Walter C. Neumann

Bestens integriert

Einmal Hotel, immer Hotel. - Walter C. Neumann kann davon ein positives Lied singen. Er gehört in der vierten Generation zu einer Hotel-Gastro-Familie. Inzwischen ist er als CEO und COO bei der privaten russischen Hotelgruppe Azimut in Moskau gelandet.

Die Branche bekam Walter Neumann in die Wiege gelegt, doch wäre eine Hotelkarriere nicht zwingend gewesen. »Aber es hat mir immer Spaß gemacht. Mit zwölf Jahren habe ich das erste Mal gekellnert, mit 14 habe ich dem Oberkellner assistiert. Das war eine gute Schule, um mehrgleisig sein zu können«, sagt er. »Außerdem bin ich immer gerne zur Schule gegangen«, so Neumann, der deshalb auch in einem anderen Beruf hätte seine Bestimmung finden können. Lehrer für Geschichte, Englisch und Sport, auch das hätte aus dem Mönchengladbacher werden können. Abitur, Militärdienst in Heidelberg, dann wäre es eine andere Vita geworden. Im Swissôtel Düsseldorf hat er seine ersten sechs Lehr- und Arbeitsjahre verbracht, der letzte Job dort war Assistant Front Office Manager.

Dann der große Sprung: »Ich ging als Front Office Manager ins Grand Hotel Europe nach St. Petersburg«, erzählt der 52-Jährige, für den der Job, egal ob im Hotel oder in der Zentrale, immer noch ein Traumberuf ist. Raus aus Deutschland in ein Land im Umbruch, das Grand Hotel sei seine prägendste Station gewesen. Auch weil er dort seine russische Ehefrau kennengelernt hat, eine damalige Kollegin, die sich als Glückspilz bezeichnen kann. Denn in einem Punkt ist Neumann, der sich als »Mensch mit Ecken und Kanten« bezeichnet, von der alten Schule: Er hält einer Frau die Tür auf. »Ich zahle grundsätzlich«, verrät er und macht sich damit zu einem fast schon raren Exemplar der männlichen Gattung. Dieses Jahr ist für das Paar ein besonderes: 25 Jahre sind die beiden zusammen und inzwischen auch Eltern von zwei Kindern im Teenager- und Grundschulalter.

Die zweitgrößte Stadt Russlands war fünf Jahre gemeinsame Heimat des Paares. Neumann wechselte ins Clarion North Crown Hotel und kurzfristig sogar in die Reiseagentur Chesma, wo er die Position des Director of Sales & Marketing innehatte. Ende der 1990er-Jahre der nächste Schritt: Kurse an der privaten Cornell University im Staat New York und zurück nach Deutschland. Es ging wieder nach Nordrhein-Westfalen, zu Lindner Hotels, erst nach Düsseldorf und anschließend erstmals als GM ins BayArena nach Leverkusen, dann als Director Development zurück nach Düsseldorf. Mit Andreas Krökel, den er während seiner Ausbildung kennenlernte und der inzwischen im Vorstand der Lindner Hotels arbeitet, ist er bis heute befreundet. Sein MBA machte er in Edinburgh und in Chur. Anschließend die nächste Hotelgruppe, ArabellaSheraton, und die nächste Stadt: München. 2006 folgte der Wechsel zu den Travel Charme Hotels & Resorts nach Berlin, erst als Director Operation, dann als Managing Director, bevor es vier Jahre später zurück nach St. Petersburg ging. »Wir hätten natürlich in die Welt gehen können, aber 2003 wurde unsere erste Tochter geboren und so konnte sie erst einmal in Deutschland aufwachsen. 2010 kam das Angebot, wieder nach St. Petersburg, in die beiden Rocco Forte-Häuser Astoria und Angleterre zu gehen. In dem Jahr kam auch unsere zweite Tochter zur Welt. Uns ist es wichtig, dass die Kinder unsere beiden Heimatländer kennenlernen«, sagt Neumann, der damit dem Nachwuchs bereits zwei Sprachen mit in die Wiege gelegt hat.

