Dorint-COO Jörg T. Böckeler im Interview Entschädigungen, Konsolidierung und der Erfolg des Home-Office-Angebots

Jörg T. Böckeler ist Geschäftsführer bei Dorint. Er rät, den Fokus auf die Zeit nach Corona zu richten. (Bild: Dorint )

Dorint hatte unlängst vor dem Kölner Verwaltungsgericht eine Lockerung der von der Stadt erteilten Hotelschließungen erreicht. Im Interview erläutert Managing Director und COO Jörg T. Böckeler, welchen Einfluss dies auf die bundesweite Entschädigungsdiskussion hat. Zudem erklärt er, welche weiteren Maßnahmen die Bundesregierung ergreifen muss, um die Branche nachhaltig zu unterstützen, und warum sich die Pachthöhen sowie die Struktur der Verträge verändern werden.

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Tophotel: Spätestens seit Mitte März leidet die Hotellerie massiv durch die Coronakrise. Wie stellt sich die Situation für Dorint dar?

Jörg T. Böckeler: Nicht anders als bei den anderen. Im Gegensatz zu den der letzten 15 Jahren wie 9/11 (2001), SARS (2003), die Trennung von Accor im Jahre (2006), die Finanzkrise (2008) und die Bankenkrise in (2010) in denen wir im Durschnitt mit jeweils 25 Prozent Umsatzrückgang zu kämpfen hatten, brechen die Umsätze nahezu vollständig weg. Der Unterschied hier ist allerdings, dass es eine rein exogen wirkende Krise ist. Keiner hat Schuld und deshalb werden wir genauso gesund aus der Krise heraustreten, wie wir eingetreten sind.

Dorint hat das Angebot „myoffice@dorint“ gelauncht. Wie wird das Home-Office-Angebot angenommen?

Schon an mehreren Standorten konnten wir einige Zimmer als Tagesbüros verkaufen. Wir waren mit dem Produkt schon sehr früh – am 18. März – auf dem Markt. Mittlerweile ist dieser Trend von den Hoteliers, die noch offen haben, erkannt worden und wird auch genutzt. Der Erfolg des Models ist es einerseits die Großraumbüros zu entlasten und andererseits kaum darauf eingestellte Doppel-Home-Office Einrichtung zu entzerren. Dies war auch ein Argument in Köln, um beim Verwaltungsgericht recht zu bekommen, dass die Schließungsverfügung vom 19.03.2020 unverhältnismäßig war.

Wie hat Dorint erreicht, dass Hotels in Köln wieder öffnen konnten?

Dorint hatte sich beim Verwaltungsgericht Köln einerseits wegen der Unverhältnismäßigkeit gegenüber Großraumbüros und HomeOffices und auch wegen der Anwendung der falschen Norm der Schließungsverfügung nach § 28 (1) des Infektionsschutzgesetzes (IfSG) gewehrt. Am 31.03.2020 teilte die Stadt sodann mit, dass sie ihre Verordnung zurückzieht und sich wieder unter die Coronaschutzverordnung des Landes einordnet. Diese untersagt allerdings immer noch die touristische Nutzung. Somit sind die Kölner Häuser seit dem 1. April 2020 wieder buchbar. Dies ist auch eine mittelbare Bestätigung, dass die Verhütungsmaßnahmen nur nach § 16 IfSG durchgesetzt werden können, welche durch den § 65 IfSG zu einer Entschädigung für den sog. „Nichtstörer“ führen werden. Wir bleiben für unsere Gäste offen, wo immer es der Gesetzgeber noch erlaubt.

“Nun kann der Verband daraus Honig saugen und die Erkenntnisse für die Entschädigungsdiskussion verwenden.”
Jörg T. Böckeler

Gab es  Unterstützung seitens des Dehoga bzw. des IHA?

Die Aufgaben sind vielfältig und groß, so dass wir uns Aufgaben als Mitglieder auch direkt stellen.  Besonders Frau Hartges (Dehoga-Hauptgeschäftsführerin; Anmerk. der Redaktion) macht in diesen Tagen einen hervorragenden Job. Sie ist rund um die Uhr erreichbar und tauscht sich mit unserem Aufsichtsratsvorsitzenden Dirk Iserlohe aus. Im Kölner Fall war es aufgrund der Betroffenheit an drei Standorten unsere Aufgabe uns zu wehren. Nun kann der Verband daraus Honig saugen und die Erkenntnisse für die Entschädigungsdiskussion verwenden.

Herr Iserlohe hat einen Brief an die Kanzlerin geschrieben, um auf die besonderen Herausforderungen, mit der die Branche konfrontiert wird, aufmerksam zu machen. Welche Forderungen sind dies im Detail und gab es darauf eine Reaktion?

