Vier Türme für einen Franken:

Vier Türme für einen Franken

Der Ölhandel war das Metier des Vaters, Sohn Stefan Fuchs dagegen fand sein Glück in der Hotelbranche. Die Karriere führte ihn trotzdem in das Land der Ölscheichs: In Abu Dhabi leitet er das Jumeirah at Etihad Towers. Dort begegnet der Würzburger jeder Herausforderung voller Tatendrang – manchmal sogar undercover.

Die größte Hotelhalle der Welt. Steht man hier, bezweifelt man es nicht. Was der australische Architekt Raith Anderson mit seinem DBI Designteam entwarf, könnte auch Sportarena, Konzertsaal, Theater oder Parlament sein. Mit einem gewaltigen Balkon, der wie in einer Flughafenhalle das Grundgeschoss überragt. Ein eleganter Mitvierziger mit schwarzer, goldumrandeter Hornbrille erscheint – unmöglich ihn zu übersehen. Es ist Stefan Fuchs, der General Manager. »Wer etwas in Abu Dhabi erledigen will, taucht irgendwann hier auf«, erklärt er beflissen. Das ausladende Foyer der Jumeirah at Etihad Towers ist der Meeting Point für Insider aus Finanzwelt, Wirtschaft und Diplomatie. Stefan Fuchs fügt hinzu: »Dubai ist wie New York, Abu Dhabi ist das Washington. Es gibt hier 137 Botschaften.« Ein schneller Rundblick genügt, um zu orten, wer hier gerade arbeitet und netzwerkt. »Dort sitzt der frühere Geheimdienstchef der Emirate«, erwähnt Fuchs beiläufig. Scheich Al-Mahfoudh bin Bayyah weilt ebenfalls in der Lobby. »Seine Eminenz hat mich neulich gefragt, welche Fliesen er fürs Bad in seinem Haus in London nehmen soll«, schmunzelt Fuchs. Im Moment ist seine Eminenz aber voll konzentriert in einer Gesprächsrunde. Er wohnt in einem der vier gläsernen Türme, die den Komplex der Etihad Towers bilden. Etihad bedeutet vereint. Stefan Fuchs leitet also ein vereintes Reich aus 385 Luxushotelzimmern, 199 Apartments mit Service, 885 Ein- bis Zwei-Zimmerwohnungen, einem Ballsaal für 1.000 Gäste, Konferenzräumen mit insgesamt 4.200 Plätzen, zwölf Restaurants und auf zwei Etagen verteilt 36 Edelboutiquen von Cartier bis Gucci. Einer der vier Türme hat 79 Stockwerke auf rund 305 Metern, somit stellt der schlanke »Glasfinger« auch das höchste Gebäude von Abu Dhabi dar. Diese Zahlen schüttelt Fuchs locker aus dem Ärmel. Er liebt sie, besonders die 150 Millionen Dollar Jahresumsatz machen ihn stolz. Insgesamt, so Fuchs, umfassen die Towers eine bebaute Fläche von 520.000 Quadratmetern, zum Areal gehören der Präsidentenpalast, Parks, Fontänen, Pavillons, Triumphbögen. »Es ist so groß wie 32 Fußballplätze«, fasst der GM zusammen.

Angefangen hat für den Würzburger alles 1993 bei Geigers Partyservice im schwäbischen Kornwestheim bei Stuttgart. Vier Jahre später begann Stefan Fuchs an der Bavaria Hotelfachschule in Altötting. Nach bereits zwei Jahren war er als Operations Manager in Katar tätig. Zuerst bei der Islamic Conference, dann im The Diplomatic Club. Ab 2001 war er im Ritz-Carlton Doha für Food & Beverage operating plans zuständig. Dazu gehörte auch, die Auftritte von Popstars wie Shaggy, Lionel Richie und UB40 mit Catering zu betreuen. Nach einem Zwischenspiel bei Ritz-Carlton in Moskau fasste Fuchs endgültig in Abu Dhabi Fuß. Im Madimat Jumeirah und Emirates Palace begann er anschließend im F&B-Bereich zu arbeiten: Ein arabisches Märchendorf mit Bazar, Lagune mit Gondeln und danach das exklusivste Hotel der Welt. Die eine Karrierestation umfasste 42 Restaurants, Bars und Cafés, sowie einen 6.000 Quadratmeter großen Bankettbereich, die zweite bestand aus 13 kulinarischen Top-Outlets samt 9.000 Quadratmetern Fläche für Bewirtung bei Festen und Konferenzen. Zur Bilanz gehörten für ihn dort auch: »Mindestens hundert Präsidenten, denen ich begegnet bin.« Nach diesen Erfahrungen wurde ihm 2010 das Pre-Opening von Jumeirah at Etihad Towers anvertraut. Seit 2014 führt er dort schließlich als General Manager das Regiment, das aus knapp 1.000 Mitarbeitern aus 65 Ländern besteht. Den 174 Köchen widmet Fuchs besondere Aufmerksamkeit: Talente anleiten, auf jedes Detail bedacht, unermüdlich nach der Perfektion strebend.

Den Tag beginnt er um 6.30 Uhr im Fitnessstudio. Anschließend, um Punkt 7.40 Uhr, startet er seinen Rundgang. Keine Minute darf verloren gehen. Um 9.00 Uhr gibt es ein Meeting. Danach ist Fuchs bis mindestens 22 Uhr in den Türmen unterwegs. »Wenn ich Schluss mache, gehe ich sofort ins Bett. Auch das habe ich gelernt: Schneller schlafen«, lacht der Junggeselle. Das entspricht auch seinem Grundsatz: »Lächeln und freundlich sein. Wir können den Menschen alles beibringen, nur nicht, wie man freundlich lächelt. Diese Fähigkeit muss jeder mitbringen, sonst taugt er nicht für den Hotelberuf.« Mindestens zweimal im Jahr schlüpft er undercover in eine andere Rolle und verkleidet sich zum Beispiel als Mitarbeiter des Roomservice und putzt die Zimmer mit. »Ich bin schon als Bellboy am Eingang gestanden, habe Koffer geschleppt. Ich habe auch Trinkgeld bekommen und behalten«, prustet er los. Nicht ohne Humor erzählt er, dass er mit seinem Team alle Probleme lösen kann. »Sogar, als wir im Hause eine Religionskonferenz hatten. Jeweils zwölf islamische und christliche Würdenträger. Dreizehn waren Rabbiner. Zur Teilnahme stellten sie koschere Mahlzeiten zur Bedingung. Das in einem islamischen Land! Da fiel mir ein: Etihad ist doch unsere Fluggesellschaft. Also ließen wir zweimal täglich aus London die Verpflegung nach koscherer Art einfliegen. In Plastikbehältern aufgewärmt, von arabischen Händen unberührt.« Stolz ist Fuchs auf »sein« Hotel, besonders aber auf einen Schatz, der sich in der Patisserie zwischen Sachertorten, Cremerollen,  Macarons und Pralinen findet: »Deutsches Brot. Aus Sauerteig.« Keine Frage, wo Stefan Fuchs einmal im Jahr Urlaub macht. Angemeldet mit festem Wohnsitz ist er in Leutkirch im Allgäu.