Job Management

Sklaven der Angst

Es gibt natürliche Ängste, die wir brauchen, weil sie uns vor lebensbedrohlichen Gefahren bewahren. Daneben gibt es aber eine Reihe von angelernten Ängsten, die uns täglich im Wege stehen. Doch wie können wir diese in den Griff bekommen?

Seien wir mal ehrlich: Sogar der selbstbewussteste Manager ist von Ängsten getrieben – der Angst, Fehler zu machen, sich zu blamieren oder zu versagen – der Furcht davor, was die Leute sagen könnten. All das hindert Menschen daran, aus dem Schutz des Gewohnten und Vertrauten auszubrechen, zu experimentieren und ihr wahres Potenzial zu entdecken. Ängste wirken wie Bremsen. »Nicht weil es schwer ist, wagen wir es nicht, sondern weil wir es nicht wagen, ist es schwer.« Der weise Mann, von dem diese Worte stammen, lebte vor etwa 2.000 Jahren im alten Rom: Der Philosoph Seneca wusste um unsere inneren Bremsen.

Diejenigen, die jahrelang in den großen Hotelketten arbeiten, kennen das: Selten sind Eigeninitiative und Kreativität wirklich erlaubt bzw. gewünscht. Wer sich trotzdem traut, läuft natürlich auch Gefahr zu scheitern. Wie kann man solche Misserfolge dann rechtfertigen? Wie häufig kann sich eine Führungskraft oder ein Mitarbeiter Flops erlauben, bis es heißt: »Das ist ein Aufsässiger. Der hält sich nicht an die Standards. Den hat das Glück verlassen. Der ist inkompetent.« Wir sind uns sicher einig: Es ist absolut okay, dass es Situationen gibt, die uns Angst einflößen. Schade nur, wenn wir der Angst die Oberhand geben und uns in unser Schneckenhaus der Passivität zurückziehen. So werden wir niemals entdecken, welche Kräfte in uns stecken. Am besten ist es daher, mutig zu experimentieren, sich der gefürchteten Aufgabe zu stellen, die eigene Angst an die Hand zu nehmen und das zu tun, was man schon immer tun wollte. Und zwar jetzt. Sofort. Mag sein, dass man damit in der Konzernzentrale aneckt, sich blamiert oder das Vorhaben misslingt. Aber die Chance, etwas Neues zu lernen, ist größer als die Gefahr abgewiesen oder ausgelacht zu werden. Für Unternehmen bedeutet das: Sie brauchen eine Fehlerkultur, die Mitarbeiter motiviert zu experimentieren, mutig Fehler zu machen, um daraus zu lernen. »In unserem Unternehmen werden Sie entlassen, wenn Sie keine Fehler machen«, war das Führungsmotto von Steve Ross, dem langjährigen Boss von Time Warner Enterprises. Er war davon überzeugt: »Wenn Sie sich in der heutigen von unglaublichem Tempo geprägten Wirtschaft keine blutige Nase holen, können Sie eigentlich nur eines sein: tot.« Er wusste: Wer alles abwägt und nichts wagt, wird niemals Erfolg haben, nie entdecken, was alles möglich wäre. Er wird tausend Gründe finden, warum es nicht möglich ist. Oder er wird sein mutiges Handeln auf später schieben. Doch später bedeutet nie. Und irgendwann ist es dann tatsächlich zu spät – die Chance verpasst. Wie schade!

Zur Förderung einer konstruktiven Fehlerkultur hatte einer meiner Klienten – Chef einer kleinen Hotelgruppe – eine pfiffige Idee: Er fragte sich »Wie kann ich neben all den guten Nachrichten im Unternehmen eine Fehlerkultur frei von Ängsten glaubwürdig entstehen lassen?« Ihm war klar, dass das nur im offenen Umgang mit Fehlern gelingt. So prämierte er neben der Ehrung »Mitarbeiter des Monats« auch den »Fehler des Monats«. Nicht um Kollegen anzuprangern, sondern damit offener damit umgegangen wird und aus den individuellen Irrungen möglichst alle etwas lernen können. Er selbst ging dabei mit gutem Beispiel voran, indem er seine eigenen Fehler »prämieren« ließ und im Unternehmen öffentlich machte. Das schaffte Vertrauen und erreichte einen angstfreieren Umgang mit der Arbeit. Schritt für Schritt entstand eine positivere Einstellung der Mitarbeiter zu ihren Aufgaben und zu ihrem Arbeitgeber. Aus Routine und Pflichterfüllung entstand Neugier, Begeisterung, Experimentierfreude, Herzblut – vom General Manager, Buchhalter, Hotelverkäufer bis zum Spüler in der Küche. In den Hotels seiner Gruppe gab das einen bemerkenswerten Ruck. Wenn ich heute in diese Betriebe komme, begegne ich strahlenden Gesichtern, Mitarbeitern, die sich als Entdecker verstehen, voller Lebens- und Leistungsfreude – wie kleine Kinder, die neugierig sind und die Welt entdecken wollen. Sobald sie morgens aufwachen, sind sie gespannt auf den neuen Tag. Selbst die Gäste spüren das.

In modernen Unternehmen hat man inzwischen erkannt: Wer mit Angst regiert, ist kein guter Unternehmenslenker. Wer unter Angst leidet und führen soll, taugt nicht zum Manager. Die Zukunft gehört denen, die Risiken als Chancen betrachten und ihre Leute angstfrei arbeiten lassen. Chefs, denen es gelingt, eine Arbeitsatmosphäre frei von Ängsten zu schaffen, werden ihr Team dazu motivieren können, selbst den härtesten, schwierigsten oder gewöhnlichsten Job mit außergewöhn-licher Begeisterung zu erledigen. Zugegeben – das ist nicht immer die bequemste Lösung. Aber das sind dann die Leute, die wirklich etwas unternehmen im Unternehmen. Und plötzlich wird alles leichter. Sie erzielen Ergebnisse, von denen andere nur träumen.