»Made in China«
Vom Luxusgut zum Massenprodukt

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Mit der aufkommenden Vorliebe für Kaffee und Tee im 18. Jahrhundert in den Adelshäusern wuchs auch das Interesse an der Herstellung von Trinkgeschirren aus Porzellan.

Dass im Januar 1708 der Grundstein zu einer Produktionsstätte für Porzellan gelegt werden konnte, die bis heute einen Ruf allerhöchsten Ranges genießt, verdanken wir der Besessenheit eines sächsischen Königs, dem unermüdlichen Tüfteln eines Alchemisten und dem gesteigerten Bedürfnis höfischer Kreise nach dem Genuss von Kaffee und Tee. In diesem Jahr war unter der Schirmherrschaft von August dem Starken die Formel für die Porzellanherstellung entschlüsselt worden. Endlich konnte man im sächsischen Meißen die Produktion der kostbaren Gefäße selbst in die Hand nehmen. Das war einerseits prestigeträchtig und andererseits preisgünstiger – aus guten Gründen hatten die Chinesen ihre Rezeptur über die Jahrhunderte streng gehütet und mit sogenanntem »Auftragsporzellan« gute Geschäfte gemacht. Europäische Herrscherhäuser hatten die meisterhaft verzierten Stücke bisher importiert. Vor allem die feinen Trinkgeschirre waren eine begehrte Handelsware. Waren doch im Zuge der außereuropäischen Kolonialisierung zeitgleich die Genussmittel Kaffee, Schokolade und Tee in Mode gekommen. Aus hauchzarten chinesischen Schalen Tee zu nippen, entsprach dem mondänen Lebensstil der aristokratischen Oberschicht.

Aber es waren nicht nur Prestigegründe, die die Produktion des aus Kaolin hergestellten Edelmaterials unumgänglich machten: Eine stilvolle Alternative zum feinen Porzellan waren für die Hofgesellschaft Geschirre aus Gold oder Silber. Diese waren zwar prächtig anzusehen, doch hinterließ das Material einen metallischen Nachgeschmack. Außerdem griffen die Säuren von Tee oder Kaffee die Edelmetalle an und machten sie unansehnlich.

Die Entschlüsselung der Porzellanrezeptur durch den Alchemisten Johann Friedrich  Böttger war daher wie ein Paukenschlag. Obwohl man in Meißen das Geheimnis der Herstellung so streng hütete wie damals die Chinesen, drang die Formel für die Porzellanmixtur doch sehr schnell nach Wien, München und Preußen durch.

Fast so wichtig wie das Material war das Dekor. Noch herrschte innerhalb der Aristokratie eine regelrechte »Chinamanie«, und so waren Aufglasuren von Kopien chinesischer Landschaften, Vögel und anderen Chinoiserien nach wie vor üblich. Im Mai desselben Jahres gelangte mit Johann Gregorius Hörold einer der wichtigsten Porzellanproduzenten nach Meißen. Der ausgebildete Miniatur- und Emaillemaler experimentierte mit neuen Farbstoffen, sodass zu den bisher vorhandenen Aufglasuren im Lauf der Jahre 16 neue Farben hinzukamen. Auch seine Vorlagen waren bahnbrechend, denn zu den bisherigen Mustern gesellten sich bald welche, die bis heute  ihren Platz in der Porzellanmalerei haben wie »Deutsche Blumen« – bis heute bekannt als Omas Blümchengeschirr.

Das 20. Jahrhundert war vor allem geprägt durch die zunehmende Industrialisierung. Die Einführung von Tunnelbrandöfen und Maschinen zur Fertigung einfacher Teile rationalisieren den Produktionsprozess und machen Porzellan endgültig zum Massenprodukt. Aufgrund der schwierigen Herstellung komplexer Formen wie Kannen und Tassen mit Henkeln bleibt die Produktion allerdings bis heute ein Stück Handwerk.

 

Andrea Nadles
ist Präsidentin des Verband der Servicefachkräfte, Restaurant- und Hotelmeister e.V.  (VSR)