Seit Herbst 2013 hat sich zwar das Land nicht geändert, dennoch der Arbeitsort. Neumann ist seitdem CEO der Azimut Hotels. Sein Büro mit 55 Mitarbeitern, gleichsam die Zentrale, befindet sich in Moskau. Die Familie wohnt aber weiterhin im gut 700 Kilometer entfernten St. Petersburg, wo seine Frau als Hoteldirektorin arbeitet, und er pendelt am Wochenende. Das gehe gut zusammen, da er in seiner Zusatzfunktion als COO für das private russische, mit am schnellsten wachsende Hotelunternehmen im Mid-Scale-Segment im Land umherreise, etwa nach Nowosibirsk oder Wladiwostok. 21 Hotels mit über 9.100 Zimmern in Russland, Deutschland und Österreich gehören der Gruppe an. »Wir sind größtenteils nicht nur Betreiber, sondern auch Besitzer der Immobilien. Die meisten anderen Hotelgruppen hierzulande haben kein Eigentum«, hebt Neumann hervor. »Gerade für die russischen Gäste steht das Preis-Leistungsverhältnis stark im Vordergrund. Wir agieren im Drei- und Vier-Sterne-Bereich und können Leistungen und – ebenfalls sehr wichtig – Service zu fairen Preisen anbieten«, so Neumann, für den vernünftige Produkte wichtiger sind als Mainstream oder Neuerungen um jeden Preis. Die russische Klientel, ergänzt er, sei viel digitaler veranlagt als die deutsche, was sich auch an der Nutzung von digitalen Reise-Portalen zeige. »Die neuen Medien sind für unsere Kommunikation extrem wichtig und stellen eine der Hauptherausforderungen dar, um unsere Marke weiter nach vorne zu bringen«, sagt der CEO. 2016 blickt er auf ein besseres Geschäftsjahr als 2015 zurück, was unter anderem auch vielen Leisure-Reisenden aus Indien und dem Iran sowie Corporate-Gästen zu verdanken sei. Eingebunden ist er auch in die Expansions-Pläne der Hotelkette: »Wir sind an den 1-A-Standorten in Russland interessiert, in neun der 15-Millionen-Städte sind wir bereits präsent. Aber auch B-und C-Standorte können für Azimut in Frage kommen. Außerdem wollen wir in Osteuropa wachsen. Wir interessieren uns für Perlen wie Bulgarien.« Sieben Hotels an fünf Standorten sollen in Deutschland nur der Anfang sein. Häuser in Hamburg, Düsseldorf und Hannover seien hierzulande von Interesse.

Als Deutscher im Ausland fallen ihm wie anderen Expats Landessitten und -gebräuche schneller auf. Die russischen Mitarbeiter, so Neumann, mögen klare Ansagen. Man müsse jedoch aufpassen, fügt er süffisant hinzu, dass sie bei der Umsetzung nicht zu kreativ würden. Dass sie nicht innovativ seien, könne man ihnen wahrlich nicht unterstellen. Kreativ und innovativ ist generell eine Seite an Moskau und St. Petersburg, die dem Azimut-CEO gefällt. Die Restaurantkonzepte in Moskau seien wegweisend und es sei hier auch, im Gegensatz zu Deutschland, erlaubt zu scheitern. Neues passiert auch gerade bei seinem Arbeitgeber. »Ende März haben wir in Moskau, direkt neben dem Außenministerium, das Hotel Smolenskaya eröffnet, ein völlig neues Konzept für uns mit 474 Zimmern, fünf Restaurants, Executive Lounge, großem Fitness- und Poolbereich«, verkündet Neumann, der sich nach einem Vierteljahrhundert in Russland als »gut integriert« betrachtet und für seine deutschen Freunde »der Russe« ist. Eine der vermeintlich typischsten russischen Erlebnisse steht aber erst in diesem Jahr an: eine Reise mit der Transsibirischen Eisenbahn nach Wladivostok.