25hours Hotel Terminus NordEnsemble aus drei Kontinenten

Die Zimmer folgen einem einheitlichen Designkonzept, dessen Farbwelten mit unterschiedlichen Mustern und Materialien jeweils das Zusammenspiel der Kulturen inszenieren. (Bild: Steve Herud)

Im Januar 2019 hat in Paris das erste 25hours Hotel im nicht deutschsprachigen Raum eröffnet. Französisches Savoir-vivre ist dort ebenso tragender Teil des Konzepts wie die afrikanisch-asiatischen Einflüsse des lebendigen 10. Arrondissements.

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Mit jährlich 200 Millionen Passagieren ist der Pariser Gare du Nord Europas meistfrequentierter Bahnhof. Wer hier ankommt, landet in einem lebhaften Stadtviertel, das von der multikulturellen Vielfalt der vielen Zuwanderer aus Afrika und Asien sowie von einer quirligen Kreativszene geprägt ist. Und kaum sind die Reisenden am Place Napoléon III vor der Hauptfassade des Bahnhofs angelangt, erleben sie auch schon das klassische Pariser Stadtbild mit Bauten aus der Zeit des berühmten Stadtplaners Georges-Eugène Haussmann.

Historisches Hotelgebäude

Schräg gegenüber zum Bahnhof – in einem um 1850 als Hotel errichteten Eckgebäude – liegt das neue 25hours Hotel Terminus Nord, mit Xavi Vega als General Manager. Das sechsgeschossige Hotel mit insgesamt 237 Zimmern ist zwar nicht zu übersehen, es springt aber auch nicht sofort ins Auge. Das liegt zum einen daran, dass das denkmalgeschützte Gebäude weder über viel Fassadenfläche für laute Werbung noch über viel Platz für ein großes Entrée verfügt – Letzteres, weil der Eingang beidseitig von alteingesessenen Cafés, Bars und Läden flankiert ist. Zum anderen ist die elegant-zurückhaltende Außenwirkung auch der Stil von 25hours.

Wie in den anderen 25hours in Deutschland, Österreich und der Schweiz blüht auch diese Dependance erst in ihrem Inneren zur Gänze auf. Es beginnt beim Hoteleingang, der mit einem neuen, stattlichen zweigeschossigen Portal beeindruckt, wo sich zuvor nur kleine Haustüren befunden hatten. Dahinter liegt eine schmale, lange Eingangshalle, an deren Ende eine luftige Freitreppe in einem glasüberdachten Atrium ins erste Obergeschoss führt.

Auf den flüchtigen Blick erinnert noch nicht viel an ein Hotel. Die Halle weckt eher Assoziationen mit den Läden, Cafés und Kiosken rund um den Bahnhof – nicht zuletzt auch wegen der hellgrün glasierten Wandfliesen, die sofort an eine Métro-Station denken lassen. Unter markisenartigen Baldachinen befinden sich Theken mit integrierten Glasvitrinen. Taschen, Schlüsselanhänger, Zeitungen und Bücher stehen hier ebenso zum Verkauf wie Kaffee, frische Croissants und andere feine Leckereien.

Inspirationsquelle vor der Haustür

Stilprägend ist der Mix aus afrikanischen, asiatischen und französischen Elementen, der sich auf das bunte Treiben vor der Tür bezieht. Genau diese Welt war die Hauptinspirationsquelle für das Gestaltungskonzept dieses neuen Hauses der Gruppe. Mit dem Ziel einer intensiven Auseinandersetzung mit dem 10. Arrondissement haben 25hours, das Büro Axel Schoenert Architectes und die Interiordesigner von Dreimeta eng mit der Pariser Art-Consulting-Agentur Visto Images zusammengearbeitet. Deren Gründer Alex Toledano kennt das Viertel wie seine Westentasche, da er über die Menschen dort promovierte. Gemeinsam mit ihm und seinem Team aus Kuratoren und Künstlern, Historikern und Storytellern entwickelten sie eine für dieses Haus maßgeschneiderte Lösung. Dies zeigt sich nicht zuletzt in der Bar „La Sape“ und im Restaurant „Neni“ im ersten Obergeschoss, die sich beide als Anziehungspunkte für Einheimische, Reisende und Hotelgäste verstehen.

Inspiration und Namensgeber der Bar „La Sape“ sind die ebenso auffällig wie elegant gekleideten afrikanischen „Sapeurs“: Im Ursprung kongolesische Dandys, die ab den 1920er-Jahren durch farbenfrohe Imitation des Styles der Kolonialherren auf sich aufmerksam machten – in scharfem Kontrast zu ihren tatsachlichen Lebensumstanden. Im
10. Arrondissement von Paris gibt es auch heute noch diese modernen Dandys, aber auch viele afrikanische Musiklabels. Und so zieren zahlreiche Kunstwerke und mit dieser Bewegung verknüpfte Plattencover die Bar. Räumlich im Mittelpunkt steht ein großer Bartresen aus bronzefarbenem Mosaikglas. Hinzu kommen ein dunkler Eichenfußboden, schwere dunkelgrüne Samtvorhänge und gemütliche Ledersessel, die für markante Club-Atmosphäre sorgen – nicht nur, wenn freitags und samstags DJs auflegen. Drinks in privater Atmosphäre genießen Besucher der „Speakeasy“-Bar, mit Platz für zehn Gäste.

