GM Heiko Willuweit Viethouse Lodge, VietnamDer Auswanderer

Trotz ihrer Überzeugung, das Richtige zu tun, erlebten die beiden den Moment, in dem sie alles in Frage stellten: Kurz nach der Eröffnung Anfang 2009 war die Viethouse Lodge aufgrund eines Feiertags am 30. April voll mit Einheimischen. »Wie es bei Vietnamesen so üblich ist, buchen sie ein Doppelzimmer, reisen aber mit fünf, sechs Leuten an.« Und die kochten in den Zimmern, warfen den Müll aus dem Fenster, die Kinder tobten in den Blumenbeeten … »Als der ganze Spuk vorüber war und wir das Ausmaß der Verwüstung erkannten, hatte Ly Tränen in den Augen. Es war klar, dass wir etwas ändern müssen«, sagt Willuweit. Also erhöhten sie Schritt für Schritt den Standard und damit die Preise, um eine andere Klientel anzusprechen. Mit Erfolg: Heute sind 60 Prozent der Gäste Ausländer, die einen Zimmerpreis ab 38 Euro bezahlen. Für hiesige Verhältnisse ist das wenig, doch in Vietnam bekommt man schon für rund sieben Euro ein ordentliches Hotelzimmer mit Klimaanlage, WLAN, Kühlschrank und Fernseher. »90 Prozent der Hotels hier in der Gegend sind für Vietnamesen und das passt nicht. Die Ansprüche dort sind mit denen in einem westlichen Hotel nicht vereinbar.«

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Das Erlebnis um den Feiertag am 30. April habe ihm gezeigt, wie blauäugig er an die Sache herangegangen sei, erzählt Willuweit. Schließlich hatte er zuvor keinerlei Ahnung vom Hotelbusiness. Doch darin sieht er auch rückblickend kein Problem. Im Gegenteil: Auf diese Weise habe er das Hotel so gestaltet, wie er es selbst als Gast gern hätte. Gerade die persönliche Note wird von vielen Gästen sehr geschätzt, wie die zahlreichen positiven Kommentare auf den Hotelportalen belegen.

Zehn seiner elf Mitarbeiter leben auf der etwa 1000 Einwohner zählenden Insel Tuan Chau, auf der sich die Viethouse Lodge befindet. Dort pendeln sie jeden Tag zwischen zwei Welten: In ihrem Zuhause haben sie zum Teil nicht einmal fließend Wasser, im Hotel müssen sie
eine Waschmaschine bedienen. Englisch sprechen die meisten nicht, wenn sie in der Viethouse Lodge anfangen. »Für uns ist es sehr wichtig, dass der Typ Mensch hierher passt. Dass er oder sie dann auch noch Englisch kann, ist so gut wie unmöglich.« Also bezahlt Willuweit seinen Angestellten einen Sprachkurs und arbeitet sie zusammen mit Ly Schröter ein.

Die Erfahrungen, die er dabei jeden Tag macht, seien für ihn als Deutschen derart außergewöhnlich, dass er ab Ende Mai einen Blog auf der Hotel-Homepage integrieren wird. Darin wird von Servicekräften zu lesen sein, die sich aus Schüchternheit weigern, weiße Gäste zu bedienen. Und auch davon, wie die Küchenhilfe einen Monat braucht, bis sie Gläser nach Anweisung spült – schließlich habe sie es »immer schon« anders gemacht. Oder davon, wie seine Angestellten den Gästen am Pool unbedingt einen Sonnenschirm bringen wollen, weil sie es unglaublich finden, dass jemand braun werden möchte.

Willuweits Konzept geht auf. So gut, dass er im November 2012 ein zweites Hotel eröffnet hat: Das Viethouse Hanoi (ww.viethouse.org) in der 150 Kilometer entfernten Hauptstadt leitet Lys 28-jährige Tochter. »Mein Traum ist es, eine Kette aufzumachen, die sich Viethouse nennt«, sagt der Auswanderer. Auf Phu Quoc, ganz im Süden Vietnams, hat er bereits ein weiteres Objekt ins Auge gefasst. Trotzdem ist sich Willuweit sicher: Es gibt ein Leben nach Vietnam. Sein Lebensmotto – Hier, heute, jetzt! – treibt ihn weiter, immer auf der Suche nach neuen Erlebnissen und Erfahrungen. Doch die Gelassenheit, mit der er von den Plänen eines »kleinen, aber feinen« Hotels auf den Philippinen erzählt, erinnert wieder unweigerlich an Balu.

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