Sicherheit im Hotel
"Souveränität ist gefordert"

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Mit der Tragödie von Paris wurde die westliche Gesellschaft erneut ins Mark getroffen. Auch hierzulande ist die Angst vor dem Terror allgegenwärtig, einer aktuellen Umfrage zufolge rechnet die Mehrheit der Deutschen in der Bundesrepublik mit Anschlägen des IS. In diesem Kontext sprach Top hotel mit dem renommierten Terrorismus- und Sicherheitsexperten Rolf Tophoven über die Gefährdungslage für deutsche Hotel.

Tophotel: Herr Tophoven, wie stellt sich die Bedrohungslage für deutsche Hotels aktuell dar?
Rolf Tophoven: An diesem Punkt muss gleich einmal etwas differenziert werden. Die Sicherheitsbehörden sprechen nach wie vor von einer gefährlichen Sicherheitslage, denn Anschläge wie in Paris können sich auch bei uns jederzeit ereignen. Dies sind die offiziellen Aussagen. Dass jetzt aber bestimmte Hotels besonders gefährdet sind, würde ich nicht sagen. Sie fallen vielmehr unter die allgemeine Gefährdungslage. Etwas anders stellt sich die Lage für deutsche Hotelketten im Ausland dar.

Tophotel: Inwiefern?
Tophoven: Der Anschlag 2008 auf die Hotels in Mumbai ist für Terroristen eine Art Blaupause gewesen – nicht zuletzt, weil die gesamte Stadt für drei Tage paralysiert war. Jetzt hatten wir vor wenigen Tagen den Anschlag in Mali auf das Radisson Hotel und im Sommer das Massaker in einem Touristenhotel bei Sousse. Was zeigt uns das? In diesen Ländern der dritten und vierten Welt werden bestimmte Hotels als Exponate der westlichen Welt und des westlichen Luxus angesehen. Es entspricht der Ideologie der militanten Islamisten, diese ›Sündenpfule des Westens‹ beziehungsweise diese ›Gebäude der Ungläubigen‹ anzugreifen.

Tophotel: So bitter es klingt: Die Anschläge haben eine neue Qualität erreicht, oder?
Tophoven: Ja. Die neue Qualität liegt eben darin, dass man nicht mehr wie früher beim linksextremistischen Terror à la Baader-Meinhof bestimmte Repräsentanten der Industrie oder der Wirtschaft herausnimmt, sondern jetzt Massentötungen vornimmt. Das ganze geschieht – wie im Pariser Club Bataclan exemplarisch zu sehen war – ebenso bewusst wie wahllos und spiegelt die neue »Bandbreite« des Terrors wider. Da hat sich ein taktisch-operativer Wandel vollzogen. Was ja auch durch den Einsatz von Sprenggürteln und zunehmend auch das Vorgehen mit Kriegswaffen (AK 47 Klaschnikow) demonstriert wird.

Tophotel: Was bedeutet in diesem Zusammenhang die Formulierung »weiches Ziel«?
Tophoven: Ein weiches Ziel ist im Vergleich mit einer geschützten Militär- oder Polizeikaserne beispielsweise die Lobby eines Hotels. Es sind Ziele, die nicht massiv durch Barrieren oder Personal geschützt werden.

Tophotel: Welche Handlungsempfehlungen gibt es für das Hotelmanagement?
Tophoven: Jedes Hotel ist für seine Sicherheit zunächst einmal selbst verantwortlich. Wenn der Betrieb beispielsweise aufgrund seiner Gästeklientel exponiert ist, muss die Sicherheit des Hauses neu konzipiert werden – in der Regel durch private Sicherheitsfirmen. Im Notfall kann sich das Hotelmanagement auch an den Staatsschutz wenden, um eine Beurteilung der Lage zu eruieren. Besonders die großen, renommierten Hotels sollten – am besten verdeckte – Sicherheitsmechanismen einplanen. 

Tophotel: Sie bewegen sich ebenfalls in Hotels dieser Kategorie. Wie nehmen Sie diese Betriebe in puncto Sicherheitsvorkehrungen aktuell wahr?
Tophoven: Ich gehe ganz normal in die Lobby, checke ein und gehe auf das Zimmer. Vielleicht ist der innere Seismograf nach den Vorfällen in Paris etwas aktiver, aber bei realistischer Betrachtung muss man feststellen: Die Anschläge in der französischen Hauptstadt wurden mit Kriegswaffen und Sprenggürteln durchgeführt – das kann man nicht verhindern, selbst nicht mit der besten Polizei und dem besten Militär oder dem besten Geheimdienst.

Tophotel: Welchen Rat würden Sie dem Management und Personal eines Hotels geben?
Tophoven: Es ist nun Souveränität gefordert. Es bringt ja nichts, die Gäste am Eingang – in langen Schlangen – zu durchleuchten. Seitens des Sicherheitsmanagements sollte je nach Ort und Lage eine nüchterne Beurteilung der Lage erfolgen: Sind wir bedroht? Wenn ja, durch wen? Welche Parameter können außerhalb des Hotels beeinflusst werden? Und wie ist es um die Sicherheit im Inneren des Hauses bestellt?

Tophotel: Wird sich die Gefährdungslage in Deutschland durch die Tornado-Einsätze in Syrien Ihrer Meinung nach verstärken?
Tophoven: Meiner Meinung nach steht jedes Land – ob nun mit kleinem, mittlerem oder großem Engagement gegen den IS – im Ranking der Angreifer. Wenn ich von Ranking spreche, sind sicher die USA, Frankreich und Großbritannien weiter oben einzustufen als Deutschland. Das heißt aber nicht, dass wir außen vor sind.

 

Zur Person: Rolf Tophoven studierte Geschichte mit den Schwerpunkten Militärgeschichte und Guerillakriegsführung sowie Germanistik in Münster. Mit dem Phänomen der Guerilla und des Terrorismus beschäftigt er sich seit mehr als 30 Jahren in wissenschaftlichen und journalistischen Arbeiten. Der Experte  war 1986 Mitbegründer des 1993 aufgelösten Bonner »Instituts für Terrorismusforschung« und dort sieben Jahre lang stellvertretender Leiter. Rolf Tophoven ist heute als freier Publizist tätig. Seit September 2003 leitet er das neu gegründete »Institut für Terrorismusforschung und Sicherheitspolitik« (IFTUS) in Essen.