Das Restaurant „Neni“ gleich nebenan bietet – wie schon in den 25hours Hotels in Zürich, Berlin, Hamburg, München und Köln – eine eklektische, ostmediterrane Küche und präsentiert sich unter dem Motto „Girls Night out“ als eher weibliches Pendant zur Bar. Zum Ausdruck kommt dies auch durch Kunstwerke, die ganz dem Thema Frauen und Essen gewidmet sind, sowie durch samtbezogene Polstermöbel in pastelligen Tönen, roséfarbenen Marmor, helles Eichenparkett, Kupfer und Vintage-Kelims mit floralen Motiven.

Die loungeartige Möblierung rund um niedrigere Tische ist sowohl zum morgendlichen Hotelfrühstück als auch zum abendlichen „Neni“-Dinner bequemer als sie zunächst erscheint. Zugleich sorgt sie im ersten Obergeschoss, jener Etage mit den niedrigsten Geschosshöhen, für angenehme Proportionen. Um diesen Bereich großzügig wirken zu lassen, gibt es keine abgehängten Decken, sondern freie Sicht auf die notwendigen Installationen. Dies stört die gediegene Raumatmosphäre nicht, sondern trägt dazu bei, dass der kernsanierte Altbau umso authentischer erlebbar wird.

„Neighbourhood Heroes“ kennenlernen

Trotz des großen Gebäudes mit drei Innenhöfen finden die Hotelgäste nach dem Frühstück oder Dinner leicht wieder aufs Zimmer zurück. Dafür sorgt ein Signal­etikkonzept, zu dem unter anderem Zimmernummern mit kleinen Mosaiken gehören, die an „Invader“ erinnern – jenen Pariser Streetart-Künstler, dessen Mosaikfliesen-Kunstwerke inzwischen Hauswände in aller Welt schmücken. Teil der Wegeführung ist aber auch die Porträtserie „Neighbourhood Heroes“. Die in den Fluren aufgehängten, großformatigen Wandbilder zeigen reale Personen, die das Viertel prägen – den Friseur und die Mechanikerin ebenso wie Bahnhofsansager, Musiker und Künstler. Ein ausführlicher Bildband über die Protagonisten liegt am Anreisetag neuer Gäste wie zufällig aufgeschlagen zum Schmökern auf dem Bett.

Die Zimmer folgen zwar dem einheitlichen Designkonzept von Dreimeta, dessen fünf Farbschemen mit verschiedenen Mustern, Farben und Materialien jeweils das Zusammenspiel der Kulturen inszenieren. Räumlich weisen sie jedoch große Unterschiede auf. Das liegt daran, dass die Interiordesigner die ursprüngliche Raumaufteilung mit teils sehr verwinkelten Fluren und Zimmern übernommen haben – alles andere hätte gleichsam den Abbruch des Hauses gefordert. Außerdem wollten die Gestalter gerade diese Originalität sichtbar machen. In einigen Zimmern stießen sie auf Risse in der Wand, aber auch auf alte Stuckdecken, die nicht kaschiert, sondern so konserviert wurden, sodass sie nun mit all ihren Macken von der jahrhundertealten Geschichte des Hauses erzählen.

Ein anderes Thema war die Notwendigkeit einer komplett neuen Elektrik. Anstatt zum Beispiel neue Kabel für Deckenlampen aufwendig unter Putz zu verlegen, entschieden sich die Planer für bunte, mit Textilgewebe umhüllte Leitungen, die sie – ausgehend von einem Verteiler in der Bettrückwand – freihängend zu den Lampen führten. Das Ergebnis sieht genauso gut aus wie es kostengünstig ist.

Grundsätzlich folgt die Zimmerausstattung einer Art Baukastensystem mit wiederkehrenden, stets leicht veränderten Elementen – ein einzelnes Musterzimmer mit Standardabmessungen gab es nicht. Zu den Besonderheiten zählen etwa die Deckenlampen aus Recyclingkarton oder aus recycelten PET-Flaschen. Oder die vielen kleinen Dekoobjekte, die vielfältige Bezüge zum Leitthema schaffen: Blechdosen und Plastik-Hohlfiguren, die sich in Afrika großer Beliebtheit erfreuen. Oder Stoffe für Kissen und Tagesdecken, die ein Verein in Togo von jungen Frauen handfertigen lässt, damit sie einen sicheren Lebensunterhalt für sich und ihre Kinder verdienen können. Letztlich entsteht ein ebenso angenehm behagliches wie anregendes französisch-afrikanisch-asiatisches Ensemble, das es den Gästen schwer macht, überhaupt das Haus verlassen zu wollen. Selbst dann, wenn die Kirche Sacré-Cœur auf dem Hügel von Montmartre durchs Fenster schon zum Greifen nah erscheint.

Das 25hours Hotel Terminus Nord eröffnete im Januar 2019 mit zunächst
110 Zimmern. Mitte des Jahres wird auch die zweite Bauphase mit weiteren
127 Zimmern und vergrößertem „Neni“ fertiggestellt. Gäste, die gerade im Hotel übernachten, bekommen davon kaum etwas mit, weil das Eckhaus für die Zeit der Bauarbeiten vertikal in zwei Hälften geteilt wurde.

Roland Pawlitschko

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