Parahotellerie

Airbnb will alles aus einer Hand bieten

Die sogenannte Sharing Economy ist knallhartes Business, in dem nur die Stärksten überleben. Der größte Player auf dem Markt, Airbnb, baut mit pfiffigen Angeboten und technischen Neuerungen seine Marktführerschaft aus und avanciert zum »All-in-one-Reisebüro«.

Silvester ist auf der Beliebtheitsskala ganz oben: Klassischerweise ist der Jahreswechsel einer der buchungsstärksten Tage im Hotel, doch auch Airbnb kann an Silvester über mangelndes Geschäft nicht klagen. Rund zwei Millionen Gäste reservierten zum Jahreswechsel 2016/2017 eine Bleibe bei dem Privatzimmer-Vermittler – laut Airbnb  eine Verdoppelung zum Vorjahr und eine 1.400-fache Steigerung im Vergleich zu 2009. Eine Studie des Finanzanalysten Susquehanna International Group (SIG) kommt gar zu dem Schluss: Privatunterkünfte entwickeln sich zu einer Hundert-Milliarden-Dollar-Industrie. Bis zum Jahr 2018 wird jeder fünfte Gast weltweit  in privaten Unterkünften statt im Hotel übernachten, so das Fazit. Dies mache rund 19 Prozent (und damit 106 Milliarden US-Dollar) der Gesamtmenge an globalen Zimmerbuchungen (rund 555 Milliarden US-Dolar) aus. 2014 lag der Anteil noch bei 16 Prozent (69 Milliarden US-Dollar).

Dominierender Player auf dem Markt ist und bleibt Airbnb aus San Francisco. Bot das Unternehmen 2013 circa 300.000 Unterkünfte in 33.000 Städten rund um den Globus an, sind es aktuell bereits drei Millionen Einträge in über 50.000 Städten. Die deutschen Anbieter 9Flats und Wimdu hingegen, die beide seit Frühjahr 2011 online sind, haben mit erheblichen Problemen zu kämpfen. So schreibt Wimdu seit Jahren Verluste in Millionenhöhe; im Sommer 2016 entließ das Unternehmen etwa 60 seiner 250 Mitarbeiter. 9Flats verlegte hingegen seinen Hauptsitz nach Singapur. Nachdem sich beide Unternehmen Ende vergangenen Jahres zusammengeschlossen haben und damit knapp 500.000 Unterkünfte weltweit anbieten konnten, soll das ehemalige Rocket-Unternehmen Wimdu nun wieder verkauft werden. Diesmal an das dänische Unternehmen Novasol, das ebenfalls Ferienwohnungen vermittelt. Das Ziel: Wimdu in den kommenden zwölf Monaten wieder profitabel zu machen.

Das neue »All-in-one-Reisebüro«

Für Airbnb hingegen läuft nicht nur das Vermittlungsgeschäft von Privatunterkünften sehr gut, das Unternehmen möchte jetzt auch in neue Sparten vordringen und dadurch zu einem umfassenden Reiseanbieter werden. Mit dem Ausbau seines Angebotes rund ums Thema Reisen macht Airbnb damit nicht mehr nur Hoteliers weltweit Konkurrenz, sondern nimmt Eventanbieter wie Tripadvisor oder Mydays ins Visier. Konkret sieht das so aus: Reisende können seit November 2016 sowohl in einer individuell eingerichteten Privatwohnung übernachten als auch Reisetouren – sogenannte »Airbnb Experiences« – hinzubuchen. Über 500 solcher Angebote listet das Unternehmen bereits auf seiner Homepage; die Spannbreite reicht von Kochevents über Malkurse und Graffiti hin zu Tanzlehrgängen. Der Vorteil für den User: Er muss nach dem Buchen einer Bleibe nicht mehr die Plattform wechseln. Zusätzliche Touren oder ein angesagtes Restaurant reservieren, Zahlungsdetails einsehen – dies alles bündelt Airbnb in einer Applikation. Auch der Chat innerhalb der App hat seine Funktionen erweitert, sodass die Kommunikation mit den Gastgebern nur noch über diesen Weg laufen kann.

