenübergreifenden Zusammenarbeit gezogen?

Einerseits ist es wichtig, dass jede Generation ihren persönlichen Fußabdruck hinterlassen kann. Das erfordert auch, dass die ältere Generation abgibt und sich komplett aus dem Betrieb zurückzieht. Andererseits ist es bei einem Familienbetrieb mit einer so langen Tradition wichtig, eine gewisse Zeit Seite an Seite zu gehen, um Wissen und Erfahrungen, die DNA, an die künftige Generation weitergeben zu können. Für uns hat diese Zeit gerade begonnen, das sind die rund letzten zehn aktiven Jahre für meinen Mann und mich. Wir sind sehr glücklich, dass unser Sohn Jakob aus eigenem Antrieb eine Hotelkarriere gestartet hat. Er ist gerade in Kanada, aber wenn es um Visionen und künftige Ziele geht, wünsche ich mir, dass er ab dem nächsten Jahr in den Meetings und Workshops dabei ist.

Wie würden Sie Ihre Unternehmens- und Führungs­kultur bezeichnen?

Mein Mann und ich führen das Hotel gemeinsam auf Augenhöhe, jeder von uns leitet fünf Abteilungen. Wir leben sehr flache Hierarchien und fördern einen offenen, direkten Austausch. Es gibt bei insgesamt über 500 Mitarbeiter im Hotel und den Tochterfirmen rund 50 Führungskräfte über zwei Führungsebenen. Etwa die Hälfte unserer Führungsmannschaft sind ‚Eigengewächse‘. Darauf sind wir besonders stolz. Es hat bei uns Tradition, dass wir mit Talenten schon während der Ausbildung einen eigenen Karriereplan entwickeln, der über die Lehre hinaus ein zweijähriges Trainee-Programm und mehrere Stationen in befreundeten Betrieben vorsieht, ehe sie in verantwortlichen Positionen wieder zu uns zurückkehren. In dieser Zeit halten wir sehr engen Kontakt zu den Mitarbeitern.

Was wünschen Sie sich für die Sonnenalp in 100 Jahren?

Dass das Haus genauso strahlend und hell dasteht wie jetzt. Und dass es nach wie vor in der Familienhand ist und die Kinder genauso viel Freude an unserem wunderschönen Beruf haben wie wir.

Interview: Nina Fiolka

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