Jobmanagement

Gescheiterte Helden

Die Taten des Herkules sind uns aus der griechischen Mythologie bekannt. Aber wer wusste schon, dass der Held einen ganz üblen Karriereknick hatte?

Herkules war ein starker Mann. Das ist bekannt. Aber er hatte einen schlimmen Flop gelandet. Sein Ruf war ruiniert wegen seiner unbeherrschten Wutausbrüche und deren Folgen. Außerdem hatte er Schulden und seine Gesundheit war in katastrophalem Zustand. So erlebte der bis dahin erfolgsgewohnte Held seinen ersten Karriereknick. Da half nur noch eines: Herkules verkaufte sich in die Sklaverei – für drei Jahre an die Königin Omphale aus dem Morgenland. Hier wurde er wieder gesund, kam zurück zu seinen alten Kräften und wirkte zunächst auch als Held und Menschenfreund. Er befreite das Land von Räubern und Eindringlingen, welche seine Herrin und ihre Nachbarn belästigten.

Die Königin bewunderte die Tapferkeit ihres Sklaven. Als sie dahinter kam, dass er ein Sohn des Zeus war, ließ sie ihn frei und heiratete ihn. Ab dieser Zeit vergaß Herkules die Lehren der Tugend und versank in Verweichlichung. Da verlor auch Omphale die Achtung vor ihm. Wenn sie einmal gute Laune hatte, durfte Herkules ihr und ihren Freundinnen von seinen früheren Heldentaten erzählen, wie er beispielsweise als Säugling die Schlangen erwürgte, wie er die Hydra besiegte oder den Höllenhund Zerberus aus dem Unterweltfluss Hades gezogen hatte. Die Damen hörten ihm stets amüsiert zu.

Parallelen zum Manager-Alltag

Was können Sie aus dieser Geschichte für Ihre Helden-Praxis lernen? Sie können erleben, wie es einem Helden ergehen kann, wenn er an einem Tiefpunkt angelangt ist:

1. Der Held wird fett. Er ernährt sich aus Frust nur noch von Fritten und Schokoriegeln, fängt wieder an zu rauchen, treibt keinen Sport mehr, liest kein Buch und hängt abends nur noch im Hotel vor dem Fernseher herum.

2. Er verweichlicht, macht sich abhängig von der Wertschätzung anderer und verliert vielleicht sogar sein Selbstwertgefühl. Er redet sich ein, von seiner Abfindung, die ihm sein letzter Arbeitgeber gezahlt hat, noch lange zehren zu können.

3. Im Bekannten- und Kollegenkreis erzählt er ständig von früher, wie er in seiner Jugend Spitzensport getrieben hat und das letzte Hotel einst erfolgreich geleitet hat, dass man es damals noch viel schwerer hatte und dass es die Jüngeren heute viel leichter hätten. Wenn niemand etwas Besseres zu erzählen hat, hört man dem Helden auch peinlich berührt zu und hat Mitleid mit ihm.

Das Positive an der Sage: Herkules befreite sich aus dieser Misere. Die eigentliche Heldentat in seinem Karriereknick bestand aber darin, dass Herkules sich überhaupt der Situation gestellt hat und bereit war, »kleinere Brötchen zu backen«. Er ging in die Sklaverei. Als die drei Sklavenjahre abgelaufen waren, hatte Herkules seine Lektion gelernt. Er war wieder der alte kraftstrotzende Held – bereit zu neue Taten. Er startete noch einmal durch. Irgendwie war er eben immer ein Held geblieben.

Aus meiner langjährigen Beratungspraxis weiß ich: Zu jeder guten Karriere gehört auch ein Knick. Manager, die Niederlagen einstecken können und wieder aufstehen, sehen ihr Scheitern als vorübergehend. Sie haben gelernt, mit Niederlagen konstruktiv umzugehen und sehen ein, dass sie das Business und ihr Umfeld nie vollends im Griff haben können. Als Steh­aufmenschen werten sie den Flop und seine Folgen für die Karriere als eine Art Pubertät – als eine unangenehme Zeit, die vorbeigeht und einen reifen lässt. Deutsche Unternehmen zeichnen sich jedoch nach meiner Beobachtung bei der Rekrutierung von Führungskräften nicht gerade durch Risi­kobereitschaft aus. Die meisten Personalentscheider halten sich lieber an makellose Lebensläufe. Übrig bleiben dann stromlinienförmige Manager – Schönwetterkapitäne, die im Routinegeschäft gut zurechtkommen, aber unfähig sind, ein Unternehmen durch schwere Wetter zu lotsen.

Ich kenne leider nur wenige Unternehmer, die diese gescheiterten Helden mit ganz anderen Augen sehen. »Wenn ein Manager Fehler macht«, sagte neulich der Chef einer mittleren Hotelgesellschaft, »zeigt das vor allem, dass er zum Risiko bereit ist. Die Art, wie er mit Flops umgeht, ist für mich letztlich ein Indikator für seinen Umgang mit dem unberechenbaren Wandel.« Vorausgesetzt, der Kandidat steht zu seinen Fehlern und hat aus ihnen gelernt. Doch diese Sicht ist eher die Ausnahme. Dagegen ist in unserem Land leider immer noch Tatsache, dass ein Top-Manager, dem beispielsweise als Nachwuchskandidat einmal etwas daneben gegangen ist, wenige Chancen hat, weiter zu kommen. Dem halte ich entgegen: Was mir Sorge macht ist, wenn ein Kandidat noch nie Fehler gemacht hat. Manager von heute haben mit Märkten zu tun, die kaum berechenbar sind. Da sind gelegentliche Fehler unvermeidbar. Unternehmen müssen sich fragen, ob sie Bewahrer oder Veränderer im Management wollen. Meine Beobachtung ist: Scheitern muss nicht unbedingt das Ende der Karriere bedeuten. Die meisten Gescheiterten sind durch ihren Absturz besser geworden. Sie haben die Kunst des Scheiterns gemeistert.