Grand Ferdinand
Küss die Hand, Gnä‘ Frau!

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Wiens berühmte Ringstraße. Ein Bürogebäude aus den 1950er-Jahren. Design »anno jetzt« statt anno dazumal. Und Übernachtungspreise von 30 bis 3.000 Euro. Das Grand Ferdinand – Florian Weitzers zweites Hotel in Österreichs Hauptstadt – verkörpert Eleganz und Exklusivität und gibt sich zugleich »volksnah«.

Schon die Architektur hat’s in sich. Denn wie auch bei Florian Weitzers erstem Wiener Coup, dem Hotel Daniel Vienna, wurde ein altes Bürogebäude zum Hotel umgebaut – wieder in Zusammenarbeit mit dem Atelier Heiss Architekten. Die denkmalgeschützte Fassade aus hellem Kalksandstein und schwarzem Granit wurde gesäubert und mit Hilfe von Restauratoren »wiederbelebt« – ebenso das Vestibül aus rotem Marmor. Hinter der Fassade blieb allerdings kein Stein auf dem anderen: Das Gebäude wurde nahezu ausgehöhlt, um aus einer Büro- eine Hotelsituation zu schaffen. Für großstädtische Grandezza sorgte die Öffnung des Erdgeschosses über zwei Etagen. Hier entstand ein Eingangsbereich, in dem Lobby, Rezeption und Restaurant miteinander verschmelzen.

Sehen und gesehen werden, heißt in Wien wie in anderen Großstädten die Devise. Gern auch beim Speisen. Von der Straße aus ermöglichen raumhohe Fenster den Blick in das 200 Sitzplätze umfassende »Grand Ferdinand Restaurant« und weiter in den grünen Innenhof. Nicht nur die Gäste, auch die Einrichtung kann sich sehen lassen – mit handgefertigten Lobmeyr-Lüstern, Thonetstühlen, Zementfliesen und Marmortischen mit massiven Messingbeinen. Das zweite Gastro-Outlet mit dem charmanten Namen »Gulasch & Champagne« zielt mit Angebot und separatem Eingang auf lokale Gäste ab. Ein 360-Grad-Panorama-Blick bietet sich von der »Grand Etage« aus – dem dritten kulinarischen Hotspot des Grand Ferdinand. Das Konzept und die Einrichtung mit Lüstern aus Muranoglas, roten Lederbänken und Kamin erinnert an die privat geführten Wiener Salons des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Exklusivität ist hier das Zauberwort: Denn die Etage, die über eine weitläufige Terrasse und einen schicken Rooftop-Pool verfügt, ist Besuchern und Gästen mit Clubmitgliedschaft vorbehalten. Ein Hauch von »Küss die Hand, Gnä‘ Frau!« liegt in der Luft. Und trotzdem steht das Grand Ferdinand für entspanntes Genießen.
So scheint es auch beim Blick auf die 188 Zimmer, die vom Stil her »das schöne Leben anno jetzt« statt anno dazumal verkörpern und in die vier Kategorien Standard, Standard Plus, Business und Suiten unterteilt sind. So weit, so gewöhnlich. Aus dem Rahmen fallen die zwei Schlafsäle, die nach dem Vorbild des Orientexpress eingerichtet und mit acht bzw. sechs Betten bestückt sind. Für seine persönlichen Dinge bekommt jeder Gast einen Spind mit Zahlenschloss zugewiesen; Waschbecken, WCs und Duschen mit vorgelagerter Kabine werden gemeinsam genutzt. Vertrieben werden die Schlafsäle über Airbnb. Während die Zimmer im Grand Ferdinand ab 220 Euro aufwärts kosten und eine Grand Suite 3.000 Euro, gibt es die 14 Betten im Schlafraum zum Preis, der dem kleinen Geldbeutel entgegen kommt: 30 Euro. Florian Weitzer: »Als junger Mensch kann ich mir so ein Hotel wie das Grand Ferdinand unter Umständen nicht leisten. Die Schlafsäale bieten die Möglichkeit, die Schönheit und die Eleganz des Hotels dennoch zu erleben.« Auch Familien mit mehreren Kindern hat das Hotel im Visier und macht die Rechnung auf: »Zwei Erwachsene und drei Kinder = 150 Euro pro Nacht«.

Weitzer sieht die Unterkünfte als Abrundung des Projektes und rechnet nicht mit Diskrepanzen. Schließlich hält sich in den Schlafsälen trotz schickem Orient-Express-Flair der Komfort in Grenzen; Frühstück und das Essen im Restaurant sind ohnehin separat zu bezahlen. »Für uns ist es wichtig, dass ein 3.000-Euro-Gast damit klar kommt, dass jemand für 30 Euro im Grand Ferdinand übernachten kann und umgekehrt.« Man möchte das Angebot auch nicht überbewertet wissen – so ungewöhnlich es sein mag. Es sei vielmehr »ein nettes Feature, eine frische Idee ...«. Und für die ist der Betreiber der Weitzer Hotels bekannt (www.weitzer.com): Sei es Urban Gardening in der Hoteleinfahrt des Daniel Vienna, Street Art versus Jugendstil im »Speisesaal« des Wiesler Graz oder das LoftCube von Werner Aisslinger auf dem Dach des Hotel Daniel in Graz. »Wer einmal vom wahrhaft Schönen berührt wurde, sitzt nie wieder dem Gewöhnlichen auf« ist auf der Website des Grand Ferdinand unter Hotelphilosophie zu lesen. Das darf man getrost so stehen lassen.