Herr Iserlohe hat aufgrund seiner Ausbildung und seiner Erfahrung sehr früh erkannt, dass die sogenannte BZUKA nicht zutreffen wird. Er hat dies in mehreren Schrieben an die Kanzlerin aber auch die Regierung in NRW schon am 13.03.2020 deutlich gemacht. Einer Forderung ist die Regierung mit Ihrem Gesetz zur Eindämmung der COVID 19 Kriese nachgekommen: Nämlich die Aussetzung der Insolvenzantragspflicht. Dies wird viele Kollegen aus der Hotellerie und Gastronomie das Leben gerettet haben, die aufgrund der Umsatzeinbrüche schon kapitalmäßig insolvent gewesen wären.  Dennoch bleiben seiner Meinung nach zwei Punkte übrig, die geregelt werden müssten, da ansonsten die Kreditmittel schon Dreivierel der Antragsstellern verweigert wird.


Forderungen von Dirk Iserlohe an die Bundesregierung:

KFW-Mittel

  1. Eine asynchrone Besicherung müsste möglich gemacht werden: Die KfW-Darlehen und NRW Bürgschaften können nicht asynchron besichert werden. Es ist zwar richtig, dass die KfW keine Besicherung verlangt, aber es handelt sich um einen einheitlichen Kredit. Werden für diesen Sicherheiten von der Hausbank verlangt, so haften diese für den Kredit gleichermaßen. Also gleichrangig für Hausbank und Staat. Wenn die KfW oder das Land NRW hier die Bedingungen ändern könnte und den Hausbanken es ermöglicht eine asynchrone Besicherung zu gestatten, so würde die Vergabewahrscheinlichkeit steigen. Sollte dieses Verfahren geändert werden, ist es einem Unternehmen vielleicht möglich für den 20%-igen oder 10%-igen Anteil Sicherheiten zu stellen. Sollte das nicht gehen, so muss der die Regierung das Verhältnis der Haftung auf 99% zu 1% (Staat zu Hausbanken) anheben.
  2. 5-jährige bzw. 6-jährige Vollamortisation ist zu knapp: Je nach Branche und gerade für die Hotellerie und Gastronomie gilt dies besonders, wird es unmöglich sein, die Kredite innerhalb von 5 bzw. 6 Jahren zurück zu führen. Ein Hotelbetrieb erzielt eventuell eine Nettogewinnmarge von 5%. Da die Mietverpflichtungen geschuldet bleiben sollen, dürfte sich der Verlust in 2020 bei einer Annahme eines 50%igen Umsatzausfall in diesem Jahr (das dürfte bei dem jetzigen Verlauf das Mindeste sein), ein Verlust in Höhe der Pacht ergeben. Das wäre ein Ergebnis von ca. minus 40 %- 50 % bezogen auf den reduzierten Umsatz. Dazu bräuchte ein Unternehmer zwischen 10 bis 15 Jahren, bis er diesen Verlust aus zukünftigen Gewinnen ohne Krisenjahre tilgen könnte. Daran können Sie erkennen, dass diese Branche –  anders als andere Markteilnehmer, deren Produkte nicht verderblich sind –  verlorene Zuschüsse ,wie in der Landwirtschaft so oft verteilt, beziehen müssten. Dies wird sowieso eine Anspruchsgrundlage aus dem Infektionsschutzgesetz sein. Also auch hier: Wenn es nur über Kredit geht, muss der Tilgungszeitraum auf mindestens 10 Jahre angehoben werden.

Memorandum durch bloßen Kündigungsausschluss

Aus Sicht von Herrn Iserlohe ist der bloße Kündigungsausschluss bis zum 30.06.2020 keine Lösung für Unternehmer, die keine Möglichkeit haben, die verlorenen Umsätze (wie in der Hotellerie und Gastronomie) wieder aufzuholen. Der Gesetzgeber müsste in den § 313 BGB „Weg-fall der Geschäftsgrundlage“ mit aufnehmen, dass es dem Unternehmer nicht genommen wird, bei einer Nicht-Nutzbarkeit seiner angemieteten oder angepachteten Räumlichkeiten zumindest temporär – sicherlich unter Abwägung von Billigkeitsaspekten des Nutzers im Verhältnis seiner Leistungsfähigkeit – mit dem Vermieter bzw. Verpächter Verhandlungen über die Pachthöhe der betroffenen Pacht- oder Mietzeit führen kann. Der Vermieter müsste angehalten werden einvernehmlich im Ausgleich der Interessen auch Reduktionen hinnehmen zu müssen.

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