Jobmanagment: Produktive Wartezeit

Jobmanagment

Produktive Wartezeit

Ständige Ungeduld und endloses Warten auf irgendetwas – die Zeit rennt uns oft davon. Wir teilen sie ein in wertvolle Zeit und in Zeit, die wir verlieren. Aber könnten wir das Warten nicht irgendwie produktiver gestalten?

Um elf Uhr vormittags versammelten sich etwa 100 Hoteliers im Saal, um meinen Vortrag zum Thema Employer Branding anzuhören. Die Minuten vergingen, alle waren da – nur ich, der Referent, fehlte. Nach kurzer Zeit breitete sich Unruhe aus, nicht wenige der Anwesenden ärgerten sich über die Verzögerung, die verlorene Zeit. Der Veranstalter schaute nervös auf die Uhr. Nach einer geschlagenen Stunde kam ich dann endlich an. Ein Stau auf der Autobahn wegen einer Bomben- entschärfung – und das ausgerechnet in einem Funkloch, das jedes Mobiltelefon lahmlegte. Keine Chance zur Kommunikation. Mir war klar, dass alle Gäste meines Vortrages vor Ungeduld »auf 180« waren. Da hilft nur Provokation, dachte ich. Fröhlich sprang ich auf die Bühne, begrüßte die Gäste und sagte: »Ich hoffe, Sie haben nicht auf mich gewartet!« Wütendes Gemurmel aus dem Saal war die Antwort. »Was haben Sie denn in der Zwischenzeit gemacht?« fragte ich die Zuhörer. »Haben Sie sich entspannt? Den Nachbarn näher kennengelernt? Sich vielleicht schon mal Gedanken gemacht, wie man das Employer Branding Ihres Hotels optimieren könnte? Haben Sie überlegt, warum gute Mitarbeiter ausgerechnet für Ihren Betrieb arbeiten sollten? Notizen gemacht?«

Wie haben Sie die Wartezeit genutzt?

Schweigen. Nein. Entgeistert blickten mich die Zuhörer an. Kein Einziger hatte die vergangenen Stunde sinnvoll genutzt. Alle hatten nichts Anderes getan als zu warten und sich über die Verspätung zu ärgern. Das war der ideale Einstieg für meinen Vortrag über »Employer Branding in Zeiten des Fachkräftemangels«. Es wird höchste Zeit, so mein Statement, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. »Nutzen Sie also jeden Moment, produktiv zu sein. Auch unvermeidliche Wartezeiten. Machen Sie künftig auch das Warten zu einem Augenblick der Aktivität.«

Den Zuhörern wurde plötzlich klar: Ob wir im Stau stehen, in der Schlange im Supermarkt oder im Wartezimmer des Arztes – jede Sekunde findet unser Leben statt. Wie wir es gestalten, ist uns selbst überlassen. Auch beim Warten auf den Redner. Zeit ist immer präsent. Trotzdem teilen wir sie oft ein in Zeit, die wertvoll ist, und Zeit, die wir verlieren. Doch wo bleibt sie, die verlorene Zeit? Verliert nicht eher derjenige seine Zeit, der durchs Leben hetzt? Er ist doch nie da, wo sein Leben wirklich stattfindet – im gegenwärtigen Augenblick. Als die Zuhörer auf mich warteten, hatten sie ständig auf die Uhr geschaut, wurden nervös, mürrisch und angespannt. Dadurch änderte sich an den Umständen aber herzlich wenig. Ihr Lebensgefühl wurde dabei immer negativer.

Warten ist geschenkte Zeit

Wer wartet, ist hier, will aber viel lieber dort sein. So bewegten sie sich in einem Niemandsland negativer Gedanken anstatt zu erkennen, dass Wartezeit eigentlich geschenkte Zeit ist – Zeit, in der man produktiv sein kann, z.B. Beobachtungen anstellen, Menschen näher kennenlernen, ihren Standpunkten hören, ihre Ideen verstehen kann. Oder man kann zur Ruhe kommen, sich auf sich selbst besinnen, Kräfte schöpfen – oder gar sich gedanklich auf das erwartete Vortragsthema vorbereiten. Oder waren sie etwa alle hier im Saal, nur um sich »entertainen« zu lassen?

Ein ehemaliger Mentor auf meinem Weg zum Personalberater lehrte mich, Zeit stets sinnvoll zu nutzen. Ganz besonders betonte er dabei immer wieder die unvermeidbaren Wartezeiten im Alltag: »Nutze diese Zeit, um darüber nachzudenken, welches Ziel du als nächstes erreichen willst. Wichtig ist, dass es sich um Ziele handelt, die dich zum Brennen bringen, dein Herz höherschlagen lassen, die dich mit Begeisterung und Leidenschaft erfüllen. Das motiviert dich und lässt dich noch produktiver werden.« 

Wer in der Hotellerie arbeitet, der weiß, dass jeden Tag Probleme auftreten können. Wer sich dann fragt, warum das geschieht, wieso das gerade ihm passiert und sich nur darüber ärgert, macht sich zu einem hilflosen Opfer. Handlungsfähig bleiben wir in dem Moment, in dem wir erkennen, dass jedes Problem, jede Herausforderung der Appell an uns ist, aktiv zu werden, die eigenen Fähigkeiten zu entfalten, kreativ zu sein, zu entscheiden, tatkräftig zu handeln und die Situation selbst zu gestalten. Nirgends lässt sich dafür mehr Zeit gewinnen als beim Warten. Die restliche Zeit ist ja sowieso schon verplant.

In einer Zeit, in der fast nur noch von Speed Management, vom raschen Wandel der Wirtschaft die Rede ist, wo sich die meisten Menschen von Smartphone, Facebook und E-Mails hetzen lassen, klagt jeder über den Mangel an Zeit. Ich plädiere dafür, wenigstens den Moment des Wartens produktiv zu nutzen statt sich darüber zu ärgern. Ganz schnell könnte das Warten für jeden zu einem persönlichen Gewinn werden. Probieren Sie’s aus! 

Zum Autor: Albrecht von Bonin ist Inhaber der VON BONIN Personalberatung, Gelnhausen, und Autor des Buches »Mitarbeiter suchen, finden, fördern, binden«.
Leserfragen beantwortet er gern unter 06051-48280 oder per E-Mail an: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! www.von-bonin.de