Job-ManagementDas Leben ist kein Streichelzoo

Wie viel Nähe verträgt Arbeit? Wie viel Distanz braucht Business? Müssen wir uns wirklich alle lieb haben, um gut  zusammenzuarbeiten?

Anzeige

Bald ist Weihnachten. Da haben sich alle lieb. In vielen Betrieben scheint das jedoch für das ganze Jahr zu gelten. Da reicht es nicht, dass man einfach miteinander arbeitet. Von Team ist die Rede, von harmonischem Miteinander. Ein Hotelier erzählte mir neulich sogar stolz: »Wir sind hier alle Freunde.« Ich sehe das kritisch: Je mehr Berufliches und Privates ineinander fließen, desto höher sind meiner Beobachtung nach die Erwartungen an eine innige Beziehung mit den Kollegen. Doch kann hier Freundschaft eher schaden. Dies gilt übrigens auch für das Mission Statement einer Hotelgruppe, die sich auf die Fahne geschrieben hat, Gäste zu »Freunden« zu machen. Und es gilt auch für das Verständnis vieler Hotelverkäufer im »Bussi-Bussi-Umgang« mit ihren Kunden.

Betrachten wir es etwas genauer: Das Besondere an Freundschaft ist einerseits die hohe emotionale Bindung zueinander. Andererseits kommen permanente Schwankungen zwischen Zu- und Abneigung hinzu. Mal sind wir himmelhochjauchzend, weil der Freund (oder die Freundin) uns mit seinem Verständnis begeistert. Ein anderes Mal könnten wir ihn / sie »auf den Mond schießen«, weil er / sie Dinge tut oder ein Verhalten zeigt, das uns fürchterlich gegen den Strich geht. Oder weil er / sie uns einfach nervt. Auf das betriebliche Miteinander übertragen ist diese emotionale Achterbahn eher schädlich. Denn Zusammenarbeit ist vor allem abhängig von Zuverlässigkeit: Zusagen und (Ziel-)Vereinbarungen müssen eingehalten werden – unabhängig von persönlichen Stimmungen. Teamarbeit muss auch dann möglich sein, wenn man sich gerade einmal nicht gut versteht oder gar verschiedener Meinung ist. Das Geschäft mit dem Kunden muss auch dann möglich sein, wenn man auf sachlicher respektvoller Ebene eine Reklamation aus dem Weg geräumt hat.

Erwartungen an einen Freund dürfen nicht mit notwendigen Entscheidungen kollidieren. Deutlich wird dies bei sogenannten Seilschaften, wenn beispielsweise der neu rekrutierte Boss seine alten Spezis aus früheren Unternehmen mitbringt. Hier wirken Freundschaften nicht immer im Interesse des Betriebes, sondern im Interesse der Seilschaft. Vetternwirtschaft ist die Folge. Der Geschäftsführer einer Hotelkette beispielsweise brachte bei seinem Start nicht nur die alten Kollegen mit, er beauftragte auch zahlreiche Lieferanten, die ihm – übri- gens auch finanziell – wohl gesonnen waren. Hätte der Aufsichtsrat nicht in letzter Minute die Handbremse gezogen, wäre der Laden vermutlich daran zugrundegegangen.

Anzeige