Management: Das Dach kommt nicht am Anfang…

Management

Das Dach kommt nicht am Anfang…

Ein Projektstrukturplan stellt eine der zentralen Aufgaben der Projektplanung dar, ganz gleich, ob es sich um Neu-, An- oder Umbauten handelt. Dass man es tunlichst vermeiden sollte, das Pferd von hinten aufzäumen, unterstreicht ein aktueller Fall aus der Beratungspraxis von Friedrich W. Niemann.

Investitionsbereite Inhaber sind doch das Beste, was einem passieren kann – das war der erste Gedanke beim Gespräch mit meiner befreundeten Hotelière Dorothee W. Ihre Eigentümer hatten entschieden, in das Hotel zu investieren, eine genauere Spezifizierung gab es allerdings noch nicht. Im weiteren Verlauf lag dann aber die Aufgabenstellung auf dem Tisch: Über viele Jahre hatten die Inhaber keinen Konsens über die Zukunft des Hauses gefunden. Es wurde versucht, das Hotel zu veräußern, ein Käufer konnte jedoch nicht gefunden werden. Jetzt kam man zu der Entscheidung, selbst Hand anzulegen, also das Haus weiterzuentwickeln und zu vergrößern – schließlich gehören zum Anwesen noch viele Tausend Quadratmeter Land.

Für das Hotelmanagement ergab sich daher folgende Herausforderung: Die Eigentümer sind Geschwister und Erben eines Familienvermögens, besitzen eine Immobilie, mit deren Performance sie nicht zufrieden sind, und wollen daher erweitern, umbauen oder neu bauen. Sie sind quasi offen für beinahe alles. Da sie aber branchenfremd sind, erwarten sie von ihrer Direktorin, in der nächsten Vorstandssitzung einen Business Plan vorgelegt zu bekommen. Doch auf welcher Basis sollte dieser erstellt werden?

Dorothee W. und ich verständigten uns darauf, zunächst den bestehenden Betrieb zu analysieren, eine Machbarkeitsstudie zu erstellen und anschließend zu eruieren, was machbar ist. Dies ist ein entscheidender Punkt bei der Projektplanung, da viele Unternehmer den Fehler machen, quasi mit dem »Dach« ihres Hotels zu beginnen – sprich: Sie glauben schon zu wissen, was am Ende »rauskommt«, ohne sich vorher Gedanken darüber zu machen, was vorne »reingeht«. Unabhängig von der Planung wird aber zunächst ein solides Fundament benötigt, auf dem alles andere aufbaut. 

Die Bedeutung einer soliden Positionierung – unabhängig von den Visionen – kann an dieser Stelle gar nicht hoch genug bewertet werden. Daher empfehle ich in solchen Fällen dringend einen mehrphasigen Prozess, der logisch aufeinander aufbaut:
Phase 1 - Bestandsaufnahme
Recherche, Analyse und Aufnahme des Status Quo; Ortstermin
Phase 2 - Machbarkeitsstudie
Berücksichtigung des relevanten Wettbewerbs am Makro- und Mikrostandort, Marktentwicklungen, Mega- und Nutzertrends mit daraus resultierenden Konzeptempfehlungen für die nächsten Schritte
Phase 3 - DNA-Workshop
Vorbereitung, Durchführung und Nachbereitung eines Workshops zur Schärfung der spezifischen DNA des Hauses. Extraktion der strategischen Aspekte sowie Entwicklung eines einheitlichen und klaren Persönlichkeitsprofils als Vorgabe für alle Positionierungs- und Gestaltungsaktivitäten
Phase 4 - Positionierung
Ableitung der Positionierung, basierend auf den Ergebnissen der ersten drei Phasen. Die Positionierung dient als Richtungsweiser für die Gesamtentwicklung des zukünftigen Auftritts, der Gestaltung und für die Übersetzung der Story in der Architektur sowie der gesamten Gestaltung. Sie stellt die Alleinstellungsmerkmale heraus.
Phase 5 - Business Plan
Entwicklung eines komplexen Business Plans aufbauend auf den vorherigen Phasen, einschließlich Distribution, Kommunikation, Operation und Finanzierung
Phase 6 und 7 - Ausschreibung, Umsetzung

Soll der Business Plan Hand und Fuß haben, kann er nicht am Anfang des Prozesses stehen, vielmehr müssen zunächst fundamentale Arbeiten erledigt werden. Für das Projekt von Dorothee W. und ihre Eigentümer bedeutet dies: Wenn sie ganzheitlich an die Aufgabenstellung herangehen und mit einer soliden Basis beginnen, werden sie ein nachhaltig und wirtschaftlich fundiertes Konzept formulieren können. Andernfalls wird ein Dach entwickelt, bei dem keiner weiß, worauf man es bauen soll.

Zum Autor: Friedrich W. Niemann, langjähriger Top-Hotelier, fungiert heute als CEO und Partner der deutschen Niederlassung der Full Service Agentur milani design & consulting. Als Berater und Speaker ist er auf den Gebieten Positionierung, Service Excellence und Service Design tätig.  
www.friedrichniemann.comwww.milani.ch