Einnahmequelle »Micro Stays«
Raus aus der Schmuddelecke

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Den Verkauf von Tageszimmern brachte man lange Zeit mit »Stundenhotels« in zwielichtigen Stadtvierteln in Verbindung. Dabei gehören »Micro Stays« in Metropolregionen schon seit mehr als 20 Jahren zum Standard. Seit einiger Zeit sind Hotelzimmer für wenige Stunden auch auf Online-Portalen buchbar und das Thema rückt zunehmend in den Fokus. Tophotel wollte von Hoteliers, Experten und den Plattformbetreibern wissen, wie der Stand der Dinge ist und wohin die Reise gehen soll.

Bereits Anfang der Neunzigerjahre war die Vermietung von Hotelzimmern tagsüber gängige Praxis in Frankfurt. Das berichtet Olaf P. Beck, damals Verkaufsdirektor des Ramada Hotels am Flughafen. Morgens landeten Business-Reisende aus New York, die nachmittags oder abends Termine hatten und den Tag im Hotel nutzten, um zu schlafen, zu arbeiten oder zu duschen. Auch für AccorHotels sind »Micro Stays schon immer ein Thema«, wie Eike Alexander Kraft, Unternehmenssprecher Central Europe bestätigt. Heute wird der Begriff »Daycation« genutzt, um die zweite wichtige Zielgruppe zu umschreiben, die Tageszimmer buchen: Konzert- oder Stadionbesucher sowie Städtereisende auf Kurztrip, die am gleichen Abend wieder abreisen, sich im Laufe des Tages aber noch eine Auszeit gönnen möchten

Die Destinationen – Flughäfen, Bahn­höfe, Messe- und Stadtzentren – sind geblieben, der Buchungskanal ist vergleichsweise neu: Im Jahr 2010 gründete der französische Hotelier David Lebée mit zwei Freunden das Portal Dayuse.com, auf dem seit 2014 auch deutsche Hotels buchbar sind. Das spanische Pendant ByHours bietet den Service seit 2012 an. Das Prinzip ist das gleiche: Gäste buchen für ein bestimmtes Zeitfenster bzw. für drei, sechs oder neun Stunden ein Hotelzimmer, können in dem Zeitraum auch die sonstigen Angebote des Hotels nutzen und zahlen dafür nur einen Bruchteil der üblichen Rate.

Weltweit aktive europäische Anbieter


Die Portale – zu ihnen gehört auch der 2009 gegründete belgische Anbieter Between9and5 – bewerben ihre Leistungen mit verheißungsvollen Aussagen über deutlichen Mehrumsatz und große Flexibilität: »Es ist vollkommen kompatibel mit dem täglichen Geschäft, da die Hotels entscheiden können, was, wie, wann und zu welchem Preis sie verkaufen möchten«, so Giovanni Merello, Country Manager DACH, ByHours. Die Kosten werden auf Provisionsbasis vereinbart; bei den Spaniern sind es zwischen acht und 18 Prozent. Dayuse.com lässt sich nicht in die Karten schauen, verspricht aber, dass ohne Buchungen auch keine Gebühren entstehen.

ByHours zählt nach eigener Angabe bereits mehr als 2.500 Häuser in Europa zu seinem Angebot und über 100 an insgesamt 38 Standorten in Deutschland. Die meisten der monatlich 7.000 Buchungen kommt aus der EU, die Hauptmärkte sind Spanien und Deutschland. Dayuse.com listet in 18 Ländern weltweit 3.000 Hotels, hierzulande beläuft sich die Zahl auf über 200. Der internationalen Nachfrage wird man beim französischen Anbieter mit Niederlassungen in Brasilien und New York gerecht, Anfang 2017 soll ein Büro in Hongkong eröffnen. »2020 wird Dayuse.com in 60 Ländern vertreten sein«, so Adrien Gateau, DACH & Netherlands Country Manager Dayuse.com.

40 bis 70 Buchungen pro Monat


Die Kunden der Buchungsportale sind sowohl Ketten- als auch Privathotels, bei Dayuse.com im Verhältnis 30 zu 70 Prozent. Online sind deutschlandweit beispielsweise Häuser von AccorHotels, Marriott, Dorint sowie Mövenpick zu finden und stundenweise buchbar. Dorint verzeichnet durch die Zusammenarbeit mit ByHours etwa 40 bis 70 Buchungen pro Monat, so Olaf Mertens, Geschäftsführer Neue Dorint GmbH. Bei Deutsche Hospitality, die mit Between9and5 sowie mit Dayuse.com zusammenarbeitet, sind es ca. zehn Tageszimmer, die monatlich verkauft werden. Bei dieser geringen Zahl von Buchungen fielen auch die Zusatzkosten für Zimmerreinigung etc. kaum ins Gewicht, so Christopher Holschier, Director Corporate Communications. Ähnliches gilt wohl für Rilano: Die Hotelgruppe bietet die Zimmer ihrer drei Münchner Häuser seit rund einem Jahr auf Dayuse.com und ByHours an und kommt auf etwa 20 Buchungen pro Monat. Der Mehraufwand für die zusätzliche Reinigung wird mit 14 Euro pro Zimmer angegeben – bei Raten ab rund 60 Euro. Auch bei Kempinski geht man davon aus, dass die bereits vorhandene Nachfrage nach Tageszimmern in Zukunft weiter wachsen wird. Allerdings hat das Kempinski Hotel Bristol Berlin nach einer sechsmonatigen Testphase die Zusammenarbeit mit dem Portal ByHours wieder beendet. Zu den Gründen wollte man sich nicht weiter äußern. Möglicherweise besteht also noch Optimierungsbedarf in den Angeboten der Plattformen bzw. in der Zusammenarbeit mit Hotels. In der Testphase befinden sich derzeit auch die AccorHotels. Im Moment läuft ein weltweiter Pilotversuch in Kooperation mit Dayuse.com, insofern seien noch keine konkreten Aussagen zu einzelnen Marken und Hotels möglich, so Eike Alexander Kraft.

Eine Direktbuchung von Tageszimmern über die hoteleigene Webseite bietet bislang keine der genannten Hotelgruppen an. Doch auch dem Thema »Micro Stay« sollten sich Hoteliers ganzheitlich widmen und daran arbeiten, den unterschiedlichsten Buchungswünschen des Gastes gerecht zu werden. Olaf P. Beck, inzwischen CDO #hotelfriends, ermutigt auch privat geführte Hotels dazu: »Das ist eine große Chance für gut geführte, seriöse Hotels, ohne dass man das Gefühl hat, man bedient einen Rotlichtmarkt.«

Diskretion ist oberstes Gebot


Apropos Rotlichtmarkt und »Schmuddelecke«: Seitens der Hotelgruppen möchte man sich aus Gründen der Diskretion nicht zur Frage äußern, ein wie großer Anteil der Buchungen auf Gäste entfällt, die für sich und eine weitere Person zu einem intimen Zweck ein Zimmer buchen. Dass die neuen Angebote der Buchungsplattformen aufgrund ihrer Anonymität mitunter auch für »Schäferstündchen« genutzt werden, hatte »DIE WELT« im Juni aufgezeigt: Die Journalistin Anette Dowideit traf sich in einem zuvor bequem online gebuchten Hotelzimmer mit einem untreuen Ehemann, der über seine Seitensprünge in Tageszimmern berichtete. Doch ob am Tag oder in der Nacht, Olaf P. Beck ist mit dieser Meinung sicherlich nicht alleine: »Es geht uns nichts an, was die Gäste in ihrem Zimmer machen.« 

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