Als zusätzliches Plus sollen sich die zahlreichen Angebote und Ferienaktivitäten in der Kategorie »Places« etablieren.Die Idee dahinter: Der Reisende benötigt keinen Reiseführer mehr, sondern kann Reisetipps und Insider-Informationen – inklusive Karte – einfach über die App abrufen. Was der Airbnb-App noch fehlt, sind Mobilitätsdienste, doch auch hier ist man bereits aktiv – »Flüge und andere Angebote« sollen Unternehmensangaben zufolge bald kommen. Erste Versuche gibt es bereits: Mitte vergangenen Jahres konnten User Lufthansa-Flüge zwischen Frankfurt und New York buchen. Und auch auf einem ganz anderen Markt hat Airbnb bereits seine Fühler ausgestreckt, denn 13 Millionen US-Dollar hat der künftige Multiplayer vor nicht allzu langer Zeit in ein bestehendes Gastro-Buchungssystem investiert.

Vielen Hoteliers ist die Konkurrenz der Privatzimmer-Vermittler verständlicherweise ein Dorn im Auge; einige wenige wollen bei dem Geschäftsmodell hingegen mitmischen und bieten ihre Hotelzimmer über die Sharing-Portale an. So auch das i31 Berlin. »Wir sind seit zwei Jahren dabei und waren damals eines der ersten Hotels bei Airbnb«, erzählt Direktor Zeev Rosenberg. Das Ganze sei aufgrund der wechselhaften Resonanz eher als Marketing-Gag zu sehen. In einem Monat würden vier bis fünf Zimmer gebucht, im nächsten keines. Nicht abgeneigt, den zusätzlichen Kanal zu nutzen, ist auch das Grand Ferdinand in Wien. Vornehmlich im Luxussegment unterwegs, vermarktet es seine beiden eleganten, aber bezahlbaren »Schlafsäle« via Airbnb.

Florian Weitzer, Chef der Weitzer Hotels: »Mit diesem Medium erreichen wir die richtigen Kunden. Airbnb ist das größte ›Hotel‹ der Welt, das Milliarden Betten verkauft. Wir sehen das ähnlich wie bei Booking.com – da kommt man auch nicht darum herum.« Auch die französische Châteaux & Hôtels Collection weitet seit Ende 2016 ihren Vertrieb aus, indem sie künftig einige Zimmer über die Webseite des Sharing-Economy-Portals anbietet. Für Airbnb ist es die erste Vertriebspartnerschaft mit einem bedeutenden europäischen Hotelverbund. Bei allem Für und Wider lockt den Hotelier die attraktive Provision. Während der Gast für die Vermittlung seiner Unterkunft zwischen sechs und zwölf Prozent bezahlt, ist der Gastgeber mit gerade einmal drei Prozent dabei. Im Vergleich zur durchschnittlichen Provision bei Booking.com (15 Prozent) ein Klacks.

Hintergrund: Marktanteil von Airbnb bei 3 bis 4 Prozent

Die Auslastung der Airbnb-Unterkünfte ist immer dort am höchsten, wo auch die Hotels eine gute Belegung haben. Das ist eine Erkenntnis einer aktuellen STR-Erhebung, die der Dienstleister im vergangenen Jahr in sieben US-Städten durchgeführt hat. Weiterhin teilte STR mit, dass die Zimmerpreise der Hotels um rund 16 Dollar höher waren als die Raten in den Privatquartieren; in puncto Aufenthaltsdauer hat hingegen die Parahotellerie mit über sieben Tagen klar die Nase vorn. Die Experten von STR halten den neuen Wettbewerber Airbnb noch für berechenbar, da zumindest die amerikanische Hotellerie weiter wächst und sich der Marktanteil des ehemaligen Start-ups bis dato bei lediglich drei bis vier Prozent bewegt.