Jährlich melden 1,5 Prozent der aktuell bestehenden 248.000 Hotel- und Gastronomiebetriebe eine Insolvenz an. Die Gründe dafür sind unterschiedlich. In loser Folge schildert Martin Rahmann für Tophotel Fälle aus der Praxis, die zu einer Insolvenz geführt haben. Dafür werden Handlungsmuster aus realen Betreuungsprojekten zu einem exemplarischen Szenarium konstruiert*. Folge 1 zeigt, was passieren kann, wenn Branchenfremde in ein Hotel investieren.
Kategorie: Operations
Text: Martin Rahmann, 13. Februar 2012
Für Ralf H.** ist es eine schicksalhafte Fügung. Der Drogerist bereitet gerade seine Geschäftsnachfolge vor, als seine Hausbank ihm eine interessante Offerte macht. Sie sucht für ein kleines Hotel in der Stadt einen potenten Investor. In den zurückliegenden Jahren hatte Ralf H. schon erfolgreich in Wohnimmobilien in seiner Heimatregion investiert. Die Offerte seiner Bank, ein Hotel zu übernehmen, kommt dem umtriebigen Drogeristen jedoch aus einem ganz anderen Grund sehr gelegen. Er regelt gerade seine Nachfolge im traditionsreichen Familiengeschäft. Sein erstgeborener Sohn ist mit seinem Studium fertig und agiert bereits als Juniorpartner im Geschäft seines Vaters. Der jüngere Sohn indes orientiert sich noch beruflich. Ein Hotel in Familienhand könnte das in eine klare Richtung lenken.
Das Hotelangebot erscheint ihm ebenso aus unternehmerischer Sicht interessant. In den zurückliegenden zwei Jahrzehnten sah er das ländlich gelegene Haus wachsen und war selbst zu Familien- und Betriebsfeiern dort eingekehrt. Ende der 60er-Jahre war es als Diskothek gebaut worden. Diese wurde später um ein Schwimmbad sowie eine Saunalandschaft erweitert. Nach und nach kamen 60 Zimmer hinzu. Neben der Diskothek (400 Plätze), stehen sieben Veranstaltungsräume für Tagungen und Feiern zur Verfügung.
Ein vergleichbares Objekt gibt es in der Region nicht. Mit den Ballungsgebieten Rhein-Main und Rhein-Ruhr ist das Hotel über Autobahnen und Bundesstraßen verbunden. Touristisch gesehen liegt das Haus in einem beliebten Wander- und Erholungsgebiet. Nicht zuletzt herrscht in der ländlichen Gegend nahezu Vollbeschäftigung. Fast jeder der 20.000 Einwohner arbeitet bei den namhaften, international aufgestellten Großunternehmen, die sich in den Gewerbegebieten angesiedelt und die Region wirtschaftlich sehr potent gemacht haben. Diese Unternehmen wiederum nutzen das Hotel über Jahre hinweg zuverlässig als Tagungsstätte; Geschäftsreisende, Kunden und Geschäftspartner der Unternehmen gehören zu den Stammgästen. Das Hotel ist wochentags zu fast 80 Prozent ausgebucht. An den Wochenenden feiern Familien der umliegenden Ortschaften hier ihre Feste. Von April bis in den November hinein sorgen Wanderer für guten Umsatz. Belegungsprobleme hat das ländlich gelegene Hotel lediglich zu Weih-nachten, Silvester und in den Nächten von Freitag auf Samstag bzw. von Sonntag auf Montag. So stellt sich das Hotel dem Drogeristen als ein geeignetes Anlageobjekt dar, als ihm die Bank das Hotel nach dem Rückzug des Eigentümers Ende der 1990er-Jahre zum Kauf anbietet. Der erfolgreiche Unternehmer verlässt sich auf die Expertisen und vertraut in der Abwicklung des Geschäftes auf seine Kenntnisse der Lage des Hotels. Selbst als bei der Unterzeichnung des Kaufvertrages der avisierte Preis von 3,6 Mil-lionen DM nochmals um 200.000 DM steigt, nimmt er das hin. Die Begründung, es seien die letzten Investitionen in die Instandhaltung noch nicht berücksichtigt worden, erscheint ihm plausibel.
* Rückschlüsse auf konkrete Hotelprojekte sind nicht beabsichtigt und entbehren jeder Grundlage.
** Der Name und der konkrete Handlungsraum wurden geändert.
Das Luxushotel in der Leipziger Innenstadt "entführt Sie mit seiner Geschichte und Tradition in eine andere Welt", verspricht die Marketingabteilung des Hauses – der Top hotel-Tester überprüfte diese Aussage.
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